Eintracht Frankfurt

Marco Russ: "Wir sind zu 100 Prozent eine Einheit"

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Nach dem Abstieg der Eintracht, für die er seit seinem elften Lebensjahr gespielt hatte, wechselte er 2011 zum VfL Wolfsburg, kehrte nach anderthalb Jahren jedoch zunächst auf Leihbasis zurück und wurde am Ende der Saison wieder fest verpflichtet. Noch einmal, da hat sich Marco Russ, festgelegt, würde er innerhalb Deutschlands nicht wechseln. Wenn überhaupt, kämen die USA als letzte Station für den Fußballer infrage.

Hallo Marco, wie haben Sie das Spiel in Bremen erlebt – und verarbeitet?

MARCO RUSS: Es war eine ziemlich bittere Niederlage. Ich denke wir waren dem Sieg näher als Bremen, aber auf solch einem hohen Niveau entscheiden nun mal Kleinigkeiten, und dieses Mal haben wir leider einen Fehler mehr gemacht als der Gegner.

War die Vorgabe anders als sonst, was das Anlaufverhalten angeht? Es wurde ja später attackiert als man das aus den letzten Wochen gewohnt war.

RUSS: Es kommt immer ein wenig auf den Gegner drauf an, situativ greift man ganz vorne an, manchmal tiefer. Man kann einfach nicht über 90 Minuten den Gegner offensiv pressen.

Ein Fernsehreporter meinte irgendwann beim Stand von 1:1, es sehe so aus, als würden sich beide Mannschaften mit einem Unentschieden zufriedengeben. War das so? Geht das überhaupt in der Bundesliga?

RUSS: Wir sind eine Mannschaft, wir haben viele Spieler im Team, die immer gewinnen wollen. Vielleicht sah das so aus, weil wir viel auf Ballbesitz gespielt haben und nicht jeden Angriff nach vorne gespielt haben. Aber natürlich wollten wir gewinnen und hatten auch die Chancen dazu.

Ist es purer Zufall, dass es in der Hinrunde auswärts so gut lief und zu Hause nicht so – und dass es jetzt umgekehrt ist? Oder gibt es dahinter eine Logik?

RUSS: Es gibt natürlich keine Erklärung dafür, wir sind selbst verwundert, dass wir uns in der Hinrunde zu Hause so schwer getan haben und jetzt alles glatt läuft, andersherum auswärts. Wenn wir wüssten wie, würden wir den Hebel in die andere Richtung betätigen.

Sie haben ja schon einiges mitgemacht und können uns bestimmt erklären, was das Besondere an der aktuellen Mannschaft ist – und an Trainer Niko Kovac. Dass die Eintracht an der Qualifikation zur Champions League kratzt, ist ja kein Normalzustand.

RUSS: Was uns ausmacht, ist der absolute Teamspirit, den wir in der Mannschaft haben, so was habe ich persönlich noch nie erlebt. Wir sind zu 100 Prozent eine Einheit – egal was kommt. Wir geben nie auf, stehen immer auf, und keiner ist sich für irgendwas zu schade. Der Trainer lebt uns jeden Tag Professionalität vor, er gibt genau wie wir jeden Tag hundert Prozent, will immer das Maximum. Er weiß aber auch, wann er uns manchmal mal ein wenig mehr Leine geben kann.

Es ist jedenfalls erkennbar, dass die Eintracht inzwischen mit einem gewissen Selbstwertgefühl in die Spiele geht. Ganz anders als in den Jahren, in denen man ganz oft Außenseiter war. Spüren Sie einen größeren Respekt von der Konkurrenz und wenn ja, wie äußert sich der?

RUSS: Natürlich bekommt man mit, dass die Gegner viel Positives von sich geben bezüglich unseres Teams. Wenn man so lange über die Saison da oben steht und mitmischt, dann kommt es schon mal vor, dass sich auch Mannschaften tiefer reinstellen gegen uns. Aber auch da haben wir uns zu den Jahren zuvor gesteigert und haben nicht mehr das Problem auch das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.

Was haben Sie konkret von Niko Kovac gelernt?

RUSS: Dass man auch in einem hohen Alter noch über seine Grenzen hinausgehen kann, immer und jeden Tag an sich arbeiten muss. Er lebt das jeden Tag vor und nicht nur die jungen Spieler profitieren davon auch wir älteren und erfahreneren Spieler.

Die Bayern und Dortmund sollen großes Interesse am Eintracht-Trainer haben. Ist das ein Thema in der Mannschaft? Oder zwischen Mannschaft und Trainer?

RUSS: Zwischen Trainer und Mannschaft ist das überhaupt kein Thema, weil es gerade jetzt einfach keinen Platz hat. Wir haben noch knapp sieben Wochen, und da wollen wir uns absolut auf den Endspurt konzentrieren.

Sie haben ja ausgeschlossen, noch einmal innerhalb der Bundesliga zu wechseln. Wie wäre es denn im Herbst Ihrer Laufbahn mit einem Auslands-Abenteuer?

RUSS: Ich habe ja schon des Öfteren darüber gesprochen, dass ich mir Amerika mal vorstellen könnte, aber dafür müsste das gesamte Paket zu hundert Prozent stimmen, da ich auch zwei Kinder habe. Aber am liebsten würde ich natürlich noch ein paar Jahre für die Eintracht spielen.

Also doch noch einmal Europapokal... Wissen Sie noch: Die Nacht von Istanbul? Und Porto? Oder was war Ihr schönstes internationales Erlebnis?

RUSS: Ich kann mich natürlich noch an alle meine europäischen Spiele erinnern, weil wir mit Frankfurt einfach nicht jede Saison international spielen, daher habe ich jedes einzelne Spiel bis zur letzten Sekunde genossen. Daher würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn wir es dieses Jahr schaffen.

Es gibt auch schon wieder diejenigen die warnen und meinen, der Eintracht fehle die Substanz, um auch noch international zu spielen. Dabei ist es erstens noch ein weiter Weg bis dahin – und zweitens?

RUSS: Zweitens haben wir dieses Jahr schon einen breiteren und qualitativ besseren Kader als die letzten Jahre und ich denke, falls wir nächstes Jahr international spielen, dann wird der Kader nochmals punktuell verstärkt. Also mache ich mir darüber keine Gedanken.

Ein Schlüsselspiel auf dem "Weg nach Europa" könnte Hoffenheim sein...

RUSS: Vielleicht kein Schlüsselspiel wie Mainz gegen Köln, aber ein enorm wichtiges Spiel, da wir mit einem Sieg über Hoffenheim den Abstand vergrößern könnten. Das heißt, wir wissen wie wichtig dieses Spiel ist und werden alles daransetzen zu siegen.

Und dann ist da ja noch der DFB-Pokal. Was wäre Ihnen lieber: Pokalsieger werden oder Champions-League spielen? Wobei die Antwort ist klar: Am liebsten beides . . .

RUSS: Natürlich beides, aber ich denke der Pokal wäre noch mal das absolute Highlight meiner Karriere. Aber Champions League wäre auch genial. Für beide Ziele müssen wir noch mal alles rausholen.

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