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Eintracht Frankfurt

Jokertor mit Ankündigung

Klare Worte gibt Trainer Dietrich Weise seinen Eintracht-Spielern für das Heimspiel gegen Schalke 04 am fünften Spieltag der Saison 1975/76 mit. Denn die Mannen um Grabowski, Hölzenbein und Nickel sollen nach dem ordentlichen Saisonstart mit 5:3 Punkten den Kontakt zur Spitzengruppe nicht verlieren. Das soll auch klappen.

„Wir verkriechen uns nicht hinter betonter Vorsicht“, sagt Dietrich Weise selbstbewusst. „Die Eintracht wird das spielen, was sie am besten kann: den Angriff suchen, und das 90 Minuten lang. Wir spielen offensiv – mit den drei Sturmspitzen Wenzel, Grabowski, Hölzenbein“, kündigt der Trainer der Frankfurter Eintracht für das Heimspiel gegen Schalke 04 an. Pünktlich zum Treffen mit dessen altem Arbeitgeber stellt er den ehemaligen Schalker Beverungen in die Startelf, dafür muss Sturmtank Bernd Lorenz weichen. Das ist durchaus überraschend. Denn in den bisherigen Spielen hat „Jason“, der seinen Spitznamen seiner Frisur verdankt, die der des Hauptdarstellers der Krimiserie Jason King frappant ähnelt, nicht enttäuscht. Aber Lorenz nimmt seine Situation sportlich: „Ich komme in der 74. Minute und mache dann in der 80. Minute mein Tor“, kündigt er an.

Allerdings erleben die rund 30 000 Zuschauer im Waldstadion an diesem schwülwarmen 30. August 1975 keine Eintracht, die blindlings nach vorne stürmt, sondern sie trägt aus einer konsequenten Deckung heraus ihre Angriffe vor. Blockweise rücken die Mannschaftsteile auf, um dem Gegner nicht zu viel Raum zum Kontern zu bieten. Die Gäste spielen deutlich offensiver als die Eintracht, und Rüssmann, der Grabowski bewachen soll, nutzt den Vorwärtsgang seiner Truppe. Grabowski lässt den langen Vorstopper, der wie seine Mitspieler Fischer, Lütkebohmert und Sobieray im Nachgang zum Bundesligaskandal wegen eines möglichen Meineids angeklagt ist, anfangs ziehen, was Rüssmann in den ersten 20 Minuten zu einer weiteren Anspielstation in der Hälfte der Eintracht werden lässt.

Doch bereits in dieser Phase des Spiels haben die Gastgeber die besseren Chancen. So zum Beispiel in der fünften Minute nach einem raffinierten Rückzieher Hölzenbeins und in der 20. Minute, als wiederum Hölzenbein einen Flachschuss Neubergers mit dem Rücken zum Tor verlängert und Rüssmann und Thiele auf der Linie für den jeweils bereits geschlagenen Nigbur den Rückstand verhindern müssen. „Holz“ ist wahrlich der aktivste Posten in der Eintrachtoffensive. Und so ist es kein Zufall, dass er die Führung nach einem Zusammenspiel mit Grabowski vorbereitet, als er in der 23. Minute eine Flanke gefühlvoll in den Schalker Strafraum zieht, wo Wenzel den Ball energisch mit dem Kopf zum 1:0 eindrückt.

Auch nach diesem Tor bleibt das Tempo hoch, die Gäste drängen nun auf den Ausgleich, der ihnen auch gelingt – wenn auch etwas glücklich. Ein Freistoß der Schalker prallt von der Mauer ab, die folgende Auflösung des Schutzschildes nutzt Klaus Fischer, der den zurückprallenden Ball aufs Tor knallt. Der Ball wird noch abgefälscht und Wienhold ist chancenlos (34.).

Auf Augenhöhe

Nun entwickelt sich eine Partie auf Augenhöhe, beide Seiten erspielen sich Chancen, Tore fallen bis zum Halbzeitpfiff allerdings keine mehr. Die erste aufsehenerregende Aktion der zweiten Halbzeit gelingt Wenzel, der sich im Schalker Strafraum so geschickt wie kraftvoll gegen drei Gegenspieler durchsetzt, mit seinem Schuss aber dann doch an Nigbur scheitert.

Die Eintracht forciert das Tempo, erhöht den Druck. Körbel schaltet sich häufiger ins Angriffsspiel ein und Willi Neuberger startet einige seiner rasanten Ausflüge. Grabowski hat es allerdings weiterhin sehr schwer, an Rüssmann vorbeizukommen, und letztlich erweist sich diese kurze Offensive nur als Strohfeuer – mehr als ein paar für die Gäste durchaus brenzlige Strafraumszenen springen gegen die von Fichtel umsichtig organisierte Schalker Abwehr nicht heraus.

Nachdem der erhoffte Torerfolg ausbleibt, agiert die Eintracht wieder verhaltener. Die Eintracht gibt in diesem verbissenen Kampf der Sicherheit den Vorrang gegenüber einer verstärkten Offensive und wartet geduldig auf ihre Chance, anstatt ihr bedingungslos hinterherzurennen. Der Ball wird immer wieder hin und her und in die Breite geschoben. Aber auch die Konterchancen der Schalker sind rar gesät. Allein mit vereinzelten Distanzschüssen sorgen die Knappen für Gefahr vor dem Frankfurter Tor. Die lauten Pfiffe und die deutlichen Unmutsäußerungen des Publikums geben der unappetitlichen Partie den passenden Rahmen.

Dass aus dem verhaltenen Spiel teilweise auch ein zerfahrenes wird, liegt bei den Frankfurtern vor allem an Nickel, der im Mittelfeld heute der neuralgische Punkt des Eintrachtspiels ist, weil er weder seinen Deckungsaufgaben nachkommt noch in der Offensive Produktives zu leisten vermag. Zudem stören die auf beiden Seiten aufkommende Härte und einige Verletzungen den Spielfluss. Bei der Eintracht trifft es Wenzel, der in der 70. Minute angeschlagen für Lorenz Platz macht.

Ein Mann, ein Wort

In der Schlussphase bauen die Gäste nun konditionell sichtbar ab, was der Eintracht zugutekommt. Und wie angekündigt führt dies zum großen Auftritt von Bernd Lorenz. Es ist die prophezeite 80. Minute als Reichel eine präzise Flanke in den Schalker Strafraum schlägt. Lorenz steigt hoch, setzt sich im Duell mit Rüssmann kraftvoll durch und köpft zum 2:1 ein. Erlöst sind nun die zuvor so unzufriedenen Zuschauer, deren Jubelstürme belegen, dass auch auf dem Fußballplatz der Zweck jedes Mittel heiligt. Die Gäste aber finden in den letzten zehn Minuten auf diesen Schlag keine Antwort mehr.

Während Schalke durch die Niederlage vom siebten auf den elften Platz zurückfällt, verbessert sich die Eintracht vom sechsten auf den vierten Rang. „Das Spiel stand auf der Kippe. Schalke hätte ebenso gut gewinnen können“, ist Dietrich Weise ehrlich. „In der ersten Halbzeit haben wir ein tolles Spiel gesehen, zumindest vom Tempo her. Von unserer Seite wurde ein besseres in diesem Jahr noch nicht gezeigt“, findet der Eintrachttrainer: „Doch dieses Tempo war nicht durchzuhalten, und nach 80 Minuten war auch bei Schalke keine Steigerung mehr möglich, um den Rückstand aufzuholen, zumal wir da unsere ganze Routine ausspielten und souverän den Vorsprung ins Ziel bringen. “ Gibt sich Weise in seiner Spielkritik sachlich, nutzt Gästetrainer Max Merkel das Gespräch mit den Pressevertretern zum Nachtreten – und zwar gegen einen eigenen Spieler: „Unser Abramczik wird in seinem Leben nie Kopfweh bekommen, weil er seinen Kopf nie zum Denken benutzen wird. Ein Rechtsaußen muss nur nach einer Seite schauen. Doch noch nicht einmal das schafft dieser Junge. Da singe ich eher an der Metropolitan Oper, als dass der einmal ein Großer wird.“

Am Ende des Spieljahres wird Schalke 04 trotzdem vor der Eintracht stehen – als Tabellensechster drei Plätze. Nach dem Halbfinal-Aus im Uefa-Cup gegen West Ham United war auch in der Bundesliga für die Eintracht nicht mehr viel zusammen gelaufen, am Ende reichte es nur zu Rang neun. Und Trainer Weise bat darum, aus seinem Vertrag entlassen zu werden.

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