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Gibt bei der Eintracht seit dem Sommer die Richtung vor: Trainer Adi Hütter.

Eintracht Frankfurt

Interview mit Adi Hütter: "Als Trainer will ich immer nach oben"

Adi Hütter war in der Fußball-Bundesliga ein unbeschriebenes Blatt, als ihn Eintracht Frankfurt im Sommer als Trainer verpflichtete. Jetzt, ein paar Monate später, redet ganz Europa über die Eintracht und ihren Trainer. Vor dem Spiel an diesem Donnerstag in der Europa League bei Lazio Rom (18.55 Uhr/DAZN) sprachen Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein und Jörg Hanau mit dem 48 Jahre alten Österreicher.

Herr Hütter, zwei Niederlagen in Serie, was ist nur los mit Eintracht Frankfurt, muss man sich Sorgen machen?

ADI HÜTTER: Das muss ja jeder selbst beurteilen, ob es schon so weit ist (lacht). Ich mache mir keine Sorgen.

Das war ja eine nicht ganz so ernstgemeinte Frage. Aber inwiefern haben Sie die beiden Schlappen gegen Wolfsburg und Berlin tatsächlich geärgert?

HÜTTER: Schon sehr, weil wir zweimal nicht die schlechtere Mannschaft waren. Aber so ist das in der Bundesliga, da stehen die Spiele oft auf des Messers Schneide. In Augsburg etwa führen wir nach einer Minute, hätten aber in der Pause auch zurückliegen können. Und in Berlin spielen wir in der letzten halben Stunde nur auf deren Tor, verlieren aber. Diese Niederlage stört mich einfach. Aber okay, es ist eng beisammen, trotzdem sollten wir nicht vermessen sein und uns an den Fakten orientieren: Nach 14 Spielen liegen wir in der Bundesliga auf Platz fünf, in der Europa League führen wir die Gruppe mit fünf Siegen aus fünf Spielen souverän an. Alles in allem denke ich, dass sich das sehen lassen kann, das ist gut. Wer das vor vier Monaten prophezeit hätte, der wäre doch ausgelacht worden, und wenn uns vor der Saison einer gesagt hätte, ihr kommt unter die ersten Zehn, hätte hier doch jeder gesagt: ,Super.’ Aber wenn ich auf die Tabelle schaue, dann ärgert es mich, dass wir nicht Zweiter sind. Denn die Möglichkeiten dazu waren da.

Die Partie heute in Rom ist eigentlich eine undankbare Aufgabe. Zum einen ist die Begegnung bedeutungslos, da bietet sich eine Rotation im größeren Stil förmlich an, zum anderen sollte man jetzt nicht zum dritten Mal hintereinander verlieren.

HÜTTER: Natürlich werden wir rotieren, weil es sich anbietet. Wir wollen das Spiel gewinnen, und mit dieser Einstellung sind wir nach Rom geflogen.

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Aber es geht ja auch um Selbstvertrauen, um den Glauben an die eigene Stärke, da sind Siege ja deutlich hilfreicher.

HÜTTER: Das ist klar. Im Fußball geht es um Ergebnisse, die sieht man auf der ganzen Welt. Die Leistung, die dahinter steht, nicht. Ich bin ein Trainer, der versucht, den Weg zu bewerten, wie es zum Ergebnis kam. Noch mal: Da war es in den letzten beiden Spielen vielleicht nicht mehr so flüssig und dynamisch wie die Partien zuvor, aber es war nun auch nicht so, dass ich sagen muss: ,Puh, was spielen wir denn da für einen Mist zusammen.’ Wir haben jetzt das erste Mal kein Tor geschossen, nach 20 Spielen, und das kommt mir fast schon so vor, als wäre es ein Drama. Daran sieht man, dass sich die Erwartungshaltung verändert hat, dass sich die Grenzen verschoben haben. Aber daran sind wir selbst Schuld (lacht).

Wo steht denn die Mannschaft Ihrer Meinung nach gerade?

HÜTTER: Das ist wirklich schwer zu beurteilen. Wenn wir unsere Prinzipien gut umsetzen, sind wir wahnsinnig schwer zu schlagen, davon bin ich überzeugt. Aber sobald wir zehn Prozent nachlassen, können wir gegen jeden Gegner Probleme bekommen. Das ist ein schmaler Grat. In der Bundesliga entscheiden oft Kleinigkeiten. In Berlin etwa, wo wir unglücklich verloren haben, hat eine Standardsituation das Spiel entschieden. Andererseits sind wir in den Partien zuvor oft in Führung gegangen, das hilft einem einfach.

Die Eintracht hat sich in der Liga Respekt erarbeitet. Bedeutet Ihnen das etwas?

HÜTTER: Es ist wichtig, dass die anderen Teams uns ernstnehmen und Respekt vor uns haben. Das kann man sich nur erarbeiten. Aber es wird natürlich auch ein bisschen von den Medien gesteuert.

Wie meinen Sie das?

HÜTTER: Na ja, jeder gegnerische Trainer lobt unsere drei Stürmer, da heißt es, ,die phantastischen Drei oder das magische Dreieck’ oder sonst etwas. Aber das wird natürlich alles medial gesteuert. Dadurch geht halt einfach ein bisschen unter, dass wir andere Spieler haben, die seit Wochen schon Topleistungen bringen, aber eben auf anderen Positionen.

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Nervt Sie diese Schwarz-Weiß-Malerei?

HÜTTER: Ich habe zwar nicht Journalismus studiert, aber ich weiß, wie er funktioniert. Wenn ein Spieler wie Kevin Trapp, der einen Stellenwert in Deutschland hat, von der Büffelherde spricht, wird das geschrieben, und wenn es geschrieben ist, dann steht das und es wird verwendet. Ich würde es wahrscheinlich auch so machen.

Dann erklären Sie uns doch mal, wie Sie diese Mannschaft von rechts auf links drehen konnten? Eine Mannschaft, die meistens gut verteidigt, aber nach vorne keine zündenden Ideen hatte, spielt jetzt zügellosen Offensivfußball. Wie geht das?

HÜTTER: Ich finde, das wird übertrieben. Da hätten Sie mal meine Mannschaft in Salzburg sehen sollen, die war viel offensiver – über 90 Minuten, fast schon bedingungslos, da kam der Gegner kaum mehr über die Mittellinie. Aber das war eine andere Liga und es waren andere Gegner, das kannst du in der Bundesliga nicht machen. Da gibt es ja auch ein paar Beispiele, bei Roger Schmidt hat das in Leverkusen anfangs geklappt, dann nicht mehr so, und Alexander Zorniger hat in Stuttgart auch nach einem 3:0 bedingungslos nach vorne spielen lassen – in dem Risiko, 3:4 zu verlieren. Das wollte ich nicht, sondern meiner Mannschaft einen anderen Stil beibringen. Ich habe gleich zu Beginn gesagt, ich möchte attraktiven und begeisternden Fußball spielen lassen, aber auch variabel sein. Da werden viele gedacht haben, das sind Sprechblasen. Aber das ist meine Idee vom Fußball.

Aber noch mal: Die Mannschaft ist ja zweieinhalb Jahre ganz anders geschult worden.

HÜTTER: Ja, sie stand hinten kompakt, zog sich zurück, ließ den Gegner sein Spiel aufziehen und ist dann über schnelles Umschalten nach vorne gekommen. Die Null sollte stehen. Das war ja auch erfolgreich. Aber das ist nicht meine Idee. Fredi Bobic und Bruno Hübner haben mich nicht geholt, damit ich das weiterführe. Da hätten sich auch andere Trainer angeboten. Das ist nicht meine Art und Weise von Fußball, wie ich ihn denke, aber schlussendlich geht es um den Erfolg und der war in den letzten beiden Jahren zweifellos da.

Erklären Sie doch mal einem Laien, was der große Vorteil des Pressings ist.

HÜTTER; In Grödig und Altach haben wir so gespielt, in Bern habe ich die Mannschaft auch erst mal umdrehen müssen, sie kam ebenfalls eher aus der abwartenden Haltung. Sehen Sie: Das eigene Tor musst du ja sowieso verteidigen, wenn der Gegner den Ball hat. Meine Idee ist, dass wir das weiter vorne machen. Das hat den Vorteil, dass der Weg zum gegnerischen Tor kürzer ist, man sich vorne mehr Bälle erkämpft und Chancen erarbeitet und man hinten in den gefährlichen Zonen auch keine Freistöße produziert. Der Nachteil ist, dass der Raum hinter den Abwehrspielern relativ groß ist. Da muss man trotzdem den Mut haben, nach vorne zu verteidigen. Das dauert aber, bis das in den Köpfen der Spieler verankert ist. Sie haben ja trotzdem immer den Reflex, nach Ballverlust sofort nach hinten zu laufen. Aber die bessere Variante ist meiner Meinung nach, den Gegner gleich wieder unter Druck zu setzen und zu Fehlern zu zwingen beziehungsweise keinen einfachen Spielaufbau zuzulassen.

Dabei hatten Sie früher einen anderen Ansatz.

HÜTTER: Das stimmt. Ich war früher ein reiner Ballbesitztrainer und wollte von hinten nach vorne einen schönen Fußball sehen, Ballzirkulation, so, dass der Gegner nicht einmal den Ball berührt. Das hat sich schwierig gestaltet (lacht). Aber dieser Stil hat mir gefallen, weil ich selbst so gespielt habe. Ich habe dann meine Sichtweise verändert, habe mich mit der Frage auseinandergesetzt, was ich tun kann, wenn der Gegner den Ball hat.

Werhat Sie besonders inspiriert?

HÜTTER: 1992 in Österreich beim Grazer AK hatten wir einen Trainer, Milan Miklavic aus Slowenien, der ein Fan vom AC Mailand war, dort hat Arrigo Sacchi damals schon Pressing spielen lassen. Miklavic war oft bei Milan, hat die Trainingseinheiten studiert, und er hat das dann bei uns implementiert. Mir hat das unheimlich gut gefallen. Als ich dann in Grödig Trainer war und wir aufgestiegen sind, habe ich mich nach dem Aufstieg dazu entschieden, in der ersten Liga Pressing spielen zu lassen. Ich habe dafür sogar unseren Torschützenkönig weggeschickt, er war zwar groß und hat viele Tore gemacht. Aber ich wusste, das funktioniert mit ihm nicht, weil er zu langsam ist. Wir haben dann noch drei, vier Spieler geholt, die schnell und dynamisch waren. Meine Spieler haben gedacht, „der ist verrückt“, als ich ihnen sagte, was ich vorhabe, aber wir sind dann Dritter geworden. So schlecht kann es nicht gewesen sein (lacht).

Der Leipziger Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick sagte mal, er könne auch mit elf Leichtathleten erfolgreich sein.

HÜTTER: Das glaube ich nicht. Aber ich habe ihn ja in Österreich kennengelernt, er hat mich von Grödig als Trainer zu RB Salzburg geholt und mir geholfen, die Sichtweise zu verändern. Ich habe in Salzburg viel mitnehmen können. Alle sagen immer, wir hätten uns nicht verstanden. Das stimmt aber nicht. Wir hatten unterschiedliche Auffassungen und somit kam es zur einvernehmlichen Trennung. Ich bin halt auch ein Trainer, der manchmal stur ist und seinen eigenen Weg geht.

Also mit langsamen Spielern können Sie, mal überspitzt formuliert, wenig anfangen?

HÜTTER: Mit langsamen Spielern wird es heutzutage im Fußball sowieso schwer, egal, ob du Pressing spielst oder nicht.

Also hat ein Spieler wie Marc Stendera schlechte Karten im Profigeschäft?

HÜTTER: Nein. Marc macht das richtig gut, finde ich, er will es. Ich habe nicht das Gefühl, dass es bei uns einen Spieler gibt, der das nicht spielen mag. Am schwierigsten ist es immer bei den Abwehrspielern, weil sie immer das Gefühl haben, es ist besser, weiter hinten zu stehen und weniger Raum hinter sich zu haben. Wenn die Automatismen nicht stimmen und die Spieler nicht schnell genug sind, dann kann man schon mal offen wie ein Scheunentor sein. Das ist natürlich nicht mein Ansatz.

Was macht Makoto Hasebe dann so stark, er ist ja auch das Gegenteil von einem Sprintertyp.

HÜTTER: Makoto sprintet im Kopf. Physisch wird er es gegen den einen oder anderen nicht aufnehmen können, aber wenn du vorher schon weißt und fühlst, wohin der Ball kommt, dann vereinfacht das die Angelegenheit. So, wie er spielt, wie er das Spiel liest, das ist unfassbar. Es gibt keinen Besseren.

Was macht ihn so wertvoll?

HÜTTER: Er ist ein absoluter Schlüsselspieler in unserer Mannschaft und einer der intelligentesten Abwehrspieler in der Bundesliga. Es ist ein Riesenverdienst von ihm, dass wir so gut dastehen.

Wenn man sich das Ganze mal betrachtet, dann war die Mannschaft in der vergangenen Runde vielleicht einen Tick stärker. Würden Sie uns da Recht geben?

HÜTTER: Nur so viel: Sie war anders. Aber das sollen andere beurteilen. Ich glaube einfach, dass es den Jungs guttut, so zu spielen, wie wir jetzt spielen. Es liegt ihnen, das zeigt auch die Statistik. Wir haben 30 Tore geschossen, Luka Jovic und Sebastien Haller sind in der Torschützenliste weit vorne dabei. Das sagt schon was aus.

Aber die Spieler, Jovic, Haller, Ante Rebic, waren auch in der vergangenen Saison da, da haben Sie nur nicht zusammengespielt.

HÜTTER: Das, was war, bewerte ich nicht, das steht mir auch nicht zu.

Ist Ante Rebic in einem kleinen Tief?

HÜTTER: Er kann ja gar nicht bei 100 Prozent sein, er hatte immer wieder ein paar Rückschläge, das ist unangenehm. Seine Leistungen sind okay, aber er kann einfach mehr. Das weiß er auch, wir führen viele Gespräche. Trotzdem ist er für mich ein wichtiger Spieler.

Wie wichtig ist Kommunikation, auch Mannschaftsführung in Ihrem Job?

HÜTTER: Jeder Spieler hat individuelle Bedürfnisse, da geht es dann auch darum, den Menschen besser kennenzulernen. Es sind ja nicht nur Spieler, es sind Menschen mit Sorgen und Problemen. Ich schaffe es nicht immer, mich mit allen Spielern so zu unterhalten, dass alle glücklich sind. Aber ich versuche mein möglichstes.

Die Sprache ist da ja auch nicht unwichtig.

HÜTTER: Gerade wenn es emotional wird, hat man einen besseren Zugang zu den Spielern, wenn man ihre Sprache spricht. Aber ich kann kein Spanisch. Das ärgert mich. Ich wäre auf diesem Gebiet gerne Gelson Fernandes, da bin ich fast schon neidisch. Es beeindruckt mich, wie viele Sprachen er spricht, er kann sich mit jedem unterhalten. Das finde ich genial. Grundsätzlich komme ich mit Englisch hier gut durch. Aber die Spieler sollen auch Deutsch lernen, sie leben ja hier, es geht um mehr als nur Fußball.

Wie funktioniert der Mensch Adi Hütter? Sie kommen bodenständig, klar und unaufgeregt daher.

HÜTTER: Ich versuche, ehrlich und gerecht zu sein. Auch in Bezug auf die Mannschaft. Ich würde Spieler niemals gegeneinander ausspielen. Sie mögen diese Klarheit. Spieler mögen nicht, wenn man sie vertröstet und sie hinhält. Und als Trainer will ich immer nach oben, ich bin nicht so schnell zufrieden. Ich muss das als Trainer von hinten antreiben, muss versuchen, die Jungs zu pushen. Aber im Rahmen, ich würde niemals wie ein Hampelmann an der Seitenauslinie rumturnen. Was soll das bringen? Das macht die Spieler nur nervös. Ich habe es als Spieler selbst nicht gemocht, wenn da mein Trainer wie ein Rumpelstilzchen abgegangen ist.

Es hat lange gedauert, ehe Sie in der Bundesliga gelandet sind. Und im Herbst lief es wie am Schnürchen.

HÜTTER: Ich bin Realist. Wir haben jetzt den 14. Spieltag, es ist vieles gut. Aber es hätte auch nach sieben Spielen vorbei sein können. Das ist mir klar, das gehört zum Geschäft. Ich kann das alles ganz gut einschätzen. Trotzdem: Ich komme mit viel Erfahrung. Wenn ich diesen Weg in Deutschland hätte gehen können, wäre ich durch die daraus folgende Wahrnehmung schon eher in der Bundesliga gelandet. So selbstbewusst bin ich. Ich bin mit 400 Pflichtspielen und 32 internationalen Partien hierher gekommen. Das können, meiner Meinung nach, nicht so viele vorweisen. Manche kommen mit sehr viel weniger Referenzen zu einem Job in der Bundesliga.

Sie sind ein Trainer, der über den Tellerrand hinausblickt. Sie haben sogar mal ein Buch geschrieben, als Co-Autor von Jörg Zeyringer: „Die 11 Gesetze der Motivation im Spitzenfußball.“ Wie kam es denn dazu?

HÜTTER: Ich habe ein richtig gutes Umfeld mit Menschen, die in der Sportpsychologie tätig sind, wie eben Jörg Zeyringer, der in Salzburg mein Nachbar ist. Ich habe mich schon damals in Altach gefragt, was brauche ich in meinem Job? Da genügt es ja nicht, auf den Platz zu gehen und Übungen zu machen. Man muss in vielen Richtungen sattelfest sein. Dazu gehört Führung, Kommunikation, Coaching. In meinen Anfangstagen war ich sicher zu emotional, das war mir in der Retrospektive selbst unangenehm. Ich habe mich auch im Umgang mit den Medien schulen lassen. Die ersten Interviews, da dachte ich selbst: ,Puh, so funktioniert das nicht.’ Freunde von mir haben dann gesagt: „Adi, du bist zu schwammig.“ Das habe ich mir zu Herzen genommen.

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