Eintracht Frankfurt

Nur noch ein kleines bisschen "Diva"

Die Bilder nach dem Abpfiff des letzten Spiels gegen Mainz 05 waren symbolisch. Spieler mit putzigen schwarz-weißen Weihnachtsmützchen, die herumtollten wie kleine Kinder.

Die Bilder nach dem Abpfiff des letzten Spiels gegen Mainz 05 waren symbolisch. Spieler mit putzigen schwarz-weißen Weihnachtsmützchen, die herumtollten wie kleine Kinder. Glückselige Fans, die ihre Idole voller Herzlichkeit feierten, Freude pur auf dem Rasen und den Rängen. Weihnachtsgrüße in den Sprachen der Frankfurter Profis, die so ganz nebenbei auch die Integrationskraft des Fußballs deutlich machten. Es herrschte allenthalben Erleichterung, dass der eingeschlagene „neue Weg“ zumindest zu einem Teilziel geführt hat – und Überraschung, dass der Umbau und Neubau bislang so komplikationslos verlaufen ist.

Die Frankfurter überwintern auf Platz vier der Tabelle. Wer darauf gewettet hätte vor dem Start in die Bundesliga, wäre damals im August bestenfalls müde belächelt worden. Die Frankfurter haben die Arena im Stadtwald zu einer Festung ausgebaut, sind saisonübergreifend in zehn Heimspielen ungeschlagen geblieben, haben sich dabei gegen die gesamte Spitze der Liga behauptet, gegen die Bayern, gegen Borussia Dortmund, die sogar zweimal geschlagen werden konnten, gegen Schalke, Leverkusen, Berlin, Köln und Hoffenheim. Und am Ende, quasi als Sahnehäubchen obendrauf, noch ein 3:0 im Nachbarschaftsduell mit dem FSV Mainz 05, der in den Jahren zuvor so oft als leuchtendes Beispiel für die Eintracht hingestellt worden ist. Im Augenblick haben die Frankfurter neun Punkte mehr als die Mainzer.

Der Blick auf die Eintracht in diesem Dezember zeigt Erstaunliches. Viel Stabilität, viel Konstanz, läuferische und kämpferische Qualitäten als Grundlage des sportlichen Erfolgs. Eine taktische Variabilität, die es dem Team erlaubt, in verschiedenen Systemen gewinnbringend zu agieren, die Fertigkeit der Spieler, die Systeme nicht nur von Woche zu Woche, sondern auch innerhalb der 90 Minuten zu verändern. Viererkette zu Beginn der Saison, dann Dreierkette, die auch Fünferkette sein kann, die Wiedergeburt des „Liberos“, eine Rolle ausgefüllt vom famosen Japaner Makoto Hasebe. Im Angriff mal zwei Spitzen, mal eine, mal offensiver aufgestellt, mal defensiver. All dies führt zwangsläufig zu Trainer Niko Kovac.

Der „Retter“ aus dem „Frühjahr“ ist zum Baumeister im Winter geworden. Unbeirrt geht er seinen Weg. Freundlich, höflich, verbindlich nach außen, knallhart, kompromisslos, manchmal, wie nach der Niederlage in Freiburg, fast schon wütend nach innen. Ein junger Trainer (45), der im Profifußball schon viel erlebt hat, aber immer noch lernt. Und das tut er schnell. Kurz vor Ende des ersten Saisonteils wurde seine zuvor für Einsatz und gesunde Härte gelobte Mannschaft durch unbedachte oder bewusste Äußerungen des Hoffenheimer Kollegen zu einer „Tretertruppe“ abgestempelt. Kovac hat das erst fassungslos gemacht, dann kämpferisch. Er hat seine Spieler verteidigt, seine Spielweise, den Verein, die Eintracht. „Wir haben uns jeden Punkt ehrlich erkämpft und erspielt“, hat er gesagt, „etwas anderes zu behaupten ist eine Frechheit.“ Da hat er erkennen müssen, wie schnell sich manchmal die Einschätzungen verändern können.

Zu Spiel der Eintracht gehört auch Härte, das ist unumstritten, mit einer Ausnahme (Abrahams Ellbogenschlag) aber ganz sicher keine überzogenen Fouls. Kovac hat auf ganz andere Dinge gesetzt, auf Taktik, körperliche Fitness, Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist ihm gelungen, viele Spieler einzubeziehen in den Neuaufbau, zwanzig an der Zahl. Gerade im Angriff hat er häufig die „Rotationsmaschine“ angeworfen und meist die richtigen Spieler ausgewählt. Das war immer mal schmerzhaft, so für den Kapitän Alexander Meier, der nicht mehr als unverzichtbar gilt, aber wegen seiner individuellen Klasse weiter dringend gebraucht wird. Für den Stürmer Haris Seferovic, der nach und nach immer mehr ins zweite Glied gerutscht ist. Für Neuzugang Branimir Hrgota, der lange gebraucht hat, um anzukommen in Frankfurt. Oder für Kovacs kroatischen Landsmann Ante Rebic, der sich sogar öffentliche scharfe Kritik gefallen lassen musste.

Der genaue Blick auf die „neue Eintracht“ fördert erstaunliche Details zutage. So sind es gar nicht die vielen neuen Spieler, die in erster Linie, die Akzente gesetzt haben. Mit Jesus Vallejo und Omar Mascarell sind lediglich zwei aus dem Dutzend der Neuen unumstrittene Stammkräfte, die meisten anderen haben auch geholfen, aber nur ab und zu. Stärker ist die Eintracht vor allem geworden, weil es Kovac gelungen ist, die „Alten“ wieder besser zu machen, an ihre schon in der Vergangenheit gezeigten Leistungen heranzuführen. Timothy Chandler und Bastian Oczipka, die beiden Außenverteidiger, sind neben Makoto Hasebe die besten Beispiele dafür. Die Wintereinkäufe aus dem letzten Januar, Szabolcs Huszti und Marco Fabián, haben große Schritte nach vorne getan, Torwart Lukas Hradecky hat sich noch einmal gesteigert. „Niko macht die Spieler besser“, hat Sportvorstand Fredi Bobic mal gesagt. In diesem Halbjahr war das sicher so.

Dabei spielt die Eintracht gar keinen besonders schönen Fußball, aber dafür einen effizienten, einen ehrlichen, manchmal sogar ganz einfachen. Basierend auf Kraft und Kondition kann sich die Mannschaft jederzeit wehren. Der Trainer hat dafür gesorgt, dass die Spieler auch in schwierigen Phasen noch Lösungen finden können. Erinnert sei an den Ausgleich zum 2:2 in Unterzahl gegen Bayern München. Kovac hat zudem die Fähigkeit „richtig“ ein- und auszuwechseln. Das hat manchmal sicher auch etwas mit Glück zu tun, basiert aber auch auf viel Fleißarbeit im Vorfeld von Spielen. Nach dem Motto: Was mache ich, wenn dies oder jenes eintritt. Kovac nennt es Plan B und Plan C. Am liebsten, so der Eindruck, hätte der Frankfurter Coach auch noch Plan D, E und F, weil er nichts dem Zufall überlassen will. Doch da ist der Sport vor, Fußball ist eben nicht komplett planbar.

Und deshalb kommt bei der „neuen Eintracht“ dann manchmal doch noch die „alte“ hervor. Ein bisschen „Diva“ ist eben immer in Frankfurt. Wie wäre es sonst zu erklären, dass die drei einzigen Niederlagen gegen die Abstiegskandidaten aus Darmstadt, Freiburg und Wolfsburg zu verzeichnen waren? Und, eine Diva kann schließlich ja auch wunderschön daherkommen: Wie ist es zu erklären, dass ein A-Jugendspieler wie Aymen Barkok ohne Vorankündigung plötzlich die Sterne vom Himmel spielt?

Lesen sie morgen Teil II: Der Rückblick

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