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Sebastian Rode von Eintracht Frankfurt erklärt, warum David Abraham nach seinem Bodycheck gegen Christian Streich übel mitgespielt wurde.

Eintracht-Star im Interview

Rode nach Bodycheck gegen Streich: Abraham wurde übel mitgespielt

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    Thomas Kilchenstein
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Sebastian Rode von Eintracht Frankfurt über die Rote Karte gegen David Abraham, ärgerliche Niederlagen und seine Pläne für die Zukunft.

In seiner Karriere hat Sebastian Rode, 29, schon einiges durchlebt. Dass der Eintracht-Mittelfeldmotor auf diesem Niveau überhaupt noch Fußball spielen kann, ist nicht selbstverständlich. Schon vor zehn Jahren zog sich der in Alsbach-Hähnlein aufgewachsene Mittelfeldmann seine erste schwere Knieverletzung zu, einen Kreuzbandriss im rechten Gelenk. Ein Jahr später folgte ein Knorpelschaden auf der anderen Seite.

Doch damit nicht genug, im Jahr 2014 und im Mai dieses Jahres platzte erneut Knorpel aus dem Gelenk. Das sind schwerwiegende Blessuren, die eine Laufbahn schon mal beenden können. Der Südhesse aber, der Eintracht Frankfurt 2014 Richtung München verließ und sich anschließend Borussia Dortmund anschloss, kämpfte sich immer wieder zurück. Auch eine hartnäckige Leistenverletzung, die zwei Operationen nach sich zog, konnte den 133-fachen Bundesligaspieler nicht stoppen. In Frankfurt hat Rode einen Vertrag bis 2024 unterschrieben. Eintracht Frankfurt soll seine letzte Station sein.

Herr Rode, sind Sie froh, dass das Aufreger-Thema David Abraham erst einmal kein großes mehr ist?
Ganz ehrlich, für uns war das viel größere Thema, dass wir das Spiel in Freiburg verloren haben. Wir wollten unbedingt gewinnen, das wäre für uns ein richtig großer Schritt gewesen. Okay, dass die Aktion von David bescheiden war, das weiß er selbst. Aber an der Niederlage war er nicht schuld. Ich finde ohnehin, dass ihm danach übel mitgespielt wurde.

Rode: Fall Abraham wurde „medial ziemlich aufgebauscht“

Inwiefern? Es ist ja ein einmaliger Vorgang in der Bundesliga, dass ein Spieler einen Trainer per Bodycheck zu Boden streckt.
Ich finde, dass das medial ziemlich aufgebauscht wurde. Klar ist das ein Thema, aber dass so eine Aktion den ganzen Sport überlagert, finde ich übertrieben. Der gesamte Bundesligaspieltag ist ja in den Hintergrund gerückt worden. Da haben sich Experten im Fernsehen zu Wort gemeldet, die selbst keine Unschuldslämmer sind. Das finde ich nicht okay. Er fehlt uns in der Liga bis ins neue Jahr, hat eine Geldstrafe bekommen und sich entschuldigt – damit sollte es auch mal gut sein. Dass er einen Fehler gemacht hat, ist ja klar, das weiß er auch. Aber gerade an dem Spieltag, an dem wir die Gedenkminute für Robert Enke hatten, wird so eine kleine Hetzjagd auf David veranstaltet. Das finde ich nicht in Ordnung. Man muss auch mal bedenken, dass die Medien schon Macht haben und dass so eine Berichterstattung auf allen Kanälen und in vielen Presseorganen ja auch Auswirkungen auf Spieler haben kann. Es gibt Fußballer, die sich so was zu Herzen nehmen.

Demnach finden Sie es auch richtig, dass Abraham Kapitän bleibt?
Ja, natürlich. Wir wissen, dass wir eine Vorbildfunktion haben und der Trainer tabu ist. Aber noch mal: Er hat sich entschuldigt, er hat niemanden verletzt oder geschlagen.

Hätte das Ihnen auch passieren können?
Ich will mich davon nicht komplett freisprechen, im Fußball hat man manchmal wirklich Aussetzer, da denkt man fünf Sekunden später: „Was hast du denn da gemacht?“ Aber unter normalen Umständen dürfte das bei mir nicht vorkommen, nein. Klar ist, dass das auch eine Mentalitätssache ist. Südamerikaner oder Südeuropäer sind in der Regel etwas hitzköpfiger als Mittel- oder Nordeuropäer, aber klar können einem mal die Gäule durchgehen.

Rode: Eintracht Frankfurts Niederlage in Freiburg war frustrierend

Sie sagten eingangs, dass Sie die Niederlage in Freiburg extrem geärgert hat. Weshalb?

Weil sie unnötig war. Und weil wir nach dem Sieg gegen Bayern München eine hervorragende Ausgangsposition hatten. Dann verlieren wir unglücklich in Lüttich und wollten in Freiburg unbedingt etwas holen, weil wir ja auch auswärts nicht so gepunktet haben, wie wir uns das vorstellen. Und am Ende fährt man dann mit einem 0:1 nach Hause, das ist frustrierend. Aber es ist noch vieles möglich, die Liga ist sehr eng. Es entscheidet sich jetzt, wie wir uns bis zur Winterpause präsentieren und wie viele Punkte wir holen.

Sie spielen in den kommenden Wochen vornehmlich gegen Teams aus der unteren Region. Ein Vorteil?
Das mag vermeintlich einfacher sein, aber nur vermeintlich. Diese Spiele sind genauso schwierig wie die anderen. Die Gegner werden laufen, kratzen, beißen, alles raushauen. So wie das auch Freiburg gemacht hat, wo es immer brutal schwer ist. Man kann sich in der Bundesliga bei keinem Gegner sicher sein, drei Punkte zu holen.

Woher rührt diese Schwäche auf des Gegners Platz?
Wir haben auswärts bisher drei Punkte geholt. Das ist viel zu wenig. Man muss in der Auswärtstabelle im oberen Drittel stehen, um sich am Ende für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Da kann man sich nicht nur auf die Heimspiele verlassen, das geht nicht. Wir müssen uns deutlich steigern, aber eine Erklärung dafür habe ich leider nicht.

Liegt es an der Spielweise? Gerade auswärts fehlt so ein Draufgänger wie Ante Rebic.
Das kann gut sein, Ante ist halt sauschnell und kann sich im Eins-gegen-Eins durchsetzen, da konnte man den Ball einfach mal nach vorne jagen. Diesen Spielertypen haben wir in der Form nicht, das ist schon ein Unterschied, klar. Aber Bas Dost, André Silva und Goncalo Paciencia sind auch super Stürmer, aber halt andere Typen.

Macht das Mittelfeld zu wenige Tore, so alles in allem?
Das denke ich nicht. Bei unserer Spielweise ist es für uns Mittelfeldspieler nicht so leicht, nach hinten abzusichern und vorne im Strafraum aufzutauchen und Tore zu schießen. Dadurch, dass unsere Außenspieler ganz hoch stehen und sogar unsere Innenverteidiger wie Martin Hinteregger Offensivdrang haben, ist das für uns nicht so einfach. Aber zumindest einer von uns sollte noch die Möglichkeit nutzen, mit nach vorne reinzugehen, wenn sich die Chance bietet.

Rode über Eintracht Frankfurt: Spielerisch weiterentwickelt

Sie sprachen vorhin den Nackenschlag in Lüttich an, wie schätzen Sie die Chancen ein, noch ins Sechzehntelfinale der Europa League einzuziehen?

Das wird natürlich schwieriger jetzt. Wir haben aber noch zwei Spiele, die können wir gewinnen, auch Arsenal ist nicht unschlagbar. Ich denke, wenn wir noch sechs Punkte holen, kommen wir auch weiter.

Wie haben Sie den kapitalen Fehlschuss von Filip Kostic wahrgenommen?
Das war unfassbar. Wir waren fast weiter, hätten noch zwei Freundschaftsspiele gegen Arsenal und Guimaraes gehabt, und jetzt müssen wir noch mal richtig rackern, um weiterzukommen. Aber so ist das halt. Filip reißt niemand den Kopf ab, er ist eminent wichtig für uns, hat schon so viele tolle Spiele gemacht, Tore vorbereitet und selbst erzielt. Das kommt halt vor.

Wo steht die Mannschaft generell, was ist am Ende drin?
Ich denke, wir haben den Abgang unserer drei Topstürmer ganz gut kompensiert. Wir haben uns spielerisch, wie ich finde, etwas weiterentwickelt. Nichtsdestotrotz müssen wir konstanter werden, um unser Ziel, die erneute Qualifikation für die Europa League, erreichen zu können. Das ist absolut drin. Aber, noch mal, ganz wichtig werden die Spiele bis zur Winterpause. Da sollten wir noch zehn Punkte holen, das wäre eine gute Ausgangsbasis.

Kommen wir mal zu Ihrer persönlichen Entwicklung. Hat sich für Sie mit der Rückkehr zur Eintracht ein Kreis geschlossen?
Das kann man so sehen. Ich hatte immer gesagt, dass ich damals eine herausragende Zeit bei der Eintracht hatte und ihr viel zu verdanken habe. Von daher war es für mich nie ausgeschlossen, wieder zurückzukommen. Der Schritt zu den Bayern damals war für mich einfach wichtig, um auszureizen, was möglich ist. Ich wollte eine andere Erfahrung machen.

Sind Sie ein besserer Fußballer geworden?
Definitiv. Was ich in München alles gelernt habe, hätte ich nirgendwo sonst lernen können.

Was genau meinen Sie?
Pep Guardiola hat einem schon ungeheuer viel mitgegeben, aber vor allem das Training hat mich extrem nach vorne gebracht. Es geht alles viel schneller, der Ball ist ruckzuck weg, wenn man nicht schnell genug reagiert. Die Trainingsspiele waren oft schwieriger als die Bundesligaspiele. Je höher die Qualität, desto größer ist der Lerneffekt.

Sebastian Rode von Eintracht Frankfurt: Viel Respekt für die Bayern

Wie war das, als Sie erstmals ankamen an der Säbener Straße? Hat man da Ehrfurcht bei den ganzen Stars und Sternchen?

Respekt, würde ich sagen. Aber man darf auch nicht in Ehrfurcht erstarren, man will sich ja auch durchsetzen. Das geht nicht, wenn man sich zu klein macht. Für mich war es eine klasse Erfahrung. Das sind geniale Fußballer und auch außerhalb des Platzes richtig super Typen. Gerade Schweini, der hat immer ein Lächeln auf den Lippen und einen Spaß im Kopf.

Wer hat Sie fußballerisch am meisten beeindruckt?
Schwer zu sagen. Auf ihren Positionen sind das alles Koryphäen. Nehmen wir Philipp Lahm. Er hat keinen Ball verloren, wusste immer vorher schon, welchen Ball er wohin spielen muss. Robert Lewandowski ist ein kompletter Stürmer. David Alaba kann alles spielen, einfach alles. Und da habe ich jetzt von Franck Ribery und Arjen Robben noch gar nicht gesprochen. Wissen Sie, was mich am meisten beeindruckt hat?

Erzählen Sie es uns.
Dieser Hunger und diese Gier. Man sagt ja manchmal, eine Mannschaft sei satt. Das war bei Bayern nicht der Fall, im Gegenteil. Man wird nicht siebenmal hintereinander deutscher Meister, nur weil man Qualität hat. Die Jungs sind besessen vom Erfolg, wenn sie auf dem Platz stehen, wollen sie gewinnen. Egal, wer mit ihnen spielt, egal, wer gegen sie spielt. Gerade bei Ribery und Robben war das ganz extrem. Das war schon bemerkenswert. Und das ist meiner Ansicht nach der Unterschied zwischen einem guten Spieler mit Talent und einem Weltklassespieler.

Jetzt sind Sie ja wieder in Frankfurt und haben gleich mal gesagt, die Eintracht sei Ihr letzter Klub in Deutschland.
Ja, das stimmt, die Eintracht wird mein letzter Verein sein – außer es passiert noch etwas ganz Unvorhersehbares.

Und das Ausland?
Eigentlich auch nicht. Ich weiß jetzt nicht, was in fünf Jahren ist, wenn mein Vertrag ausläuft. Vielleicht gehe ich dann, wie Alex Meier, nach Australien oder so. Aber im Moment kann ich mir das nicht vorstellen.

Und Sie denken, dass Sie in fünf Jahren noch Fußball spielen?
Das ist ja jetzt eine böse Frage, oder (lacht)?

Ihre Verletztenliste ist ja schon außergewöhnlich lang, auch mit schweren Blessuren, Knorpelschaden, Kreuzbandriss, Leiste. Hatten Sie mal Angst um den Fortbestand Ihrer Karriere, jetzt nach ihrer schweren Knieblessur im Halbfinalrückspiel gegen Chelsea etwa?
Angst um die Karriere hatte ich da nicht, aber als ich in der Kabine lag, da war das schon sehr frustrierend. Ich habe sofort gespürt, dass es etwas Schlimmeres ist. Ich habe auch sofort auf Knorpel getippt und dachte: „So ein Mist, jetzt fällst du wieder sechs bis acht Monate aus.“ Und dann sind wir ja auch noch bitter ausgeschieden im Elfmeterschießen. Glücklicherweise hat mir dann mein Arzt Henning Ott Hoffnung gemacht, dass es deutlich schneller gehen kann. Und so kam es dann ja auch. Aber es gab mal einen Zeitpunkt, da dachte ich wirklich: „Okay, vielleicht war es das.“ Das war in Dortmund, als ich nach dieser Leistengeschichte einfach nicht mehr auf die Beine kam, die Schmerzen immer wieder zurückkamen und es immer wieder einen Rückschlag gab. Nach der Operation wurde dann zum Glück alles gut, aber wenn die OP auch keine Linderung gebracht hätte, hätte es für mich keinen Sinn mehr gemacht.

Eintracht-Star Rode: Anerkennung der Leistungen im alltäglichen Leben

Haben Sie zurzeit Probleme mit den Knien oder der Leiste?

Nein, gar nichts, ich bin komplett beschwerdefrei.

Und nach den Spielen? Brauchen Sie da eine längere Pause?
Nein. Es ist wirklich super. Ich kann alles problemlos mitmachen – ohne Beschwerden.

Sie sind ein echtes Kind der Region, bauen gerade ein Haus in Bensheim. Ist Ihnen Heimat wichtig?
Ja, auf jeden Fall. Das Haus wird im Sommer fertig sein, dann werden wir unseren Lebensmittelpunkt dorthin verlegen. Heimat ist mir wichtig. Gerade, als ich weg war von zu Hause, habe ich zu schätzen gelernt, was man da hat und gemerkt, was es einem bedeutet. Ich habe viele Freunde in Bensheim. Meine Frau kommt aus Bensheim, das hat sich angeboten, dort zu bauen.

Eintracht Frankfurt: Die lauten Wechselgedanken des Simon Falette

Sie engagieren sich für einige karitative Einrichtungen, unterstützen zum Beispiel das Hospiz Bergstraße. Wie wichtig ist Ihnen das?
Sehr wichtig. Natürlich möchte ich etwas zurückgeben. Das mit dem Hospiz kam durch eine Freundin und meine Schwester zustande. Da wird richtig gute Arbeit geleistet, das ist ein harter Job. Diese Pflegekräfte sind wirklich zu bewundern. Und ich versuche auch, Leukämiekranken zu helfen, indem ich zu Knochenmarkspenden aufrufe. Wir haben als Profifußballer ja eine andere Reichweite. Warum sollten wir das dann nicht machen? Einem Kind konnte sogar wirklich geholfen werden, das sind schöne Erfolge. Es ist einfach toll, wenn man von dem großen Kuchen und dem großen Glück, das ich habe, etwas abgeben kann.

Also haben Sie sehr wohl im Kopf, dass Sie als Fußballer ein privilegiertes Leben führen?
Unser Leben ist privilegiert, keine Frage. Natürlich stehen wir als Fußballer auch im Rampenlicht und in der Öffentlichkeit und dürfen uns nicht viel erlauben, aber da gibt es Menschen, die schuften acht, neun, zehn Stunden am Tag für sehr viel weniger Geld. Sie halten aber das alltägliche Leben am Rollen. Sie bekommen auch nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die sie verdienen würden. Klar weiß ich das. Das sollte man nie aus den Augen verlieren.

Also ist so eine 0:1-Niederlage im Grunde dann doch nur eine Lappalie?
Meiner Meinung nach schon. In dem Moment nicht, da fühlt sich so eine Niederlage echt bescheiden an. Aber wenn man das von einer anderen Warte und einer übergeordneten Position betrachtet, ist das nicht so entscheidend. Andererseits ist es der Fußball, der begeistert und auch viele Leute bewegt. Und doch weiß ich, dass wir nur ein Zeitvertreib für viele Menschen sind. Fußball hat, wie ich finde, dennoch eine wichtige Funktion: Es werden Emotionen geweckt, und die Menschen vergessen die Sorgen des Alltags. Das ist auch etwas Schönes und für uns Fußballer sind diese Spiele vor so vielen Fans geile Erlebnisse. Das weiß ich sehr wohl zu schätzen.

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