Charlys Blickwinkel

Was sage ich dem Kalle?

Charly Körbel (60) ist mit 602 Einsätzen, alle im Trikot der Frankfurter Eintracht, Bundesliga-Rekordspieler. Inzwischen schon traditionell erklärt er vor jedem Heimspiel die aktuelle Lage aus seiner Sicht.

Ich bin einigermaßen geschockt. Da hatte man gedacht, die Mannschaft hätte mit dem 2:1-Sieg in Hannover die Kurve bekommen und dann kam die erschreckend schwache Vorstellung in Aue. Ich weiß ja noch aus meiner Zeit, dass man im Pokal auch mal gegen ein unterklassiges Team verlieren kann, ich denke da an Schloss Neuhaus, wo wir ruckzuck 0:2 zurück lagen. Aber wir hatten wenigstens versucht zu kämpfen. Das konnte ich am Dienstag nicht sehen, der Auftritt war schlichtweg erschreckend. Keine Ecke, keine Chance, das war eine katastrophale Mannschaftsleistung. Wissen die Spieler nicht, dass es im Pokal auch um viel Geld geht? Da wurde gerade mal eine Million in den Sand gesetzt.

Das verstehe ich nicht, denn für Spieler ist der Pokal eigentlich ein Highlight, auf das man sich freut, davon träumt, dass man in Berlin im kommenden Mai dabei ist. Das in Aue, das war unterirdisch. Im Gegensatz zu den Fans. 3000 waren an einem normalen Dienstag ins Erzgebirge gefahren, waren mehr als zehn Stunden unterwegs gewesen. Das ist Champions League, von der unsere Spieler derzeit leider ganz, ganz weit weg sind.

Und jetzt kommen ausgerechnet die Bayern. Anfang der Woche hatte ich mit den Trainern unserer Fußballschule die Idee, wir setzen jeder zehn Euro auf einen Eintracht-Sieg. Das müsste eine gute Quote geben. Am Mittwoch habe ich diese Idee verworfen, wir spenden das Geld lieber.

Ich hatte es mir so schön vorgestellt: Sieg in Hannover, Sieg in Aue, großes Selbstbewusstsein. Und dann kommen die Bayern, die ja immer noch etwas Frankfurt-geschädigt sind, weil sie hier 18 Jahre lang nicht gewinnen konnten. Aber als ich dann gesehen habe, wie die Münchner im Pokal den VfL Wolfsburg in nur einer Halbzeit auseinander genommen haben, da wurde ich doch etwas blass: Was soll man gegen eine solche Mannschaft nur machen? Die Bayern sind so schnell, da kamen nicht mal die Wolfsburger in die Zweikämpfe. Da besteht schon die Gefahr, dass sie uns abschießen wie zuletzt die Gladbacher beim 1:5. Pep Guardiola hat eine tolle Truppe zusammen. Alle Positionen sind doppelt besetzt, da ist es egal, wen er aufs Feld schickt. Alle sind stark im eins gegen eins, alle sprühen vor Spielfreude. Mit welcher Taktik soll die Eintracht dem begegnen? Stellt sie sich hinten rein, kassiert sie vermutlich doch irgendwann ein Tor. Spielt sie offensiv mit, werden die Räume hinten größer und es wird noch riskanter. Normalerweise begrüße ich Bayern-Boss Kalle Rummenigge immer mit einem kessen Spruch, aber diesmal weiß ich nicht, was ich ihm sagen soll. Ich muss aufpassen, dass er mich nicht auslacht.

1984 haben wir die Bayern mit 6:0 besiegt. Damals waren die Teams auf Augenhöhe, seitdem ist der FCB ein toller Verein geworden, der meilenweit von uns entfernt ist. Diesmal geht es in erster Linie darum, dass jeder Eintrachtler das Feld erhobenen Hauptes verlassen kann mit dem Gefühl, alles versucht zu haben,

Wir haben uns von dem starken 6:2 gegen Köln alle blenden lassen, glaubten an eine rosige Zukunft. Und jetzt? Wenn wir gegen München und dann in Hoffenheim verlieren sollten, haben wir Abstiegskampf pur.

Armin Veh versucht wirklich alles, zog in der Länderspielpause das Training an. Er ist kämpferisch, kämpferischer als die Mannschaft. Natürlich sollten wir uns nicht an Darmstadt 98 orientieren. Aber wie da jeder für jeden rennt und kämpft, wie jeder den anderen auch mal anschnauzt, wen der nicht richtig arbeitet, davon kann sich die Eintracht eine Scheibe abschneiden. Auch in jedem Training. Wer unter der Woche keinen Kopfball aufs Tor bekommt, der wird auch am Wochenende nicht treffen. Unsere Mannschaft ist da viel zu ruhig.

Für uns war es immer wie ein Länderspiel, wenn die Bayern kamen. Da haben wir uns schon die ganze Woche zuvor heiß gemacht. „Der Lewandowski macht gegen mich nichts.“ „Den Müller schalte ich aus.“ „Dem Neuer haue ich ein Ding rein.“ So haben wir damals gesprochen, natürlich mit anderen Namen (Ausnahme Müller). Und jetzt? Ich befürchte, am Freitag will keiner den Ball haben, damit er nicht in Gefahr gerät, einen Fehler zu machen. Natürlich können wir derzeit ein Spitzenteam eigentlich nicht besiegen. Aber man muss gerade dann nach jedem Strohhalm greifen, muss sich gegenseitig heiß machen.

Klar hat unser Trainer recht, wenn er sagt, dass sich die Zeiten verändert haben, dass es nicht mehr die Typen gibt, die auch mal in der eigenen Mannschaft aufräumen. Das ist schade und ein Fehler. Wenn ich daran denke, wie bei uns ein Uli Stein beim fünf gegen zwei auch mal Uwe Bein voll abgegrätscht hat, wenn er sah, dass sich der Uwe nicht richtig anstrengt, dann sage ich noch heute: Das war richtig vom Uli.

Das einzig Gute am heutigen Spiel ist, dass niemand etwas von der Eintracht erwartet. Man kann eigentlich nur positiv überrascht werden. Denn irgendwann sind die in der Liga noch immer ungeschlagenen Bayern auch mal reif.

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