Eintracht Frankfurt

Prince Boateng geht bei Kampagne gegen Diskriminierung voran

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Die Bundesliga plant einen Aktions-Spieltag gegen Diskriminierung – mit Boateng als besonderem Botschafter. Bei dem Thema ist der Eintracht-Star ohnehin am Ball.

Es ist kaum zwei Monate her, da hielt Kevin-Prince Boateng ein paar Meter weiter im Bauch der Frankfurter Arena eine bemerkenswerte Rede aus dem Stehgreif, nach einer Dienstagnachmittags-Übungseinheit, noch in Trainingsklamotten. „Mir tut das richtig weh, dass wir das immer noch sehen müssen“, hatte das schillerndste Mitglied im Ensemble der da zu einem rassistischen Vorfall in der ersten italienischen Liga gesagt, der in den Tagen zuvor für Schlagzeilen gesorgt hatte, und eine Art internationale Solidargemeinschaft der Fußballprofis im Kampf gegen solche Auswüchse angeregt. „Wir dürfen die Augen nicht zumachen und müssen dagegen kämpfen“, mahnte Boateng und kündigte an: „Ich werde das in die Hand nehmen, es reicht jetzt.“ Inzwischen kommt Bewegung in die Sache, auch von anderer Seite: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) stellte gestern im Pressesaal des Stadions im Stadtwald eine Initiative gegen Diskriminierung vor – und Boateng übernahm gerne die Rolle eines führenden Vertreters dieser Bewegung. „Manchmal muss man seine Berühmtheit auch für Positives nutzen“, sagte der Eintracht-Star.

Die DFL-Stiftung stellt den in einer Woche anstehenden 27. Spieltag der Bundesliga und der Zweiten Liga unter das Motto: „Strich durch Vorurteile“. „In Deutschland geht es uns sehr gut im Vergleich mit anderen Ländern. Anderseits darf man nicht die Augen davor verschließen, dass gewissen Entwicklungen in Gang sind, auf die man zumindest achten muss“, erklärte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert: „Man hat den Eindruck, dass Dogmatiker und Populisten die große Bühne suchen. Wir denken, die Bundesliga ist prädestiniert, in einem solchen Umfeld ein Zeichen zu setzen. Jetzt ist die richtige Zeit dafür.“

Es ist nicht die erste Aktion dieser Art im deutschen Profifußball. Schon in der Saison 1992/1993 etwa verzichteten die Clubs der ersten Klasse an einem Spieltag auf ihre Trikotwerbung und schrieben sich stattdessen auf die Brust: „Mein Freund ist Ausländer“. 2012 gab es einen weiteren Spieltag im Zeichen der Integration. Diesmal ist es den Vereinen und ihren Sponsoren freigestellt, ob der Dress dafür freigeräumt wird oder nicht. Bei der Eintracht macht die Deutsche Börse Platz auf dem Ärmel für ein Projekt des Frankfurter Kinderhilfswerks Arche. Begleitet wird die Aktion von Fernsehspots, in denen sich Nationaltorwart Manuel Neuer, Schalkes Abwehrchef Naldo und eben Boateng gegen Diskriminierungen einsetzen.

„Die Bundesliga ist vielleicht der letzte große Bezugspunkt in diesem Land. Sie schafft etwas, das Kirchen oder Parteien nicht mehr schaffen“, meinte Seifert. „Außerdem sind ihre Stars authentische Vertreter von gelebtem und vorurteilsfreiem Miteinander.“ Boateng, der erprobte Kämpfer gegen Rassismus, ist dafür ein gutes Beispiel. Sein Vorbild als Kind sei Muhammad Ali gewesen, erzählte er gestern. „Aber nicht fürs Boxen, sondern für Menschlichkeit.“ Im Einsatz dafür will der seit dieser Woche 31 Jahre alte Deutsch-Ghanaer aus Berlin selbst vorangehen. „Wir Fußballer sind die größten Vorbilder. Wenn man nur unsere Mannschaft Eintracht Frankfurt sieht, aus wie vielen Kulturen, Religionen und Ländern wir kommen: Bei uns spielt das keine Rolle. Ich will den Kindern zeigen, dass es egal ist, woher man kommt“, betonte er: „Es darf einfach nicht sein, dass jemand wegen seiner Hautfarbe, seiner Religion oder seiner Sexualität ausgegrenzt wird.“

Dass die Aktion in Frankfurt gestartet wurde, war eher dem Umstand geschuldet, dass die DFL dort ihren Sitz hat. Der Ort für den Kampagnenstart passte aber auch zum Thema: Gerade von der Eintracht kamen in der jüngeren Vergangenheit wiederholt kräftige Signale zu gesellschaftlichen Themen. Vor allem hatte ihr Präsident Peter Fischer so deutlich wie kein anderer Vertreter des Profifußballs Stellung gegen die rechtspopulistische Partei AfD bezogen und damit eine heftige Kontroverse befeuert. „Diese Debatte ist wichtig. Ich bin sicher, dass viele Clubs, wenn auch nicht so offensiv wie Eintracht Frankfurt, genauso denken“, sagte Liga-Boss Seifert. Man könne dazu keine Linie per Rundschreiben aus der Verbandszentrale vorgeben. „Jeder Club muss da seine eigene Position finden“, meinte er. Entscheidend sei es aber, Haltung zu zeigen, für seine Werte einzustehen.

So wie Boateng, dessen Rede vor den Vereinten Nationen vor bald fünf Jahren sich der DFL-Chef in der Vorbereitung auf die neue Aktion extra noch einmal in einem Internetvideo angeschaut hat. Damals war der Mittelfeldspieler noch in Diensten des AC Mailand bei einem Test in der italienischen Provinz wegen seiner dunklen Hautfarbe von den Rängen beleidigt worden – und hatte aus Protest den Rasen verlassen, woraufhin das Spiel abgebrochen wurde. „Ein beeindruckendes Zeichen“, fand Seifert. Wobei der Auftritt, den Boateng ein paar Monate später in der Folge dieses Vorfalls bei den Vereinten Nationen in Genf hielt, fast noch beeindruckender war. „Zu glauben, man könnte den Rassismus besiegen, indem man ihn ignoriert, ist der größte Fehler, den wir machen können“, sagte er, der sich zuvor eher einen Ruf als Skandalnudel erworben hatte, damals in einem wuchtigen Statement.

In Frankfurt erweist Boateng seit seinem Wechsel vor dieser Saison als gereifter Anführer, der mit fußballerischer Klasse überzeugt und bei dem auch die Sozialleistungen stimmen, der sich um den Mannschaftsgeist sorgt und nebenbei starke Positionen zu gesellschaftlichen Themen zu vertreten weiß. Und seine Meinung sagt, frei heraus. Etwa als Seifert die DFL-Aktion auf Deutschland begrenzt und nicht unbedingt eine Vorreiterrolle für andere Ligen Europas einnehmen will – die nebenbei deutliche größere Probleme dieser Art haben, nicht nur in Italien. „Da grätsche ich mal dazwischen“, übernimmt Boateng das Wort: „Ich denke schon, dass die anderen Ligen sich ein Beispiel nehmen und auch Zeichen setzen sollten.“

Er selbst bleibt ohnehin am Ball. Gerade war er an einem freien Tag zurück in Genf, bei den Vereinten Nationen. „Für mich war es schön, mal wieder in den Saal zu kommen, in dem ich die Rede gehalten habe“, berichtete er. „Sie haben mich eingeladen, um ein bisschen zur reden und reinzuhören, ob sich im Fußball etwas verändert hat, wie ich mich fühle, was man besser machen könnte. Wir haben ein paar Ideen für das nächste und übernächste Jahr.“ Anregungen hat Boateng da genug, sie werden ihm auch von Kollegen zugetragen. Seit seiner spontanen Rede vor zwei Monaten hätten sich einige bei ihm gemeldet, beispielsweise der Mainzer Leon Balogun, aber auch aus anderen Ländern. „Da machen wir mal ein Brainstorming und überlegen uns etwas Eigenes“, sagt er. „Es ist doch schön für die Leute, wenn sie sehen, dass wir nicht nur Fußball spielen können, sondern uns auch etwas Gutes einfallen lassen.“

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