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Das nächste Fußballfest: Die Frankfurter Torschützen Sébastien Haller (Mitte) und Filip Kostic (rechts) feiern vor vollem Haus.

Eintracht Frankfurt

Magische Momente am Fließband - Höhenflug der Adler hält an

Der Knackpunkt war der Besuch in Marseille: Dort hat die Eintracht den Hebel um- und seither einen selten erlebten Höhenflug hingelegt.

Gelson Fernandes, der dauerlaufende Gute-Laune-Bär der , weiß mittlerweile sehr genau, warum er im fast schon gesetzten Alter von 32 Jahren und nach zehn Stationen bei Clubs in der Schweiz, Italien, England und Frankreich immer noch Fußball spielt, gerne Fußball spielt. Er weiß solche ganz besonderen Momente, solche magischen Momente, wie sie die Eintracht derzeit europaweit praktisch am Fließband produziert, inzwischen zu schätzen. „Diese Atmosphäre! Ich bin hierher gekommen, um das zu erleben. Das ist Fußball, dafür spielt man Fußball.“ Das sei allemal viel besser, als auf seine alten Tage gut bezahlt „in China“ zu kicken. „Das muss man genießen“, betonte der ehemalige Schweizer Nationalspieler nach dem sehr souverän erspielten 2:0 (2:0)-Erfolg über Apollon Limassol.

Die Eintracht marschiert weiterhin mit Siebenmeilenstiefeln durch die Europa League. Drei Spiele, drei Siege, neun Punkte, Tabellenplatz eins: Viel besser hätte sich der Frankfurter Marsch durch Europa nicht gestalten lassen, das ist mehr als die halbe Miete. Und das weckt Begehrlichkeiten. Marco Russ, mit 33 Jahren einer der ganz Erfahrenen im Team, formulierte forsch, aber keineswegs kühn, neue Ziele: „Wir haben schon den ersten Platz im Blick.“ Der Gruppensieg in der als stark eingeschätzten Gruppe H mit den vermeintlichen Topfavoriten Lazio Rom und Olympique Marseille ist allemal möglich und wäre angesichts des Frankfurter Auftretens auf ihrer Lieblingsbühne mittlerweile nicht einmal besonders überraschend.

Acht Punkte Vorsprung auf Platz drei sind ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. „Wir sind gewillt, als Erster durchzugehen“, bekräftigte Russ. Eine extra Million Euro wäre den Frankfurtern aus den prall gefüllten Uefa-Töpfen sicher, dazu gibt es eine halbe Million Euro für das Erreichen der Runde der letzten 32, die ab 14. Februar nächsten Jahres ausgetragen wird. Für die drei Siege haben die Hessen bislang 1,71 Millionen Euro eingestrichen, dazu kommt das Startgeld in Höhe von 2,9 Millionen Euro. Für den Gruppenplatz zwei erhielten die Frankfurter 500 000 Euro. Ein Sieg im nächsten Spiel auf Zypern (am 8. November) und das Überwintern im Europapokal wäre unter Dach und Fach.

Als Adi Hütter bei der Analyse auch zum Abschneiden der vermeintlichen Favoriten Rom und Marseille gefragt wurde, klang der Frankfurter Coach fast so, als sei er beim FC Bayern München angestellt. Zu den anderen Opponenten wolle er sich gar nicht äußern, sagte der Österreicher, „für mich ist wichtig, dass Eintracht Frankfurt vorerst mal auf Tabellenplatz eins ist“.

An dem Sieg gab es nichts zu deuteln, er war hochverdient und hätte leicht höher ausfallen können. „Wenn man schon die Nadel im Heuhaufen suchen will, dann, dass wir aus unseren Chancen zu wenig gemacht haben“, krittelte der Fußballlehrer sanft, ein Kantersieg wie zuletzt in der Liga gegen Fortuna Düsseldorf (7:1) wäre auch an diesem stimmungsvollen Abend leicht möglich gewesen. Aber das kommt einem Meckern auf hohem Niveau schon ziemlich nahe. Stolz hat er zur Kenntnis genommen, dass die Eintracht fünf Siege hintereinander auf diesem Niveau lange nicht mehr geschafft hat. „Das ist keine Selbstverständlichkeit, das letzte Mal gab es das 1989 in der Bundesliga.“ Ist eine ganze Weile her.

Erstaunlich ist der Höhenflug der Eintracht schon. Der entscheidende Hebel ist im ersten Europa-League-Spiel bei Olympique Marseille umgelegt worden. Im Geisterspiel in Südfrankreich hatte die Eintracht die Partie trotz eines frühen Rückstands und in Unterzahl noch gedreht und zum Schluss 2:1 gewonnen. In diesem merkwürdigen Spiel ist etwas zusammengewachsen, was bis heute hält. Da hat die Mannschaft zu sich gefunden, ist enger zusammen gerückt, hat gespürt, wozu sie in der Lage ist. Das unerwartete Erfolgserlebnis auf internationaler Bühne hat ihr einen Schub versetzt.

Dieses neue Selbstbewusstsein nahmen die Frankfurter mit in die Liga – mit Ausnahme des Spiels in Mönchengladbach spielen sie mittlerweile auch das, was Offensivverfechter Hütter als Ziel stets formuliert hat: „Attraktiven, begeisternden Offensivfußball, variabel und nicht leicht ausrechenbar.“ Das habe mit der Spielanlage („Das 3-5-2 steht uns gut zu Gesicht“) und mit der prächtigen Form der einzelnen Spieler zu tun. Doch wohin die Reise noch führe, nein, das könne er nicht sagen. „Aber der Weg stimmt absolut, es geht in die Richtung, die ich mir vorstelle.“ Und dann lehnte er sich sogar weiter aus dem Fenster. Wenn die Mannschaft diese Form bestätige, dann sei ihm nicht bange: „Ich habe das Gefühl, dass wir niemanden zu fürchten brauchen.“ Hört sich an wie ein

Spiel ohne Grenzen

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Es deutet nichts darauf hin, dass Hütter von seiner Maxime beim nächsten Bundesligaspiel, schon morgen um 13.30 Uhr beim Aufsteiger 1. FC Nürnberg, abrücken wird. „Ich denke, sie werden sich nach uns richten“, sagte er und drückte damit das neue Selbstvertrauen aus – trotz einiger personeller Sorgen. So ist unklar, ob Kevin Trapp (Oberschenkel), David Abraham oder Danny da Costa (muskuläre Probleme) werden mittun können. Leichte Entwarnung konnte er bei Dauerbrenner da Costa geben. „Es ist nicht so schlimm wie er selbst vermutet hat, die Chance, dass er dabei sein kann, ist groß.“ Bei Abraham werden MRT-Bilder des lädierten Sprunggelenks angefertigt, bei Kevin Trapp will man kein Risiko eingehen – Einsatz offen. Wenn der Keeper nicht kann, spiele halt Ersatzmann Frederik Rönnow: „Er hat unser 100-prozentiges Vertrauen.“

Ganz zum Schluss an diesem gelungenen Europapokal-Abend ist Gelson Fernandes gefragt worden, wie lange die Serie der Eintracht noch halte. „Wenn ein Dämpfer am 23. Dezember kommt, ist es gut“, sagte der Abräumer und grinste breit. Am 23. Dezember beginnt die Winterpause.

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