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„Das war ja kein Vergnügen“

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Zum letzten Mal hat Heribert Bruchhagen am Samstag als Eintracht-Chef an einer Vorstandssitzung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) teilgenommen. In den nächsten Wochen scheidet der 67-Jährige aus dem Frankfurter Vorstand aus, im November beim DFB. Mit Bruchhagen sprach unser Mitarbeiter Peppi Schmitt am Rande des Pokalfinales.

Es war in Berlin eine Ihrer letzten Vorstandssitzungen beim DFB. Konnten Sie die Tage ums Finale genießen?

HERIBERT BRUCHHAGEN: „Sonst schon, in diesem Jahr nicht. Es war eine Pflichtveranstaltung, die ich wahrgenommen habe, aber die Gedanken sind natürlich bei der Eintracht.“

Wird es Ihnen fehlen, sich einzumischen in die große Fußballpolitik?

BRUCHHAGEN: „Beim DFB war ich immer sehr zurückhaltend, aber bei der DFL habe ich mich tatsächlich stark eingemischt. Das war auch meine Pflicht als Vertreter der Ersten Liga. Die, die mich gewählt haben, wussten, dass ich eine Position habe, die habe ich vertreten.“

Können Sie sich vielleicht noch mehr einmischen, wenn sie bald kein Amt mehr haben?

BRUCHHAGEN: „Matthias Ohms ist da ein Vorbild. Der ehemalige Präsident hat sich in meinen dreizehn Jahren nie zu meiner Politik bei Eintracht Frankfurt geäußert. Ich nehme mir vor, genauso zu verfahren. Das gilt für die Eintracht und beim DFB. Wer kein Amt mehr hat, sollte sich zurückhalten. Mal sehen, wie es mir gelingt.“

Freuen Sie sich darauf, Verantwortung los zu werden, oder befürchten Sie es?

BRUCHHAGEN: „Keine Verantwortung mehr zu haben, ist befreiend. Das war ja in dieser Saison auch alles kein Vergnügen.“

Müssen Sie sich daran gewöhnen, in ein, zwei Monaten nichts mehr zu sagen zu haben in diesem Geschäft?

BRUCHHAGEN: „Warten Sie es ab. Ein wenig werde ich der Bundesliga noch erhalten bleiben, aber sicher nicht operativ.“

Vor zwei Jahren haben Sie gesagt, Spieler wie Jung und Rode würden durch ihre Wechsel nach Wolfsburg und München nicht nur der Eintracht, sondern auch der Nationalmannschaft entzogen. Wie sehen sie das mit etwas größerem Abstand?

BRUCHHAGEN: „Schwegler, Rode und Jung waren für uns bahnbrechende Verluste. Und wenn man dann sieht, wie unbedeutend ihre Rolle bei den anderen Vereinen ist, tut das umso mehr weh.“

Es wird immer moderner, Ablöse für Trainer zu bezahlen. Wie ist ihre Meinung dazu?

BRUCHHAGEN: „Das ist für mich undenkbar. Diesen Schritt hätte ich nie vollzogen.“

Das Thema Fans hat sie in ihrer Amtszeit durchweg begleitet. Herrscht am Ende Verzweiflung oder Resignation?

BRUCHHAGEN: „Die Ultra-Jugendbewegung verstehe ich zwar. Aber ich habe in meiner Zeit keinen Lösungsansatz gefunden, konstruktiv zum Wohle von Eintracht Frankfurt zu kommunizieren.“

Sie übergeben die Eintracht schuldenfrei. Andere wie der HSV leben seit Jahren von Herrn Kühne oder wie Schalke mit hohen Schulden. Macht Sie das nicht ärgerlich?

BRUCHHAGEN: „Ja, wir sind absolut schuldenfrei. Und genauso wichtig: Wir haben nicht einen Cent vorweggenommen beim Abschluss von Verträgen wie mit Nike oder anderen. Niemals hätte ich so etwas gemacht. Immer ist alles aus dem laufenden Geschäft bezahlt worden.“

Aber hätten Sie nicht doch mehr ins Risiko gehen müssen, wie der eine oder andere Kritiker gefordert hat? Mit Wolfgang Steubing oder Philip Holzer sind ja ausgewiesene Finanzexperten in der Mitverantwortung.

BRUCHHAGEN: „Der Gedanke kommt auf, weil das auch sehr verführerisch war. Natürlich hat man manchmal Selbstzweifel. Aber ich bin überzeugt, dass es der richtige Weg ist. Ich wollte einfach kein trojanisches Pferd im Garten haben. Ich komme aus einer Familie, in der mein Bruder und ich am 27. des Monats beim Kaufmann anschreiben lassen mussten, weil mein Vater das Gehalt erst am 30. bekommen hat. Es war bei uns undenkbar, Geld auszugeben, das nicht da ist. Das hat mich geprägt, dazu stehe ich. Und deshalb wollte ich, dass die möglichen Finanzkonstrukte nach meiner Zeit kommen. Eines steht fest: Irgendeiner muss es zurückzahlen. Die generierten Gelder fließen in die Mannschaft und irgendwann kommt der Zeitpunkt X. Ich bin am Ende auch unschlüssig, ob das Motto „nach mir die Sintflut“, nicht vielleicht auch eine Möglichkeit gewesen wäre.“

Wie schwer wird es Ihnen fallen, in Frankfurt nicht mehr zu entscheiden?

BRUCHHAGEN: „Da gilt der einfache Satz: Wenn einer geht, kommt ein anderer.“

Waren Sie denn in den letzten Monaten eine „lame duck“?

BRUCHHAGEN: „Ich hätte mich gerne mal als lame duck gefühlt, aber mir war immer klar, dass mir die Gesamtverantwortung zufällt, wenn es schlecht läuft. Wäre es gut gelaufen, wäre es einfacher gewesen. Das Tagesgeschäft hat mich in diesem Jahr genauso in Anspruch genommen wie vorher. Wobei mir Bruno Hübner, das muss ich sagen, eine große Entlastung ist.“

Sie sind vom Aufsichtsrat nie gefragt worden zur Personalie ihres Nachfolgers. Ist das nicht ungewöhnlich?

BRUCHHAGEN: „Ich bin so gut vernetzt und mit so vielen Leuten bekannt und befreundet, dass ich im Grunde alle Kandidaten gekannt habe. Deshalb bin ich ganz froh, dass ich mich nicht positionieren musste.“

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