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So jubelt man über ein Tor nach nicht einmal einer Minute: Jonathan de Guzman (vorne) hat die Eintracht ganz früh in Führung gebracht.

Eintracht Frankfurt

Der Jubel nimmt bei den Adlern kein Ende

Auch der seitherige Angstgegner FC Augsburg kann Eintracht Frankfurt in der Fußball-Bundesliga nicht stoppen.

Die Gelassenheit, die der Frankfurter Trainer Adi Hütter auch in Zeiten des Misserfolgs zu Beginn der Saison ausgestrahlt hatte, diese Gelassenheit strahlte der Mann auch am Samstagabend im ZDF-Studio aus, als Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein ihn erst fragte, ob er das Aktuelle Sportstudio schon mal gesehen habe, und dann, ob er Fredi Bobic auf einem alten Bild erkenne. Man musste den Eindruck gewinnen, da habe sich der Sender einen Mann eingeladen, der die letzten 20 Jahre in einem sehr tiefen Tal in den Bergen verbracht hatte. Aber Hütter, dieser so unaufgeregt, besonnen und entspannt daherkommende, sehr höfliche Vorarlberger, lächelte diese kleine Despektierlichkeit einfach weg. Es ist ja ohnehin momentan so, dass ihm alles gelingt, was er beginnt.

Nun hat Eintracht Frankfurt auch noch beim Angstgegner gewonnen, 3:1 (1:0) beim FC Augsburg, wo es bei sechs Anläufen noch nie etwas zu holen gab. „Stolz“ sei er, dass auch diese Negativserie gerissen sei, sagte Hütter. Es ist der neunte Sieg im zehnten Spiel, sieben Mal in der Bundesliga, drei Mal in der Europa League. 28 von möglichen 30 Zählern haben die Frankfurter Überflieger aufs Konto geschaufelt. An solch eine Siegesserie können sich nicht mal mehr die Alten erinnern, nicht mal Marco Russ, 33, „nicht mal im Ansatz“. Die letzte Niederlage, 1:3 bei Borussia Mönchengladbach, datiert vom 26. September.

Die Mannschaft von damals ist mit der von heute kaum mehr zu vergleichen. Da spielten die Hessen noch mit einer Viererabwehrkette, einem Hasebe im defensiven Mittelfeld, einem Kostic auf halblinks und nur mit einer einzigen Spitze, mit Haller. Mit einer Systemumstellung und dem Mut zur Offensive kam die Wende, seit dem 4:1 gegen Hannover 96 hat sich das Team gefunden. Seitdem stürmten die Frankfurter von Tabellenplatz 15 unter die ersten Drei. Nach der Hinrunde der vergangenen Saison lag die Eintracht bei 26 Punkten, jetzt hat sie schon 23. Und eine Tordifferenz (29:14) wie seit Yeboahs Zeiten nicht mehr.

Und es waren in Augsburg jene trefflichen Drei im Sturm: Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller, die den Unterschied machten und jetzt schon an 28 der bislang in der Liga erzielten 29 Treffer beteiligt waren. Haller erzielte das 2:0 (47.), er legte zudem Jonathan de Guzman zur Führung auf (1.), schließlich machte Rebic (68.) mit dem 3:0 den Deckel drauf. Die „Drei da vorne“ (Russ) haben gemeinsam unglaubliche 23 Treffer erzielt – Haller und Jovic je neun, Rebic fünf – etwas ähnlich Torgefährliches gibt es derzeit in der Bundesliga nicht, und nur das Pariser Dreigestirn von Saint Germain mit den Weltstars Cavani, Neymar und Mbappé hat aktuell in ganz Europa mehr Tore (29) erzielt. Kein Wunder also, dass langsam die Superlative ausgehen, um dieses Phänomen halbwegs umschreiben zu können. „Unfassbar“ sei es, sagte etwa der selten um Worte verlegene Torwart Kevin Trapp, wie die Mannschaft momentan auftrumpfe. Auch vom geschlagenen Gegner kommen Komplimente. Der tüchtige Augsburger Torwart Andreas Luhe attestierte den Frankfurtern, sie spielten „einen sehr ehrlichen Fußball, der mir persönlich gefällt“. Und Kollege Martin Hinteregger gab zu Protokoll, wie schwer es für ihn gewesen sei, gegen diese drei Angreifer verteidigen zu müssen, die ständig die Positionen wechseln, die nie zu greifen seien und permanent Zug nach vorne hätten. Zur Wahrheit gehört auch: Der FC Augsburg hatte ein richtig gutes Spiel gemacht, war so aufgetreten wie erwartet, unbequem, und nicht nur der fleißige Dauerläufer Gelson Fernandes analysierte treffend: „Wir hätten auch verlieren können, wir hätten zur Pause 1:3 hinten liegen können.“ Die Begegnung, fand Hütter selbstkritisch, „kann auch in eine andere Richtung gehen“.

Hütter: „Ball flach halten“

Die Augsburger leisteten sich den Luxus, trotz 25 Torschüssen nur mit dem vorletzten, von Sergio Cordova (90.), getroffen zu haben. Ein Treffer, der besonders Torhüter Trapp nervte, aber ihn nervt ja jeder Gegentreffer. Man verliere am Ende einer Partie viel zu viele leichte Bälle, lasse in der Konzentration nach, spiele weniger seriös. Das müsse man abstellen, fand Trapp, der das alsbald selbst als Meckern auf hohem Niveau einschätzte. Auch Hütter bekundete: „Ich habe vieles gesehen, was wir nicht gut gemacht haben.“ Gerade in der ersten Halbzeit habe man im Mittelfeld zu wenig Zugriff gehabt. Der 48-Jährige verdichtete im zweiten Abschnitt das Mittelfeld, zog Rebic etwas zurück und mahnte mehr „taktische Disziplin“ an. Denn das fuchst ihn ungemein. „Für mich ist entscheidend, welches Bild wir auf dem Platz abgeben, und wenn wir taktisch nicht diszipliniert sind, dann stört mich das sehr.“ Diese Aussage zeigt zum einen, dass die Ansprüche in Frankfurt rapide gestiegen sind, und Hütters leichte Unzufriedenheit zeugt zum anderen von einem ausgesprochenen Realitätssinn. „Ich vergesse nicht, wo wir herkommen. Wir sollten den Ball flach halten.“ Dessen ungeachtet ist ein Ende des Höhenflugs nicht in Sicht. Der starke de Guzman, der noch nie zu einem solch frühen Zeitpunkt ein Tor erzielt hat, will den Trend fortsetzen: „Wir sind ein frisches Team, jeder ist hungrig auf mehr.“

Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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