Charlys Blickwinkel auf #SGEM05

Rein ins Derby!

Charly Körbel (62) ist mit 602 Einsätzen, alle im Trikot der Frankfurter Eintracht, Bundesliga-Rekordspieler. Inzwischen schon traditionell erklärt er vor jedem Heimspiel die aktuelle Lage aus seiner Sicht.

Das war bisher eine richtig gute Vorrunde der Frankfurter Eintracht. Auch wenn wir in Wolfsburg schon eine Woche vor Weihnachten völlig überflüssig Geschenke verteilt haben. Diese Niederlage hätte nicht sein müssen. Aber vielleicht verlangen wir von der Mannschaft inzwischen auch zu viel. Sie ist noch nicht so weit, bei einem solchen Spiel immer zumindest einen Punkt zu holen.

Da hat man acht Spiele ohne Niederlage hinter sich, weiß, es geht nach Wolfsburg. Jeder weiß, dass der Draxler von den eigenen Fans ausgepfiffen wird und dass der Gomez sowieso nicht in Form ist. Was soll da schon schiefgehen? Das geht bei Profis manchmal im Unterbewusstsein ab, auch bei uns früher konnte der Trainer dann so viel warnen wie er wollte.

Ich glaube, nach 57 Sekunden hätten wir schon mit 0:2 zurückliegen können. Eine solche Unaufmerksamkeit zu Spielbeginn kennt man von der Eintracht eigentlich nicht.

Und dann geben halt auch anscheinend kleine Dinge den Ausschlag. Wer hätte vor ein paar Monaten schon gedacht, dass Timothy Chandler ein entscheidender Mann sein wird? Wegen seiner Gelbsperre musste Makoto Hasebe aus dem Abwehrzentrum nach rechts rücken. Dort hat er seine Sache gut gemacht, aber in der Mitte ist er eben viel wertvoller für uns. Die Wolfsburger waren sicher nicht überragend, hatten aber insgesamt das Glück, das ihnen in den vergangenen Wochen gefehlt hatte.

Und dass gerade Alexander Meier diesmal fehlte. Sein klar verschossener Elfmeter war natürlich der negative Höhepunkt aus Eintracht-Sicht. Wobei: Ich kann dem Alex keinen Vorwurf machen, ich weiß, wie das ist. Zu meiner Zeit hatte ich neun Elfmeter geschossen, immer die gleiche Ecke, immer flach rein. Und dann stand ich im Münchner Olympiastadion Jean-Marie Pfaff gegenüber. Ich wollte alles machen wie immer. Aber der Ball flog so hoch, den suchen sie noch immer. Für einen Außenstehenden ist es schwer zu verstehen: Das Tor wird plötzlich kleiner, der Schütze denkt nach, weil er vielleicht den letzten Elfer auch verschossen hat. Und schon geht es schief, du kommst in Rückenlage und kannst nichts mehr ändern.

Ich kenne den Alex gut genug. Er hat sich sicher in den vergangenen Wochen viele Gedanken gemacht, vermutlich zu viele. Und dann kann ein solcher Aussetzer halt passieren.

Jetzt gilt es, diese Niederlage ganz schnell aus den Köpfen zu bekommen. Im letzten Spiel des Jahres geht es gegen Mainz 05. Ein Derby, das wie Pokalspiele eigene Gesetze hat. Wir haben die bessere Mannschaft. Sie muss aber noch mal alles mobilisieren, Niko Kovac muss noch mal alles aus seinen Spielern herauskitzeln. Alle müssen diese Euphorie ins Jahr 2017 mitnehmen wollen. Denn eine Etappe mit zwei Niederlagen abzuschließen, das bliebe in den Köpfen hängen. Zumal es dann nach Leipzig und Gelsenkirchen geht. Da könnte der Alltag sonst wieder grau werden.

Aber ich bin gegen Mainz optimistisch. Schließlich kommt Chandler wieder zurück, unsere Abwehr wird wieder die gewohnte Aufgabenverteilung haben. Und jeder, allen voran Alex Meier, ist heiß auf einen auch persönlich guten Jahresabschluss.

Ein Jahr geht zu Ende, in dem die Bundesliga viel erlebt hat. Das Verrückteste für mich war der Trainerrauswurf in Augsburg. Ich bin gespannt, was da wirklich alles passiert ist. Beim FCA wusste jeder, für welchen Fußball Dirk Schuster steht. Und stehen musste bei den Ausfällen in der Offensiv-Abteilung. Das Ganze hat deshalb irgendwie einen faden Beigeschmack. Dirk Schuster wäre gut beraten, wenn er bald reinen Tisch macht und sagt: „So war es wirklich.“ Manager Stefan Reuter weiß doch auch, dass der Kader der Augsburger recht dünn besetzt ist, dass zumindest bei einigen einfach die Qualität fehlt.

Das ist doch bei uns nicht viel anders, Ausfälle können wehtun. Deshalb finde ich es prima, dass endlich mal längerfristig geplant wird. Die Verpflichtung von Andersson Ordóñez kommt zum richtigen Zeitpunkt. Der junge Mann hat Zeit, vom Januar-Trainingslager an sich an den Bundesliga-Fußball zu gewöhnen. Er kann sich anbieten, um schon in der Rückrunde eingesetzt zu werden. Wenn nicht: Wir wissen ja nicht, ob Jesus Vallejo in der kommenden Saison noch bei uns ist. Bis dahin sollte es Ordóñez geschafft haben. Oder wir haben Zeit für einen weiteren Transfer. Ich werde den Burschen mit Argusaugen beobachten, schließlich spielt er auf meiner früheren Position.

Aber erst einmal mache auch ich mir mit meiner Familie ein paar geruhsame Tage. Ich danke Ihnen für die Geduld, die Sie mit mir bei jedem Heimspiel der Eintracht hatten und wünsche Ihnen ein frohes Fest sowie ein gutes Jahr 2017! Mit viel Gesundheit, viel Freude und allem, was halt so dazu gehört. Natürlich auch möglichst viele gute Spiele der Eintracht.

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