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Er hat den Eintracht-Adler mittlerweile nicht mehr nur im Rücken, sondern auch im Herzen: Fredi Bobic.

Eintracht Frankfurt

Interview mit Fredi Bobic: „Ich brauche keine Blumen“

Fredi Bobic ist auf die Minute pünktlich. Der Sportvorstand der Frankfurter Eintracht nimmt die Gäste mit auf die Terrasse seines Hotels, bestellt zum Frühstück Kaffee, Croissants, Marmelade und Spiegeleier. Seit einem Jahr, seit dem 1. Juni 2016, ist Bobic offiziell im Amt. Mit unseren Redakteuren Klaus Veit und Christian Heimrich hat er Bilanz gezogen. Die Eintracht ist auf einem guten Weg, glaubt Bobic. Aber es ist noch viel zu tun, vor allem im Hinblick auf die neue Saison. An Urlaub denkt der Eintracht-Boss deshalb derzeit nicht.

Als Sie nach Frankfurt gekommen sind, war ihr Ansehen bei den Fans geteilt. Sie sind damit locker umgegangen. Inzwischen scheint sich die Kritik gelegt zu haben. Ist das für Sie noch ein Thema?

FREDI BOBIC: Ganz ehrlich: Ich brauche keine Blumen. Ich will meinen Job machen. Ich glaube, dass ich authentisch bin und eine klare Meinung zu vielen Dingen habe, mich aber nicht jeden Tag mitteilen muss. Ich will einfach nur diesen wirklich tollen Verein voranbringen. Man sieht, was hier abgeht, was für ein Potenzial drinsteckt. Wie man in der Stadt und der Region zu dem Club steht, hat mich fasziniert. Mit dem Höhepunkt in Berlin, aber die Heimspiele vorher waren auch Wahnsinn. Das alles macht mir noch mehr Freude, weiter Vollgas zu geben.

Haben Sie denn die Stadt schon komplett kennengelernt? Es heißt, die Brücken zumindest kennen Sie schon alle...

BOBIC: Das hat damit zu tun, dass ich endlich wieder regelmäßig Sport machen kann. Nach der verrückten Transferperiode bei meinem Amtsantritt hatte ich fast zehn Kilo zu viel auf den Rippen. Morgens laufe ich am Main, den einen oder anderen, der an mir vorbeiläuft, kenne ich schon. Ich laufe zehn bis 15 Kilometer, da kommt man an vielen Brücken vorbei. In der Stadt ist überhaupt viel los. Was mir gefällt ist die Internationalität, du kannst dich extrem frei bewegen. Das erinnert mich an meine Wahlheimat Berlin.

Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, Kontakte zur örtlichen Wirtschaft zu knüpfen, Entscheider zu finden, die „geil“ auf Fußball sind und Eintracht Frankfurt unterstützen. Wie weit sind Sie bislang gekommen?

BOBIC: Gefühlt habe ich jeden kennengelernt. Ich könnte jede Woche irgendwo einen Vortrag halten. Wichtig ist aber, den Fußball nicht aus den Augen zu verlieren, deswegen haben wir im Vorstand eine Arbeitsteilung. Ich fühle mich inzwischen in den Themen sicherer. Das Wiedererkennen zwischen den wichtigen Personen und mir wird auch immer besser. Ich spüre ein großes Interesse an der Eintracht, von vielen Seiten. Das schaffen wir im Vorstand nicht alleine, deshalb hilft der Aufsichtsrat. Wir krempeln die Ärmel hoch und arbeiten. So ein Deal wie mit der Deutschen Börse (Erläuterung der Redaktion: Sponsoring auf dem Trikotärmel ab Juli, Volumen knapp zwei Millionen Euro pro Jahr) bedarf einer intensiven Vorarbeit. Der neue Hauptsponsor ist auch spannend, weil er international ist. Es werden weitere interessante Sponsoren kommen. Die Eintracht ist auf einem guten Wege. Das bedeutet aber nicht, dass alles geschafft ist. Es sind noch so viele Felder vor uns. Dazu gehört, dass wir jetzt international gehen, mit dem Trainingslager in den USA. Das gefällt dem einen oder anderen nicht, aber wir gehen danach auch nach Südtirol. Ich glaube dass wir unseren Anteil an der Außendarstellung der Liga leisten müssen. Wenn ich sehe, wie viele Tickets unsere Gegner in den USA schon verkauft haben – die Stadien in Seattle, San José und Columbus sind bis zu 75 Prozent ausverkauft – dann sage ich: Gar nicht so schlecht für eine Mannschaft, die weltweit noch nicht so aufgefallen ist.

Eine Befürchtung in Bezug auf das Trainingslager ist, dass durch das viele Reisen Zeit vergeudet wird.

BOBIC: Bayern München hat damit kein Problem, Real Madrid hat damit kein Problem, Manchester City und Borussia Dortmund haben damit kein Problem. Wir sollten das mal aus dem Kopf rauskriegen. Wir sind Hochleistungssportler. Für jeden Tennisspieler ist das ein Schlag ins Gesicht, wenn der Fußballer sagt: Jetzt bin ich aber müde. Der Tennisspieler fliegt ständig um die Kontinente und muss sofort wieder abliefern. Also: Ich lasse das nicht gelten.

Sie haben sich während der Vorrunde mitunter sehr pointiert geäußert, als es gut lief. In der Rückrunde, als der Einbruch kam, haben Sie sich sehr zurückgehalten. Warum?

BOBIC: Hätte ich jede Woche auf die Mannschaft draufhauen sollen? Das bringt nichts, wenn die Spieler eh schon am Boden sind. Ich bleibe dabei: Die Saison war gut. Die Vorrunde war sehr gut, weil die Mannschaft Tore gemacht hat, obwohl sie nicht einmal so viele große Chancen hatte. In der Rückrunde hat sie zum Teil tolle Chancen herausgespielt, aber die Tore nicht gemacht.

Man hat aber auch gesehen, dass der Kader die vielen Verletzungen nicht auffangen konnte. Auf welchen Positionen besteht bei Verpflichtungen für die neue Saison Priorität?

BOBIC: Wegen der Verletzungen von Hasebe und Mascarell werden wir im defensiven Mittelfeld schauen. Gefühlt schaut aber die halbe Liga danach. Deswegen ist der Kampf um diese Positionen groß. Im Sturm sind wir eigentlich zu. Wir werden auch auf die offensiven Außenpositionen schauen. Priorität hat für uns die Torwartfrage, die Vertragsverlängerung mit Lukas Hradecky, da wollen wir zeitnah eine Entscheidung haben. Im Bereich Innenverteidigung versuchen wir natürlich Jesus Vallejo noch einmal auszuleihen. Wir werden aber auch weiter junge Spieler von uns ins Trainingsprogramm integrieren.

Zu den Verhandlungen mit Hradecky: Der Vater soll ja ein fürchterlich harter Hund sein.

BOBIC: Er will die Interessen seines Sohnes vertreten. Das ist ganz normal. Aber wir haben auch unsere Vorstellungen. Die haben wir klar benannt. Und deshalb habe ich gesagt, dass die Zeit für tiefgründige Gespräche vorbei ist. Lukas weiß das. Er weiß auch, dass wir eine Zeit gesetzt haben, die jetzt bald endet, in der er sich entscheiden muss – so oder so. Das hat nichts mit Pokern zu tun. Wir haben finanziell alles aus uns rausgeholt was geht und damit unsere Wertschätzung dokumentiert. Am Ende muss der Spieler entscheiden.

Gibt es Angebote für ihn?

BOBIC: Wir wollen, dass er hier bleibt. Es gibt bis heute kein einziges Angebot für ihn. Wir beschäftigen uns auch nur mit der Vertragsverlängerung. Ganz klare Priorität: Lukas soll verlängern. Weil wir uns das wünschen und weil uns das als Verein gut tun würde.

Und wenn er nicht verlängert?

BOBIC: Dann weiß er wie es weitergeht.

Und wie geht es weiter?

BOBIC: Das wird er sehen.

Das Stadion hat ja auch eine Tribüne.

BOBIC: Von der aus man ein Spiel sehr schön beobachten kann, das stimmt. Aber es geht jetzt gar nicht um irgendwelche Drohgebärden. Du musst im Leben Entscheidungen treffen. So oder so. Wir als Verein haben die Stärke zu sagen: Entscheide dich dafür oder dafür. Es gab nie ein böses Wort untereinander, nur ganz klare Vorstellungen. Aber jetzt, habe ich gesagt, ist es vorbei mit den Gesprächen, weil wir alles gemacht haben, was bei unserem Budget möglich ist.

Was wird aus Slobodan Medojevic?

BOBIC: Wir haben schon die Überlegung, ihn noch einmal für ein Jahr zu sichern, um endlich auch wieder einen gesunden Slobodan Medojevic da zu haben. Er ist mit 26 im besten Fußballeralter. Wir schätzen ihn sehr als Mensch und als Persönlichkeit. Er ist einer, der immer alles gibt. Solche Spieler tun einer Mannschaft gut.

Gibt es ein Problem Alex Meier?

BOBIC: Für mich nicht. Das haben wir ihm auch klar mitgeteilt, dass wir kein Problem sehen.

Aber er wird nicht so viel Spielzeit erhalten, wie in den 13 Jahren vorher?

BOBIC: Er war lange verletzt, hat fast die komplette Rückrunde gefehlt und hat sich jetzt zurückgekämpft. Wichtig ist, das er komplett gesund wird und dann angreift. Das weiß er auch. Die Konkurrenz wird natürlich größer. Wir haben im Sturm mit Sébastien Haller nachgebessert. Ich glaube, das ist normal. Es wäre ja schlimm, wenn wir als Verein nicht an die Zukunft denken würden. Das hat nichts mit der Person Alexander Meier zu tun. Wir schätzen ihn, das haben wir immer gesagt.

Er ist ja auch eine Identifikationsfigur für die Fans.

BOBIC: Richtig, aber wir müssen auch sehen, wie wir für die Zukunft aufgestellt sind. Es gab keine bösen Worte zwischen ihm und uns. Der Trainer stellt nach Leistung auf. Ob der Spieler 18 ist oder 34 macht für uns keinen Unterschied. Ohne die erfahrenen Spieler werden wir es nicht schaffen können. Die sind wichtig fürs Mannschaftsgefüge. Du brauchst auch eine gewisse Ruhe und Erfahrung. Da muss jeder seine Rolle spielen. Die Mannschaft geht über alles.

Wie beurteilen Sie Niko Kovac?

BOBIC: Mit ihm zusammen zu arbeiten macht große Freude. Er ist ein sehr anspruchsvoller Trainer, authentisch, wie man sagt, mit klarer Kante. Charakterlich absolut eine Nummer eins. Auch während der schweren Phase in der Rückrunde hat er das gut gemeistert. Als die Ergebnisse nicht stimmten, hat das an ihm zwar genagt, aber er hat dagegen gut angekämpft und die richtigen Schritte gefunden. Und er möchte sich immer weiterentwickeln. Das ist das, was mir an ihm gut gefällt.

Wie sind denn die Spieler mit der schweren Phase umgegangen? Was haben Sie für Erkenntnisse gewonnen?

BOBIC: Unterschiedlich. Jeder Mensch ist anders gelagert. Es gab Spieler, die noch mehr investiert haben, um wieder auf das Niveau zurückzukommen, es gab einige, die sich ein bisschen zurückgenommen haben. Es war keine einfache Phase. Weil sie natürlich zwischenzeitlich auch gezweifelt haben und sich fragten: Warum gewinnen wir die Spiele eigentlich nicht? Eigentlich machen wir doch vieles richtig. Die Mannschaft hat sich Gott sei Dank nicht zerfleischt. Aber für uns waren auch wichtige Erkenntnisse dabei. Wie Spieler mit gewissen Situationen umgehen – positiv wie negativ.

Wie sind Ihre Erwartungen für die neue Saison?

BOBIC: Wir werden eine brutale Bundesliga vor der Brust haben. Mit Hannover und Stuttgart kehren zwei etablierte Bundesligisten zurück. Die sind auch wirtschaftsstark und bringen Euphorie mit durch den Aufstieg. Es geht wieder bei Null los. Wir müssen sehen, dass wir möglichst schnell Punkte sammeln und wieder eine stabile Saison spielen. Wir waren in der letzten Saison nicht einmal auf einem Abstiegsplatz oder haben richtig gegen den Abstieg gespielt. Wir hatten eine schwache Phase, aber es ist trotzdem ein Schritt nach vorne gewesen.

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