Netzwerker: Sportvorstand Fredi Bobic (links) hat die neue Eintracht aufgebaut, unter kräftiger Mithilfe von Sportvorstand Bruno Hübner.
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Netzwerker: Sportvorstand Fredi Bobic (links) hat die neue Eintracht aufgebaut, unter kräftiger Mithilfe von Sportvorstand Bruno Hübner.

Eintracht Frankfurt

Jahresrückblick, Teil 2: Neuanfang auf allen Ebenen

Das äußerliche Zeichen war ganz banal. Schwarz-weiß statt rot-schwarz ist die Eintracht im Sommer dahergekommen. Neue Trikots als Symbol für einen Neustart.

Das äußerliche Zeichen war ganz banal. Schwarz-weiß statt rot-schwarz ist die Eintracht im Sommer dahergekommen. Neue Trikots als Symbol für einen Neustart. Doch das war erst der Anfang, schon viele Monate vorher geplant, noch unabhängig von den sportlichen Entwicklungen. Kein Stein schien mehr auf dem anderen zu bleiben, obwohl oder wohl gerade weil die Eintracht den größten anzunehmenden Unfall in letzter Minute hatte abwenden können. 1:1 und 1:0 in den Relegationsspielen gegen den 1.FC Nürnberg – zwei Ergebnisse, die in ihrer Summe zu großer Erleichterung geführt haben: Weiter Bundesliga statt fünfter Neuanfang im Unterhaus des deutschen Fußballs.

Freilich sollte es auch trotz des Verbleibs in der ersten Klasse ein Neuanfang werden – von der Spitze weg: Heribert Bruchhagen verließ den Verein nach mehr als dreizehn Jahren als Vorstandsvorsitzender. Die Suche nach einem Nachfolger mit einem etwas anderen Aufgabengebiet war dem Aufsichtsrat nicht leicht gefallen. Über Monate wurden in der Öffentlichkeit Namen diskutiert, der Schalker Horst Heldt, der ehemalige Nationalspieler Christoph Metzelder, der frühere Münchner Christian Nerlinger, am Ende sogar der unerfahrene Ex-Eintracht-Profi Thomas Sobotzik. Wer aus dieser Gruppe wirklich ernsthafter Kandidat war oder sich selbst nur wichtig gemacht hatte, das hat bis heute niemand erfahren. Der Aufsichtsrat, vor allem dessen Vorsitzender Wolfgang Steubing, entschied sich dann für Fredi Bobic.

„Jeden Stein umgedreht“

Der ehemalige Stuttgarter begegnete bei seinem Amtsantritt vielen Vorurteilen. Ein Kampf, den er klugerweise gar nicht annahm, sondern einfach ignorierte. Bobic setzte auf harte Arbeit, auf Veränderung und traf damit nach Monaten des Leidens eines ganzen Klubs und einer ganzen Region den richtigen Nerv. Bobic war nicht der Wunschkandidat, aber er bekam Kredit, weil er aussprach, was alle dachten: „Es muss vieles anders werden“.

Die Geburtsstunde der neuen Mannschaft und allem, was drumherum in Bewegung gesetzt wurde, war an einem Wochenende im beschaulichen Salzburg. Am 10. und 11. Juni trafen sich dort Trainer Niko Kovac, Sportvorstand Bobic und Manager Bruno Hübner. „Wir haben jeden Stein umgedreht“, sagte Bobic. Die erste Überraschung für die Öffentlichkeit: Hübner, in den Wochen davor im Kreuzfeuer der Kritik, durfte bleiben, seine Kontakte einbringen, seine Stärken weiter ausspielen. Es war eine erste richtige Entscheidung.

Aus der zweiten Reihe

In der Folge des Salzburger Brainstormings ging es Schlag auf Schlag. Eintracht Frankfurt wurde zur Drehtür – die einen raus, die anderen rein. Es kamen neue Co-Trainer, Konditionstrainer, Rehatrainer, Scouts und Analysten, im Gegenzug mussten viele gehen. Dies im Einzelnen aufzuzählen würde zu weit führen, weil Bobic konsequent auf Vergrößerung der sogenannten Mannschaft hinter der Mannschaft setzte und sich damit auch, bewusst oder unbewusst, eine eigene Hausmacht aufbaute. Das hat nicht wenige zunächst irritiert, wurde dem Neuen aber zugestanden.

Bobic hat die ausgetretenen Pfade verlassen, nachdem er seine wichtigsten Mitarbeiter, den Trainer und den Manager, von seinem Weg überzeugen konnte. Der Neubau der Mannschaft nahm nach und nach Fahrt auf. Es kamen Spieler aus aller Herren Länder, die in Deutschland nur wenigen Insidern bekannt waren. Der neue Sportchef setzte auf ein über Jahre aufgebautes Netzwerk, versuchte die Notwendigkeit der sportlichen Erneuerung kompatibel zu machen mit den wirtschaftlich bescheidenen Mitteln. Ergebnis: ein Kader mit einem Dutzend neuer Spieler. Viele geholt auf Leihbasis, von den ganz großen Clubs der Fußballwelt. Wer die abgebenden Vereine las, musste glauben, die Eintracht habe sich in den Feinkost-Abteilungen bedient, doch in Wahrheit waren es nur die unteren Regalen der Supermärkte. Es kamen unter anderen Spieler aus der zweiten Reihe von Real Madrid, Manchester United, FC Chelsea und FC Everton. Spieler aus Uruguay, aus der zweiten spanischen und englischen Liga, aus Israel. Bald waren siebzehn Nationen im Kader vereint.

Die Neuen hatten fast alle keine Bundesligaerfahrung, kaum einer sprach Deutsch. Talente wie Luca Waldschmidt und Sonny Kittel waren abgegeben worden, sogar Stefan Aigner durfte kurz vor dem Saisonstart gehen. Konnte das gutgehen? Viele waren skeptisch im Eintracht-Umfeld. Selbst Aufsichtsrats-Boss Steubing war nicht zu hundert Prozent überzeugt, wie er gerade in einem Interview zugegeben hat. „Als ich die Namen gesehen habe, die wir verpflichtet haben, ist mir manchmal heiß und kalt geworden“, sagt Steubing.

Aus Bobics Netzwerk ist der Kader entwachsen. Daraus eine Mannschaft zu formen, war Aufgabe des Trainers. Und Niko Kovac setzte in einer langen, siebenwöchigen Vorbereitung auf Umfänge. Für die Spieler war es das Unwort des Sommers. Bis zu drei Stunden haben sie bei einzelnen Einheiten auf dem Platz gestanden. Das war neu, nicht nur in Frankfurt. Der Ball war in den Trainingslagern in Österreich und Italien nicht im Mittelpunkt. Es wurde viel gelaufen, vereinfacht gesagt: „Kondition gebolzt“. Mit Sinn und Verstand, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Nach und nach, Schritt für Schritt, ganz langsam, aber sicher, schien da etwas zusammenzuwachsen. In welche Höhen es die Eintracht tragen würde bis in den Dezember, war freilich noch nicht abzusehen.

Geduld zahlt sich aus

Nicht alles war Planung, auch personelle Zufälle haben zu Beginn weiter geholfen. Der Außenverteidiger Timothy Chandler musste bleiben, weil in der Innenverteidigung personelle Not herrschte. Der Neue Jesus Vallejo tat sich schwer, nach einer aus Spanien mitgebrachten Verletzung auf die Beine zum kommen, der andere Neue, Michael Hector, wurde erst spät dazu geholt. Chandler musste innen aushelfen, tat dies klaglos, arbeitete unverdrossen weiter und wurde belohnt, inzwischen mit einem neuen Vertrag. Jetzt wieder als rechter Verteidiger.

Auch Mittelfeldspieler Marco Fabián hätte gehen können, wollte aber bleiben. Der Nationalspieler Mexikos hatte sich fest vorgenommen, nach einem schweren ersten halben Jahr allen zu beweisen, dass er die Klasse für die Bundesliga besitzt. Chandlers Geduld und Fabiáns Sturheit waren gute Entscheidungen für die Eintracht. Zwei Beispiele, wie sich nach und nach Vieles fügte. Der Sieg im ersten Pokalspiel in Magdeburg war dann noch in die Rubrik „glücklich“ einzuordnen. Eine Woche später, am 27.August, begann dann der Traum mit einem 1:0-Sieg gegen Schalke 04. Lesen sie morgen Teil 3: Der Ausblick

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