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06 02 2016 xjhx Fussball 1 Bundesliga Eintracht Frankfurt VfB Stuttgart emspor v l Fans Eint

Eintracht Frankfurt

Wie die Musik das Fußballstadion eroberte

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Genau so wichtig wie die Fans selbst sind heute auch die Fangesänge. 90 Minuten lang geben die Fans der Frankfurter Eintracht alles, um ihre Mannschaft anzufeuern. Doch wieso wird im Stadion überhaupt gesungen?

Samstag, 15.20 Uhr: Während das Leben in der Frankfurter Innenstadt seine normalen Kreise zieht, herrscht bei Heimspielen der Eintracht im Stadtwald Ausnahmestimmung. Die Ränge sind gefüllt, um 15.30 Uhr wird das Spiel beginnen. Doch bevor es auf dem Rasen hoch hergeht, haben die Fans ihren großen Auftritt. Der Stadionsprecher tritt auf den Rasen, stellt sich vor die Kurve der Eintracht-Fans und kündigt den Polizeichor von Frankfurt an. Innerhalb von Sekunden recken Zehntausende ihren Schal in die Höhe und singen aus voller Seele „Im Herzen von Europa…“ Die Hymne des Frankfurter Bundesligaclubs nutzen die Fans zum Warmsingen, denn nicht nur zu Beginn des Spiels unterstützen sie ihre Mannschaft mit einem breiten Repertoire an Fangesängen.

Doch wie sind solche Fangesänge überhaupt entstanden? „Fangesänge gibt es im Grunde schon seit der Antike“, sagt Georg Brunner, Leiter des Instituts für Musik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er beschäftigt sich seit rund zehn Jahren mit dem Phänomen Fangesang. „Seit den 1960er Jahren existieren die Gesänge, die wir heute aus dem Fußball kennen. Sie kommen – wie dieser Sport selbst – aus der englischen Tradition.“ Die Engländer hätten ihre Clubs schon früh mit eigenen  Hymnen unterstützt. In den südamerikanischen Stadien hingegen hätten Fans ihre Mannschaften mit Klatschrhythmen und Trommeln angefeuert. „Das kennt man bei uns heute auch. Irgendwann hat es sich etabliert“, sagt Brunner.

Lieder gezielt ausgesucht

Heutzutage hat jede Fangruppierung zahlreiche Lieder in ihrem Repertoire, die sie je nach Spielsituation einsetzen kann. „Musik erzeugt ein Zugehörigkeitsgefühl. Das weiß man schon aus der Kriegsführung. Dort sind während des Marschierens Lieder gesungen worden, eine Militärkapelle ist vorausgezogen“, sagt Brunner. Die Fans glauben, mit dem Absingen der Lieder eine gewisse Kontrolle über das Spiel ausüben zu können. Aber auch Buh-Rufe oder lautes Pfeifen erzeugen dieses Gefühl. „Die Capos, die die Lieder anstimmen, suchen diese Lieder in bestimmten Situationen gezielt aus“, sagt Brunner.

Ernst Klosen hat eine Theorie aufgestellt, warum Menschen im Stadion singen. Drei Dinge müssen laut der Theorie zusammenkommen, sagt Brunner: „Erstens ein nicht alltägliches Getränk, also Alkohol, zweitens eine nicht alltägliche Kleidung, sprich Trikot oder Kutte und drittens eine nicht alltägliche Bewegung wie beispielsweise das Klatschen während des Singens.“ Diese Theorie sei zum Beispiel auch auf das Oktoberfest übertragbar: „Die Besucher kleiden sich in Lederhose und Dirndl – keine alltägliche Kleidung –, sie stehen auf Bänken – keine alltägliche Bewegung sozusagen – und Alkohol fließt auch auf dem Oktoberfest. Auch dann singen die Menschen Lieder, die sie sonst nicht singen würden“, sagt Brunner.

Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen dem Spiel und den Gesängen? Mit den Liedern, erklärt Brunner, reagieren die Fans in der Frankfurter Fankurve auf das Spiel, auf Spannungs- und Entspannungsmomente. „Ist ein Spiel langweilig oder lange unentschieden, dann tauchen viele Rhythmen auf“, sagt Brunner. In der Kurve kommt es dann zum sogenannten Dauersupport: Ein Kurzgesang wird über mehrere Minuten gesungen, es gibt keine große Abwechslung. Anders, wenn die Eintracht führt: „Dann erklingen viele verschiedene Melodien“, sagt Brunner. In besonderen Momenten, wie dem Einzug in den Europapokal oder die Krönung von Alex Meier zum Torschützenkönig, sind sogar ganz neue Melodien zu hören.

Neuer Gesang die Schöpfung eines einzelnen

Neue Fangesänge entstehen nicht im Kollektiv, sondern sind zunächst die Schöpfung eines einzelnen: „Meist hört jemand irgendwo eine Melodie und überlegt sich dann, wie er das Lied umtexten kann. Dann muss es nur noch unter die Leute gebracht werden“, sagt Brunner. Der Text wird, im Fall der Eintracht, vorher im Fanmagazin der Ultras – Schwarz auf Weiß – abgedruckt. Während des Spiels wird das Lied dann durch den Capo angestimmt, die Fankurve singt mit. „So werden neue Gesänge kreiert, die dann im ganzen Stadion zu hören sind“, sagt Brunner. Als Beispiele kann man hier den Kurzgesang „Eintracht Frankfurt international…“ oder das Alex-Meier-Lied nennen.

Fangesänge sind so erfolgreich, weil sie einfach sind und auf bekannte Melodien zurückgreifen. „Jeder kann in der Regel sofort einstimmen. Die Ästhetik spielt keine Rolle, es kommt also nicht darauf an, ob ich schön singe“, sagt Brunner. Aber auch die Masse spiele eine Rolle. Singt der Nachbar, kann man selbst auch mitsingen. „Das Fußballstadion ist ein interessantes Phänomen, denn viele beklagen sich, dass heutzutage zu wenig gesungen wird. Aber ausgerechnet in Fußballstadien wird ja gesungen“, sagt Brunner. Und welcher Fangesang ist am bekanntesten? „Das ist schwer zu sagen, aber ich tippe auf ‚Zieht den Bayern die Lederhosen aus‘. Das kennen die meisten Fußballfans und die meisten Fangruppierungen haben es irgendwann schon einmal gesungen.“

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