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Letzte Ausfahrt Nürnberg

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Von: Markus Katzenbach

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Enttäuscht: David Abraham nach dem Hoffenheim-Spiel.
Enttäuscht: David Abraham nach dem Hoffenheim-Spiel. © Christian Klein

Die Eintracht träumte von einem Höhenflug und stürzte tief ab. Wie ist es soweit gekommen? Ein Rückblick in Spielen und Szenen.

12. September, 6:2 gegen den 1. FC Köln. Es wurde wieder geträumt bei der Frankfurter Eintracht. Vor dieser Saison, die nun mit dem Absturz in die Zweitklassigkeit zu enden droht, noch vorsichtig, nach vier Spieltagen schon etwas wilder. Vieles schien ja auch angerichtet für einen Höhenflug. Zwar besaß der einstige Erfolgstrainer Armin Veh bei den Fans viel weniger Kredit, als die Verantwortlichen bei ihrer Rückhol-Aktion wohl gedacht hatten. Die Umstände von Vehs erstem Abschied im Sommer zuvor, als ihm Frankfurt zu klein geraten schien, waren bei den Treuen in der Kurve unvergessen. Voller Zuversicht aber steckten auch sie – ebenso wie die Frankfurter Medien übrigens: Diese Zeitung etwa tippte die Eintracht auf den achten Platz. Und war damit noch vergleichsweise zurückhaltend.

Von der Qualität her sei das die beste Mannschaft, die er bislang bei der Eintracht trainiert habe, urteilte Veh gar hoffnungsvoll. Eine Einschätzung, die sich als falsch herausstellen sollte. Ebenso wie dieser Versuch, eine alte Liebe neu aufleben zu lassen. Veh zum Zweiten – das war ein schleichender Verfallsprozess. Aber noch war Sommer, noch herrschte gute Laune. Vor allem, als dann am 12. September der Frankfurter Fußballgott viel früher als befürchtet von seinem Kniepatienten-Bett auf den Rasen zurückkehrte. Und wie. Drei Tore schoss Alexander Meier bei seinem Comeback gegen den 1. FC Köln, Luc Castaignos und Haris Seferovic trugen ihren Teil zu der Sixpack-Party bei: ein Frankfurter Sturm, der den Blätterwald zum Rauschen brachte, den der „Kicker“ auf Orkanstärke einstufte. Der Hype nach diesem Meier-Märchen ging Veh fast schon zu weit, er wusste: Es würden auch wieder andere Tage kommen. Für den so lange verletzten Meier. Und die ganze Eintracht.

27. September, 1:1 gegen Hertha BSC. Tatsächlich herrschte bald eine ausgewachsene Flaute. Die Eintracht spielte gar nicht schlecht, auch gegen die Hertha anfangs nicht. Aber sie traf nicht mehr. Außer Meier, der noch einmal ein Führungstor schoss. Der junge Marc Stendera schoss danach aus weiter Entfernung noch an die Latte. Wie die Saison wohl verlaufen wäre, hätte er noch ein bisschen genauer gezielt? Besser vermutlich, aber wirklich gut gewiss nicht. Dafür sollte die Mannschaft zu viele Schwachstellen offenbaren, dafür war sie auch zu schlecht zusammengestellt. Mit Verteidiger David Abraham oder Torwart Lukas Hradecky waren Sportdirektor Bruno Hübner auf dem Fußballer-Basar zwar gute Griffe gelungen. Die größten Baustellen aber wurden nicht bearbeitet – rechts hinten, links vorne, und dem ganzen Gebilde fehlte es an Tempo.

Statt mit einem Sieg gegen die Hertha in Richtung Europa zu klettern, war das verdiente Berliner Ausgleichstor der Beginn einer Frankfurter großen Talfahrt. „Als ob jemand den Stecker gezogen hätte“, beschrieb Veh den Einbruch nach der Pause. Nur wie sollte er wieder in die Dose kommen? Der angriffslustige Trainer verabschiedete sich zwischenzeitlich von seinen Idealen, verordnete ein strenges Sicherheitsdenken. Die Kurve war so aber nicht zu kriegen. „Mit dem Defensiv-Mist gewinnst du auch nix“, gestand Veh später ein.

6. Dezember, 0:1 gegen Darmstadt 98. So oder so: Der Versuch des schönen Spiels war krachend gescheitert – und die Eintracht rumpelte immer tiefer in die Krise. Noch schlimmer: Im brisanten Hessenderby gegen den wackeren Aufsteiger Darmstadt 98 ließ sie nicht nur Spielkultur vermissen, sondern auch den nötigen Einsatz. „Das geht gar nicht“, wetterte Veh nach einem schaurigen Nikolausabend. Dazu gehörten auch Bilder von Rauch und Feuer auf den Rängen, von Fans, die auf und über die Barrikaden gingen – und ein Stadionverbot für alle Eintracht-Anhänger zum Rückspiel in Darmstadt.

5. März, 1:1 gegen den FC Ingolstadt. In der Winterpause sollte die „Reset-Taste“ gedrückt werden, wie es Sportchef Hübner ausdrückte, alles wieder auf Anfang gestellt werden. Mit altem Trainer und neuen Spielern. Die Eintracht aber taumelte weiter dem Abgrund entgegen, gelähmt von allgemeiner Verunsicherung. Am 5. März schwebte ein kräftiger Hauch von Endzeitstimmung über der Arena, und für einen war es tatsächlich ein Endspiel – und weil Veh es nicht gewann, verlor er nach dem 1:1 gegen Ingolstadt seinen Job.

9. April, 0:2 gegen 1899 Hoffenheim. Sein Nachfolger Niko Kovac setzte im Klassenkampf auf andere Tugenden, Glück hatte aber auch er erst einmal nicht. Das wegweisende Duell gegen den direkten Konkurrenten aus Hoffenheim ging verloren, obwohl sich die Eintracht eigentlich als die bessere Mannschaft gezeigt hatte – ein Spiel, wie es in gewisser Weise typisch für einen Absteiger war. Die Niederlage jedenfalls fühlte sich für viele im und um den Club herum schon wie ein Abstieg an. Nach dem ähnlich unglücklichen 0:3 eine Woche drauf in Leverkusen drohte man gar frühzeitig den Anschluss zu verlieren. Kovac freilich steckte längst nicht auf – und erklärte die ausstehenden Partien zu „vier Endspielen“.

24. April, 2:1 gegen Mainz 05. Ob es tatsächlich daran lag, dass der Trainer seine Profis vor dem ersten Teil der Rhein-Main-Wochen ins Eintracht-Museum schickte, um ihnen zur Willensschulung ein Video des Eintracht-Wunders von 1999 zu zeigen? Mainz jedenfalls wurde danach 2:1 bezwungen – mit dem nötigen Glück, das die Eintracht aber auch endlich mal erzwang. Ebenso wie beim Showdown in Darmstadt (2:1) und dann in der sensationellen Abwehrschlacht gegen vermeintlich unbezwingbare Dortmunder Borussen (1:0). Fußballkunst boten Kovacs Abstiegsgespenst-Jäger nicht. Laufstärke und Leidenschaft, Kampf- und Willenskraft aber hatte er ihnen eingeimpft – und damit eine fast wundersame Trendwende geschafft.

14. Mai, 0:1 bei Werder Bremen. „Wunder von Frankfurt, Teil vier“: So beschrieb Kovac vorab, was dieses echte Endspiel um den Klassenerhalt bringen sollte. Ein paar Minuten aber fehlten dazu: Kurz vor Schluss stocherte Werder-Verteidiger Djilobodji einen Freistoß ins Glück der so geretteten Bremer – ein Stich ins Eintracht-Herz.

19. Mai, 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg. Was für ein Drama! Zum Klassenziel ging es nun nur noch über den Umweg der Relegation gegen den Zweitliga-Dritten 1. FC Nürnberg. In deren erstem Teil steckte dann fast mehr, als ein Fußballspiel aushalten kann. Mitten in die Vorbereitung auf die Alles-oder-Nichts-Spiele platzte die Diagnose einer schweren Tumor-Erkrankung bei Marco Russ, zufällig entdeckt, bei einer Dopingkontrolle.

Dass der Frankfurter Anführer tags drauf trotzdem auflief, war bemerkenswert – und dass ausgerechnet er ein Eigentor schoss, war eine tragische Pointe, die keiner brauchte. Immerhin gelang der hoch überlegenen Eintracht, aber sonst arg harmlosen Eintracht noch das 1:1. Beim Wiedersehen in Nürnberg fehlt Russ nach einer Gelben Karte gesperrt. Während die Kollegen noch einmal ein Endspiel haben, diesmal eines, nach dem wirklich alles vorbei ist, so oder so – mit der letzten Möglichkeit, den größtmöglichen Unfall der Bundesliga-Welt noch abzuwenden.

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