Charlys Blickwinkel

Jetzt bitte dran bleiben!

Charly Körbel (61) ist mit 602 Einsätzen, alle im Trikot der Frankfurter Eintracht, Bundesliga-Rekordspieler. Inzwischen schon traditionell erklärt er vor jedem Heimspiel die aktuelle Lage aus seiner Sicht.

Es wäre schön für die gesamte Liga, wenn ich mich korrigieren muss: Die Dortmunder Tormaschine ist schon beeindruckend. Egal, wen Thomas Tuchel da aufs Feld schickt, die Gegner werden überrannt, werden in Grund und Boden gespielt. Da wächst was heran, da könnte doch eine Mannschaft entstehen, die dem FC Bayern Paroli bieten kann. Und wir wissen ja: Wenn ein Team so einen Lauf hat, dann wird es von Woche zu Woche stärker. Die Westfalen scheinen ihren Kader gefunden zu haben, sie sind breit genug aufgestellt. Mit welcher Schnelligkeit der BVB nach vorne spielt, das macht einfach Spaß beim Zusehen. Ich kann nur sagen: Macht bitte weiter so!

Aber es kann sich im Fußball ja so schnell alles ändern. Vor 14 Tagen war ich beim „Tag der Legenden“ in Hamburg, habe da natürlich auch mit Bruno Labbadia gesprochen. Dem HSV-Trainer hat man schon den Druck angemerkt, der plötzlich auf ihm lastet. Es kann doch nicht sein, dass einer, der kürzlich noch zum „Hamburger des Jahres“ gewählt worden ist, plötzlich total infrage gestellt wird. „Lass’ dich nicht beeinflussen, geh’ deinen Weg weiter“, habe ich ihm geraten. Aber es ist halt nicht leicht in einem Verein, bei dem auch der Sponsor mitreden will.

Da braucht der Trainer Rückendeckung von der Vereinsführung. Doch wie sich der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer nach dem 0:1 in Freiburg gewunden hat, wie er es vermieden hat, seinen Trainer zu stützen, das fand ich schon schwach. Es fühlt sich schon an, dass alle darauf warten, auch gegen die Bayern zu verlieren. Bruno könnte eigentlich seine Koffer schon packen.

Auch die schnelle Entlassung bei Werder zeigt, dass sich jeder Trainer überlegen muss, ob sich seine Tätigkeit trotz dem „Schweinegeld“, das er verdient, noch rechnet. Denn Menschlichkeit gibt es kaum noch bei diesem Job – das ist erschreckend für die Bundesliga. Und je nachdem wie die nächsten Spiele laufen, werden wir auf Schalke, in Augsburg oder Leverkusen ähnliche Diskussionen erleben, wenn teils riesige Erwartungen einfach nicht erfüllt werden können. Da lobe ich mir doch die unaufgeregte Einstellung in Freiburg. Da würde Christian Streich auch nach zehn Niederlagen in Folge nicht entlassen werden.

Schön, dass die Eintracht bei diesen Diskussionen total aus der Schusslinie ist. Drei Siege aus vier Spielen, das ist eine tolle Ausbeute. Niko Kovac hat momentan das Händchen und auch das Glück, das man braucht. Selbst wenn er Alex Meier in der Innenverteidigung aufstellen würde, sollte das klappen.

Natürlich, es läuft noch nicht alles rund, die Niederlage in Darmstadt war überflüssig. Aber diese Fitness, die auch in englischen Wochen zu erkennen ist, die ist schon Anerkennung wert. Wobei ich das 1:0 in Ingolstadt nicht mitbekommen habe. Ich wollte in der Halbzeit schnell zum Tanken fahren und bin in der 44. Minute vom Fernseher weg. Es freut mich für David Abraham, der für seine tolle Einstellung gerade im vergangenen Abstiegskampf belohnt wurde mit diesem Tor.

Dabei war Ingolstadt ja wirklich nicht unser Lieblingsgegner, noch nie hatten wir gegen die „Schanzer“ gewonnen. Und die hätten drei Tage zuvor eigentlich in München gewinnen müssen, scheiterten nur an einem überragenden Manuel Neuer. Entsprechend gefreut hat es mich, wie wir den Gastgeber im Griff hatten.

Neun Punkte zu diesem Zeitpunkt, das hatte keiner von der Eintracht erwartet. Jetzt gilt es zu versuchen, gegen die Hertha nachzulegen. Wobei die Berliner ja auch nicht zu unseren Lieblingsgegnern gehören. Wer hätte aber gedacht, dass wir an diesem Samstag eine Art Spitzenspiel erleben? Es ist ein Duell auf Augenhöhe. Wenn es einen Sieger gibt, wird dieser sich im Vorderfeld festsetzen. Mit dem Heimvorteil und dem gewachsenen Selbstvertrauen gehen wir nicht chancenlos in dieses Duell.

Das liegt auch an Leistungssteigerungen einzelner Spieler. Wer hätte einem Chandler, einem Oczipka oder einem Fabián so gute Auftritte zugetraut? Niko Kovac macht einen richtig guten Job, lebt die Begeisterung, die Besessenheit nach Erfolgen vor. Und die Spieler, möge der Kader noch so zusammengewürfelt aussehen, ziehen voll mit. Ich möchte das an einem Beispiel erklären. Während der Brasilianer Caio früher glaubte, nur das Notwendigste machen zu müssen, so beißt sich der Mexikaner Fabián jetzt richtig durch. Mit Knochenarbeit hat er sich seine Fitness erarbeitet, kann nun im Mittelfeld die Fäden ziehen und auch Tore schießen. Wer ihn schon als Fehleinkauf abgestempelt hatte, der muss nun seine Meinung ändern.

Ich will gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn wir am Böllenfalltor nicht dieses dämliche späte Tor kassiert hätten. Aber vielleicht ist es ja ganz gut so. Denn alle müssen natürlich auf dem Boden bleiben, wenn es eine erfolgreiche Saison werden soll. Aber diesen guten Start und diese neun Punkte nimmt uns niemand mehr weg.

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