Charly Körbel, Manfred Binz und Frank Schulz (von links) bei der Siegerehrung.
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Charly Körbel, Manfred Binz und Frank Schulz (von links) bei der Siegerehrung.

Eintracht Frankfurt

Pokalsieg 1988: Zwei echte Frankfurter Jungs

  • VonKlaus Veit
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Vor 29 Jahren wurde Eintracht Frankfurt zum bisher letzten Mal DFB-Pokalsieger. Das kann sich ja heute ändern.

Für den erst 23 Jahre alten Armin Kraaz war das deutsche Pokalfinale 1988 bereits der letzte Auftritt als Fußballprofi gewesen. Der Frankfurter hatte sich entschlossen, sich reamateurisieren zu lassen und eine Ausbildung als Werbekaufmann zu beginnen. Was den Verantwortlichen der Eintracht überhaupt nicht gefiel, weil sie deshalb keine Ablöse mehr einstreichen konnten.

Und was dazu führte, dass der Verteidiger das 1:0 gegen den Vfl Bochum im feinen Zwirn auf der Tribüne statt kurz behost auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions verfolgen musste. Erst nach dem Abpfiff rannte er zu seinen Kameraden in den Innenraum, freute sich mit ihnen und musste plötzlich doch dicke Tränen vergießen. Er setzte sich auf die Ersatzbank, während die anderen ihre Ehrenrunde starteten.

„Das war wohl eine Mischung aus Freude, aus Enttäuschung und dem Wissen, dass nun alles vorbei ist“, blickt er heute zurück. Die Eintracht habe halt damals wie heute – er leitet seit 2010 das Nachwuchs-Leistungszentrum am Riederwald – einen großen Bereich seines Lebens eingenommen. Und nach dem sportlichen Höhepunkt war plötzlich alles aus.

Doch er hatte es ja so gewollt, hatte in den Jahren zuvor unter Trainer Dietrich Weise immer seine Leistung gebracht, war bei den Fans beliebt und anerkannt mit seiner Art des Fußballs. Nicht unbedingt filigran, aber immer kämpferisch voll dabei in 123 Bundesliga-Spielen. Doch unter Weise-Nachfolger Kalli Feldkamp hatte er die Lust am völlig ernsthaften Fußball verloren. Zumal die Bezahlung zwar gut, aber nicht zu vergleichen mit heute war. „Ich habe kürzlich meine alte Steuererklärung gefunden. 140 000 Mark hatte ich damals in der Saison verdient.“ Also rund 70 000 Euro. Das ist heute ein eher durchschnittliches Monatsgehalt eines durchschnittlichen Erstligaprofis.

Er hatte damals keinen Berater, sein Vater war seine Vertrauensperson. „Vielleicht hätte mich ein Berater dazu gebracht, Profi zu bleiben und halt den Verein zu wechseln.“ So aber ging er als Amateur zum Oberligisten Rot-Weiss Frankfurt und damit zu dessen damaligen Präsidenten Wolfgang Steubing, dem heutigen Aufsichtsratschef der Eintracht. Im Halbfinale hatte Kraaz die letzten Minuten noch mitwirken dürfen.

Es war im Vergleich zum Finale das deutlich dramatischere Spiel gewesen. Hatten sich im Endspiel Frankfurter und Bochumer meist neutralisiert, bis Lajos Detari mit einem tollen Freistoß genau ins Eck in der 81. Minute für die Entscheidung sorgte, hatte an der Weser ein Team die Partie total beherrscht. Aber Werder Bremen scheiterte mit besten Chancen im gefühlten Minutentakt, an Eintracht-Keeper Uli Stein, dem das Spiel seines Lebens gelang. „Wir haben ihm kaum helfen können, Uli musste alles alleine machen“, grinst Armin Kraaz noch heute.

Bis auf die eine Szene, als Frank Schulz einfach nach vorne rannte und Dieter Schlindwein die lange Vorlage zum einzigen, entscheidenden Treffer gelang. Ausgerechnet der robuste Verteidiger Schlindwein, der nicht gerade als präzise Passmaschine bekannt war.

Manfred Binz hatte im Gegensatz zu Kraaz gegen Bochum 90 Minuten lang mitspielen dürfen. Er wurde zwar 1965 rund sechs Monate nach Armin Kraaz geboren, aber für ihn war es eher der Einstieg in eine große Karriere. 14 Länderspiele, Vize-Europameister 1992, insgesamt 349 Bundesligaspiele, die meisten für die Eintracht, ein paar für Borussia Dortmund, Auslandserfahrung in Italien, dort mit Brescia Calcio der Aufstieg in die Serie A, da läpperte sich mit den Jahren einiges zusammen.

Binz hatte damals übrigens rund 180 000 Mark verdient, gut ein Drittel mehr als sein Abwehrkollege, hauptsächlich durch mehr Einsatzprämien. Dass es diese heutzutage nicht mehr oder kaum noch gibt, versteht er nicht: „Wir mussten damals auf 30 Saisonspiele kommen, damit wir unser ganzes Geld erhielten.“ Was ihm jedoch keine Probleme bereitete. Die Leistung stimmte bei „Manni, dem Libero“, mit einem für damalige Verhältnisse wahnsinnig gesunden Lebensstil und mit der Fähigkeit, Zweikämpfe auch ohne Fouls zu gewinnen, wurde der Mann aus Frankfurt-Bockenheim zum Dauerbrenner, der einmal in fast 250 Bundesligaspielen hintereinander zum Einsatz gekommen war.

Dabei hatte seine Karriere schon sehr früh am seidenen Faden gehangen. Als 20-Jähriger hatte er wegen Hehlerei mit Polizei und Staatsanwaltschaft Probleme bekommen, hatte eine Geldstrafe bezahlt und soziale Arbeitsstunden ableisten müssen. Mindestens so schlimm: Die Eintracht wollte ihn zu Hessen Kassel abschieben. Als er dies ablehnte, musste er zu den Amateuren, wurde nur zu den Profis zurückgeholt, weil sich in der Saisonvorbereitung gleich fünf Spieler verletzt hatten.

Heute macht er kein Hehl aus seinen unrühmlichen Zeiten: „Auch das gehört zu meinem Leben.“ Das sich stark verändert hat. Inzwischen hat er insgesamt vier Söhne, der Jüngste entwickelt sich wegen einer Krankheit nur langsam. Doch die Chance besteht, dass der Junge diesen Rückstand aufholen wird. „Spätestens da merkt man, was wirklich wichtig im Leben ist“, sagt Manfred Binz und fügt an: „Das ist nicht der Fußball.“

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