Eintracht Frankfurt

Ein Neuanfang zum Vergessen

  • Markus Katzenbach
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Ein Spiel dauert 90 Minuten, lautet eine alte Binsenweisheit des Fußballs, und in der Regel ja noch ein bisschen länger. Das mit viel Spannung erwartete Spitzentreffen in der Leipziger Arena war

Ein Spiel dauert 90 Minuten, lautet eine alte Binsenweisheit des Fußballs, und in der Regel ja noch ein bisschen länger. Das mit viel Spannung erwartete Spitzentreffen in der Leipziger Arena war aber im Grunde schon in genau 131 Sekunden gelaufen. „Nach der Roten Karte war die Messe gelesen. Wir hatten dann das Pech, dass der Freistoß gleich reingeht. Dann war nichts mehr zu machen“, fasste Trainer Niko Kovac die Partie hinterher genauso schnell zusammen, wie sie entschieden worden war.

Für seine Frankfurter Eintracht hielt der Besuch bei den in der Bundesliga-Hinrunde nicht minder überraschend erfolgreichen Aufsteigern von RB Leipzig eine groteske Mischung parat, aus unfreiwilliger Komik – und Entsetzen, den diese Einlagen in eigenen Reihen auslösten. Als die Frankfurter Reisegruppe bald nach dem Abpfiff zum Flugzeug in Richtung Heimat eilte, hatte sie nach einem frustrierenden Samstagabend voller Pannen und Pech eine 0:3 (0:2)-Pleite im Gepäck, einen Neuanfang nach der Winterpause, den man besser gleich vergessen sollte. Und einige Sorgen obendrein.

„Das kannst du einfach nur abhaken“, empfahl Eintracht-Vorstand Axel Hellmann und sprach treffend von einem „Slapstick-Spiel“. Vom Blackout des Schlussmannes Lukas Hradecky bis zum unglücklichen Eigentor des sonst meist ebenso zuverlässigen Verteidigers Jesus Vallejo in der 67. Minute. Entscheidend war nicht nur für Kovac der Platzverweis für Hradecky, der nach kaum zwei Minuten einen einfachen langen Ball klären wollte, sich aber erst verschätzte, dann wegrutschte und in der Not schließlich außerhalb des Strafraums die Hände einsetzte, um sich den Ball vor dem anrauschenden Leipziger Bernardo zu krallen.

„Vielleicht hätte er die Hände weglassen sollen. Dann steht es 0:1, aber wir spielen weiter elf gegen elf“, sagte Kovac, freilich ohne sich lange mit diesen Gedankenspielen aufhalten oder Hradecky einen Vorwurf machen zu wollen: „Das war ein Reflex.“ Dass Leipzig trotz der verbotenen Rettungstat gleich in Führung ging, weil Ersatztorhüter Heinz Lindner den fälligen Freistoß zwar von der Linie boxte, seine Verteidiger Vallejo und Bastian Oczipka Marvin Compper aber genug Raum zum erfolgreichen Nachschuss ließen, machte es nicht einfacher.

Kein Maßstab

„Dann ist es natürlich ein verdammt langer Weg“, wusste Sportvorstand Fredi Bobic. Fast drei Wochen hatten sich die Frankfurter in der Winterpause vorbereitet, auf die Rückrunde im Allgemeinen und auf den verspäteten Hinrunden-Abschluss beim Tabellenzweiten im Speziellen – und dann waren zumindest alle Pläne für den Neustart rasch über den Haufen geworfen. Als Maßstab taugte dieses Spiel nicht, angesichts der Begleitumstände. „Ich will das nicht überbewerten, hier kann man keine Analyse vornehmen“, sagte Kovac. Und Bobic trauerte wie so mancher nach dem seltsamen Verlauf darüber, dass ein echtes Kräftemessen so ausgefallen war: „Elf gegen elf wäre das über 90 Minuten sicher ein interessantes Spiel geworden.“

Viel mehr zu sagen gab es gar nicht. Die reichen Emporkömmlinge aus Leipzig und vor allem ihr hochbegabter Antreiber Naby Keita deuteten an, warum sie so souverän hinter den großen Bayern die Besten vom Rest sind. Ohne groß zu berauschen, aber das mussten sie ja auch nicht. In voller Zahl hätte die Eintracht sie sicher weit mehr gefordert, so hielt Lindner Frankfurt mit guten Paraden erstmal halbwegs im Spiel. Und Ante Rebic hatte als einsame Spitze mit einem Solo vorbei an allen Leipziger Grätschen und einem feinen Schlenzer gar noch zwei gute Chancen zum 1:1. Während Branimir Hrgota nach Hradeckys Rot notgedrungenen für Ersatztorhüter Lindner vom Feld musste und Alexander Meier ganz draußen blieb. Als dann der zweite RB-Treffer fiel, wieder nach einem Freistoß, den Timo Werner kurz vor der Pause ins lange Eck köpfte, war das für Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner „der Genickschlag“.

Rätsel um Fabian

Der Trainer hielt sich mit all dem gar nicht lange auf und forderte mit Blick auf die nächste Herausforderung am Freitag bei Schalke 04: „Wir müssen sehen, dass wir ganz schnell wieder in die Spur kommen.“ Die Hinrunde hat die Eintracht nun mit 29 Punkten auf Platz sechs abgeschlossen, immer noch eine sensationelle Bilanz für einen Fast-Absteiger. Wer aber die unverhoffte Europa-Chance beim Schopf packen will, darf nicht nachlassen. „Die anderen Teams jagen uns“, mahnte Kovac. Zum Beispiel Schalke. Da wäre es gut, am Freitag zumindest den Abstand zu halten. Die Voraussetzungen allerdings sind nicht besser geworden, eher im Gegenteil. Neben Hradecky fehlt dann auch der in Leipzig starke Ante Rebic, der es bei allem Kampfgeist ein, zwei Mal mit der Härte übertrieb, am Rande des Platzverweises wandelte und sich eine Gelbsperre einhandelte.

Mit Szabolcs Huszti und Marco Fabian rechnet Kovac auch nicht. Ob beiden ein längerer Ausfall droht? Der von einer Achillessehnenreizung geplagte Huszti wurde auch deshalb so vermisst, weil Makoto Hasebe für ihn im Mittelfeld auflief und so die Abwehrreihe nicht ordnen konnte. Fabian machte sich aus Leipzig auf den Weg nach Berlin, um sich in einem Reha-Zentrum durchchecken zu lassen – in der Hoffnung, dass sich dort ein Grund für seine Hüftbeschwerden finden lässt, die bei der Eintracht Rätsel aufgeben. Spekuliert wird gar über einen Bandscheibenvorfall. So oder so: „Langsam gehen uns die Alternativen aus“, stöhnte Hübner. Der Neuanfang in Leipzig lässt sich vielleicht bald vergessen. Einige von dieser Reise wieder mitgebrachte Sorgen aber könnten die Eintracht noch länger begleiten.

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