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Kovac: "Ich werfe die Flinte nie ins Korn."

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12.04.2016, xpsx, Fussball 1.Bundesliga, Eintracht Frankfurt Training, emspor, v.l. Trainer Niko Kovac (Eintracht Frankfurt)
12.04.2016, xpsx, Fussball 1.Bundesliga, Eintracht Frankfurt Training, emspor, v.l. Trainer Niko Kovac (Eintracht Frankfurt) © Huebner/Scheiber

Die Rettung ist für Niko Kovac immer noch möglich. Dass der Eintracht-Trainer aber auch manchmal verzweifeln könnte, verrät er im Interview mit Klaus Veit, Markus Katzenbach und Peppi Schmitt.

Herr Kovac, das 0:2 gegen Hoffenheim war ein Tiefschlag im Abstiegskampf. Haben Sie ihn weggesteckt?

Natürlich war die Nacht nach dem Spiel kurz und die Nacht danach auch. Man geht ohnehin spät ins Bett, schaut sich auch das Spiel nochmal an. Und dann schießen einem tausend Gedanken durch den Kopf. Aber zu Wochenbeginn bin ich dann wieder auf das nächste Spiel fokussiert.

Fällt es im Abstiegskampf besonders schwer, auch mal loszulassen?

An was soll ich denn sonst denken? Man hat Ideen, hinterfragt sie, versucht das Richtige herauszufinden. Die Eintracht liegt mir und meinem Bruder am Herzen, wir müssen sehen, dass wir es schaffen. Es sind noch fünf Spiele, da ist alles möglich. Bremen ist nur einen Punkt vor uns, vielleicht können wir andere auch noch einholen. Bis Stuttgart sind alle noch nicht in sicheren Gewässern.

Wie viel Prozent von Ihren Vorstellungen setzt die Mannschaft bereits um?

Das ist schwer in Prozent auszudrücken. Vor allem in der Defensivarbeit greifen gewisse Automatismen, auch bei der Aggressivität und Laufstärke hat sie sich gesteigert. Viele Sachen machen wir schon richtig gut, gerade taktischer Art. Es ist nicht so leicht, gegen uns Chancen herauszuspielen. In der Offensive aber fehlt es noch. Das Umschaltspiel ist eine Baustelle, auch das Ausnutzen der Chancen. Wir haben die ganze Woche Torschusstraining gemacht, um da eine gewisse Sicherheit rein zu bekommen. Gegen Hoffenheim waren die Chancen ja da. Wir haben nur die Tore nicht gemacht.

Verzweifelt man da als Trainer?

Klar, man ärgert sich. Weil man in der Bundesliga nicht 20 Chancen pro Spiel bekommt, jedenfalls nicht wir als Eintracht Frankfurt. Das ist manchmal nur eine Handvoll. Und dann muss man sie konzentriert zu Ende führen. Wir haben uns schon verbessert. Wenn man die Fortschritte sieht, sich das aber nicht im Ergebnis widerspiegelt, ist das für mich aber auch ernüchternd.

Gibt es Unterschiede in den Leistungen zwischen Training und Spiel?

Natürlich ist ein Spiel etwas anderes. Da ist die Stimmung im Stadion, da sind Adrenalin und Emotion dabei. Gerade bei der Chancenverwertung gab es aber keine großen Unterschiede, das lief schon im Training nicht so optimal. Jetzt ist es aber deutlich besser geworden als in den letzten zwei, drei Wochen. Wir müssen weiter daran arbeiten – und dann werden wir das irgendwann auch ändern.

Ein Problem, das schon Ihr Vorgänger Armin Veh hatte, ist, dass immer wieder Spieler verletzt ausfallen, wie zuletzt Marco Russ oder jetzt Carlos Zambrano. Oft nicht lange, aber acht Spiele am Stück spielt auch kaum einer ...

Ich stelle mir auch die Frage, warum das so ist. Wir haben schon ein paar Maßnahmen eingeleitet, auch wenn sie noch nicht so greifen wie ich mir das vorstelle.

Welche denn?

Prophylaktische Maßnahmen. Pflege, Krafttraining, da haben die Jungs ja unter Armin Veh schon viel gemacht. Dehnung und Mobilisation sind wichtig. Die Frage ist: Wie bereite ich meinen Körper auf den Fußball vor? Wenn man sich Cristiano Ronaldo anschaut, sieht man, warum er so viele Spiele macht und so selten verletzt ist – weil er seinen ganzen Körper auf die Belastung hin trainiert.

Muss man da als Verein auch mehr anbieten?

Wir machen das ja auch. Wir können das jetzt nicht alles auf einmal aus dem Boden stampfen, aber das wird sukzessive aufgebaut. Es gehört zum Fußball dazu, dass auf Ernährung, ausreichend Schlaf, Massagen und vieles mehr geachtet wird. Wer das nicht macht, hat in gewissen Situationen den Nachteil.

Sie wirken so, als würden Sie vieles sehr intensiv durchdenken.

Das ist sicher so. Der Fußball ist aber auch so komplex geworden, dass man als Trainer nicht einfach sagen kann: Hier ist die Aufstellung, hier ist der Ball, jetzt geht spielen. Ich ziehe auch gerne die Wissenschaft zu Rate.

Christoph Daum, Ihr ehemaliger Trainer in Leverkusen, hat Sie schon als sehr wissbegierigen Spieler kennengelernt, als einen der Fußball nicht nur spielt, sondern auch denkt. War da der Weg zum Trainer vorgezeichnet?

Da gebe ich ihm schon recht. Mich interessiert das einfach. Wenn ich kein Profi geworden wäre, hätte ich Sport studiert. Als Trainer muss man das auch in seine Arbeit einbeziehen: Die Spieler wollen heute wissen, warum sie etwas machen sollen. Wenn man das nicht erklären kann, hat man ein Problem. Der Fußball hat sich auch sehr verändert. Ich kann mich noch erinnern, wie das mit den Videokassetten war. Da hat man vorgespult, zurückgespult, hat dann zu weit gespult ... Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten, und mir macht es Spaß, immer wieder neue Erkenntnisse und Methoden zu nutzen.

Sie sagen aber auch immer wieder, Sie dürften die Spieler nicht überfrachten.

Ja, irgendwann machen sie zu. Ich halte es für mich aber so, dass ich immer versuche, ihnen alles zu geben, alles zu zeigen, alles mit ihnen durchzuarbeiten, was ich kann. Weil ich mir sonst den Vorwurf mache, wenn es in die Hose geht: Du hast die Mannschaft nicht richtig vorbereitet. So kann keiner sagen: Wir haben es aber nicht gewusst. Das Alibi zählt nicht.

Wie aufnahmebereit erleben Sie Ihre Mannschaft?

Sie wirkt motiviert, ist nicht verängstigt, obwohl die Situation so ist, wie sie ist. Und sie nehmen viele Sachen auf. Natürlich geht in der Kürze der Zeit nicht alles. Eigentlich müssten wir versuchen, uns irgendwie Zeit zu stehlen, wie bei Momo und den grauen Männern.

Sie haben Christoph Daum bei dem Urteil über Sie recht gegeben. Er hat in Erinnerung an seinen eigenen Abstieg mit der Eintracht 2011 auch gesagt, dass er glaubt, dass es wieder so kommt – weil die Zeit zu kurz ist und zu viele Führungsspieler verletzt sind.

Es soll kein Alibi sein. Aber wenn man sieht, dass Alex Meier im letzten Jahr 19 Tore geschossen hat, weiß man, wie sehr er uns jetzt fehlt. Aber wir können ja nicht den Spielbetrieb einstellen. Ich bleibe dabei: Wir haben einen Punkt Rückstand auf Bremen. Vor dem Hoffenheim-Spiel gab es für mich die Möglichkeit, viel weiter oben anzugreifen. Jetzt müssen wir als ersten Schritt sehen, dass wir Bremen überholen.

Wie gehen Sie mit den letzten fünf Spielen um? Schauen Sie von Spiel zu Spiel – oder könnten Sie sich beispielsweise auch ein Teilziel für drei Spiele vorstellen, wie das etwa die Mainzer manchmal machen?

Das ist interessant. Hans Meyer, den ich bei der Hertha erlebt habe, hatte so ein ähnliches System mit Plus- und Minuspunkten. Ich halte es eher so, dass ich von Spiel zu Spiel schaue. Am Anfang haben wir gesagt: Wir brauchen aus den neun Spielen zwölf Punkte, um relativ sicher zu sein. Wenn wir jetzt weniger holen sollten, wird es natürlich schwieriger. Aber wir haben noch fünf Spiele, und ich habe im Fußball schon so viel erlebt, wo ich dachte: Das geht gar nicht. Ich werde nie die Flinte ins Korn werfen, das ist nicht meine Mentalität. So lange es rechnerisch möglich ist, glaube ich daran.

Sie haben im Sommer schon mal mit Sportdirektor Bruno Hübner gesprochen. Hätten Sie da gedacht, dass die Eintracht so abstürzen könnte?

Nein. Unter Thomas Schaaf war die Mannschaft ja im ganz gesicherten Mittelfeld, auch zurecht. Nur man sieht eben, dass es in der Bundesliga nur fünf, sechs Clubs gibt, die konstant oben mitspielen. Der Rest ist schon abhängig von Saisonverläufen, Verletzungen, Zufälligkeiten. Viele Mannschaften können mal hier, mal dort stehen. Da kann sich keiner sicher fühlen.

Wie weit waren Sie denn im Sommer in den Gesprächen?

Nun, damals waren wir mit Kroatien Erster in der EM-Quali. Ich habe Bruno gesagt, für mich ist die Bundesliga immer interessant. Wenn ich nicht Nationaltrainer und in guter Position gewesen wäre, hätte man das im Sommer schon gemacht.

Jetzt sind Sie da. Wie haben Sie die Fußballstadt Frankfurt bisher erlebt?

Als ich damals als Spieler aus Leverkusen nach Hamburg gewechselt bin, habe ich erst gemerkt, was da überhaupt drinsteckt: Riesenstadt, toller Club, tolles Umfeld, tolle Fangemeinschaft. Das war mir vorher gar nicht so bewusst, wenn man nur zum Spiel gegangen ist. Genau dasselbe sehe ich jetzt in Frankfurt. Was ich in der Stadt erlebe, ist oberer Bundesliga-Bereich. Die Realität ist im Moment eine andere. Wir müssen sehen, dass wir das, was auf der Tribüne und in der Stadt ist, auf den Platz bringen.

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