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Pokal-Sensation in Berlin: Eintracht Frankfurt holt den Titel!

Pokalsieg

Wie sich die ganze Eintracht diesen Triumph verdient hat

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Der erste Titel seit 30 Jahren wird von der Eintracht gebührend gefeiert. Für die weitere Zukunft kann er in vielerlei Hinsicht wertvoll sein.

Manchmal musste man sich fast ein wenig kneifen. Waren das wirklich die Spieler der Frankfurter Eintracht, die da unten im Berliner-Olympiastadion standen, im goldenen Konfetti-Regen und mit dem goldenen in Händen? Die am nächsten Tag über alle Bildschirme flimmerten, bei ihrem von Menschmassen flankierten Autokorso durch eine Stadt im Ausnahmezustand, bei der Party auf dem Römerberg, auf und um den herum sich allein 60 000 Menschen versammelt hatten? Das Siegerkonfetti schließlich ist im deutschen Fußball üblicherweise für Münchner Rekordmeister und einige wenige andere Kandidaten reserviert, und selbst Champions-League-Triumphe werden in Bayern kaum derart leidenschaftlich gefeiert wie dieser Frankfurter Pokalsieg.

„Es ist unglaublich, was hier los ist“, staunte Sportvorstand Fredi Bobic beim Blick vom Balkon. Um halbwegs zu verstehen, was da geleistet worden war, taugten Bilder vermutlich mehr als Worte, auch wenn sich die Verantwortlichen alle Mühe gaben. „Das war ein epochaler Abend“, ordnete Bobic das sensationelle 3:1 am Samstag im Finale gegen den vermeintlich übermächtigen FC Bayern ein, Marketing-Vorstand Axel Hellmann sagte zu seinen Pokalhelden: „Ihr geht in die Geschichte dieses Clubs und der ganzen Stadt ein. So wie wir von 1959 gehört oder von 1988 gesprochen haben, wird es Generationen von Fans geben, die von diesem Tag sprechen werden.“

Um sich an einen derartigen Auflauf zu erinnern, muss man im Frankfurter Fußball lange zurückdenken. Nur nach der einzigen Deutschen Meisterschaft 1959 sah es vermutlich halbwegs ähnlich aus, die Partys nach den vier vorherigen Frankfurter Pokalsiegen 1974, 1975, 1981 und 1988 dürften an diesem Pfingstsonntag noch überboten worden sein.

Es war aber auch eine lange Wartezeit: 30 Jahre hatte die Eintracht keinen Titel mehr feiern können, und es war nicht unbedingt damit zu rechnen gewesen, dass diese Durststrecke so bald ein Ende haben würde. Zumal Überraschungen dieser Größenordnung in Endspielen um den DFB-Pokal ähnlich lange vermisst wurden. Im vergangenen Jahrzehnt duften sich überhaupt nur sechs deutsche Clubs über eine Trophäe freuen: Neben den Münchner Seriensiegern und Borussia Dortmund die Einmal-Meister aus Wolfsburg, die wie Schalke und Bremen zudem einmal den Pokal stemmen durften – und nun eben die Eintracht.

Dass sie sich das in einem dramatischen Finale bei allem nötigen Glück verdient hatte, räumte hinterher selbst der geschlagene Bayern-Boss Uli Hoeneß ein, DFB-Präsident Reinhard Grindel sah es ebenso. „Die Eintracht wollte es mehr“, lobte er beim Siegerbankett in der Nacht, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Brandenburger Tor. Das war auf die 90 und ein paar Minuten mehr auf dem Rasen des rappelvollen Olympiastadions gemünzt, galt aber im Grunde für den ganzen Verein und das ganze Wochenende.

Das Programm war beeindruckend, angefangen beim Empfang am Berliner Westhafen am Freitagabend bis zur irrsinnigen Feier am Sonntag daheim. Und zum Vergleich: Beim Fanfest der Bayern vertrieben sich am Samstag ein paar Dutzend Münchner Fans die Zeit bis zum Finale – auf dem Alexanderplatz, den vor dem knapp verlorenen Finale gegen Dortmund im vorigen Mai tausende Frankfurter zu ihrem „Alex-Meier-Platz“ gemacht hatten. Diesmal rockten sie in ähnlicher Zahl den Breitscheid-Platz an der Gedächtniskirche. Berlin war fest in Frankfurter Hand. Auch das Stadion, auf dessen Ränge die Frankfurter Fans beeindruckende Choreographien zauberten.

Nebenbei wurde da deutlich, wie viel Kraft der Club aus der Hingabe seiner Anhänger schöpft. Die Verantwortlichen wissen diese Wucht inzwischen zu würdigen und verstehen es obendrein, sie für die Aufwertung der Marke Eintracht einzusetzen. „Die Eintracht zeichnet aus, dass wir es schaffen, eine Klammer zu bilden von den Fans in der Kurve zu den Spitzen in Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie verkörpert ein Bild der Stadt und der Region, darauf bin ich stolz“, meinte Hellmann dazu. Tatsächlich gelingt ihm und seine Mitstreitern der eine oder andere Spagat. Nicht nur zwischen Fans und Firmenkunden, auch zwischen der festen Verwurzelung in der Region und Förderern in aller Welt, vom begeisterten Hauptsponsor Indeed aus den USA über Abu Dhabi bis Japan und China. Mit einem Verein, der seine Vergangenheit einzubringen und sich gleichzeitig für die Zukunft zu modernisieren vermag.

In den zwei Jahren seit dem Fast-Abstieg hat sich ein Boom auf allen Ebene entwickelt – sportlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Der Coup im nationalen Cup wird einen weiteren kräftigen Schub bringen, zumal man nun trotz des enttäuschenden Bundesliga-Ausklangs doch durch Europa reisen darf. Rund zehn Millionen Euro wert ist der DFB-Pokalsieg, mindestens eine ähnliche Summe dürfte man allein in der Gruppenphase der Europa League auch einnehmen. So schafft man es auch gerade rechtzeitig wieder in den europäischen Geldtopf, aus dem man fünf Jahre nach den letzten internationalen Festtagen sonst herausgefallen wäre. Die Eintracht hat eine Art Jackpot geknackt, für ihre Verhältnisse. Und was noch wertvoller ist: „Der Pokalsieg hat noch eine ganz andere Strahlkraft“, meinte Finanzvorstand Oliver Frankenbach über den Imagegewinn dieses Triumphes, der in 184 Länder übertragen wurde.

„Wir hätten unseren Weg auch ohne den Pokalsieg fortgesetzt, aber so sind die Voraussetzungen natürlich noch besser“, betonte Hellmann, Bobic fasste zusammen: „Es ist unbeschreiblich, was uns das als Verein bringt.“ Das war an diesem wundersamen Pfingstwochenende in Frankfurt und Berlin an jeder Ecke zu spüren.

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