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Frühes Glück: Marius Wolf (von links), Torschütze Luka Jovic, sein Vorarbeiter Mijat Gacinovic und Gelson Fernandes feiern das Frankfurter 1:0.

Eintracht Frankfurt

Spiel gegen Schalke: Zu früh gefreut

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In letzter Sekunde erfährt die Weihnachtsstimmung in der Frankfurter Arena einen herben Dämpfer. Die Eintracht-Verantwortlichen können trotzdem zufrieden sein.

Eigentlich war alles angerichtet für eine Weihnachtsfeier der besonderen Art. Sogar ein Filmchen hatten die Spieler der vorbereitet, in dem sie „Stille Nacht“ gesungen hatten und dass nach dem Abpfiff über den großen Videowürfel flimmern sollte, als Ständchen für die Fans. Ein noch schöneres Geschenk wäre der unverhoffte Sieg gewesen, der gegen Schalke 04 zum Greifen nah war – bis zur letzten Sekunde. Als die Lichter in der Arena dann aber ausgingen, bis auf eine festliche Restbeleuchtung, war die Stimmung ziemlich dahin und statt Besinnlichkeit Ärger und Enttäuschung zu spüren, während über die Lautsprecher das Weihnachtslied schallte. „Das ist ganz bitter, enttäuschend“, sagte Lukas Hradecky in den Katakomben über den Endstand von 2:2 (1:0) und sein Zustandekommen: Der baumlange Innenverteidiger Naldo hatte den Schalker Comeback-Spezialisten als Notfall-Mittelstürmer noch zum Ausgleich verholfen, in der fünften Minute der Nachspielzeit.

Direkt danach war Schluss – und der wieder einmal prächtige Torwart Hradecky, der an diesem Samstag vieles verhindern konnte, nur das nicht, wusste freilich auch: „Ich kann nicht behaupten, dass es unverdient war.“ Es war dabei bemerkenswert, wie schnell die Frankfurter Bundesliga-Fußballer und Funktionäre den späten Wirkungstreffer wegsteckten und die Verhältnisse realistisch einschätzten. „Schade, aber nach dem Spielverlauf geht das Ergebnis absolut in Ordnung“, meinte Sportvorstand Fredi Bobic, Trainer Niko Kovac fand: „Das späte Tor ist ärgerlich. Aber insgesamt ist das ein glücklicher Punkt für uns, gegen eine sehr starke Mannschaft.“

Das konnte man so sagen, auch wenn ganz lange mehr möglich war. 2:0 hatte die Eintracht in Führung gelegen, nach einem frühen Treffer von Luka Jovic nach kaum einer Minute und einem Hackentrick des wegen Magen-Darm-Problemen erst nach der Pause ins Spiel gekommenen Traumtor-Experten Sébastien Haller in der 65. Minute. Breel Embolo (82.) aber brachte Schalke wieder ins Spiel, und dann zählte eben Naldos Schuss noch – und die Eintracht, die selbst in dieser Saison schon drei Mal das Glück der letzten Minuten hatte, gab wie schon in Hoffenheim auf diese Weise noch einen Sieg aus der Hand.

Die Hinrunde schloss die Eintracht so als Tabellenachter mit 26 Punkten ab, und auch das ordneten die Verantwortlichen richtig ein – obwohl eben nur ein paar Sekunden zu noch zwei Punkten mehr und einer Überwinterung auf Europacup-Plätzen gefehlt hatten. „Damit können wir total zufrieden sein, gerade in so einer engen Liga“, betonte Bobic. Er ließ sich auch vom schönen Zwischenstand die Sinne nicht vernebeln, ganz im Gegenteil.

Dass nach Hallers 2:0 die Tabelle mit einer drittplatzierten Eintracht auf der Anzeigetafel zu sehen war, gefiel ihm gar nicht. „So etwas müssen wir vermeiden, denn das Spiel sollte erst einmal beendet werden. Darüber wird zu reden sein“, kündigte er Gesprächsbedarf mit der Stadionregie an: „Da gehören einem die Ohren langgezogen.“ Hochmut komme schließlich vor dem Fall – diesmal ließ da Naldo grüßen, schon als Bremer und Wolfsburger ein Eintracht-Schreck.

Viele Fans hatten sich zu früh gefreut. Der Mannschaft war das kaum vorzuwerfen, sie hielt bis zum Schluss kämpferisch dagegen, hatte aber ein ganz anderes Problem: Ihr fehlten einfach die spielerischen Mittel – typisch für die ganze Hinrunde, in diesem Fall aber besonders krass. „Das war fußballerisch zu wenig. Wir können die Drecksack-Dinge, aber Spielkontrolle und Passsicherheit sind verbesserungswürdig“, fasste Hradecky launig zusammen. „Da haben wir noch nicht das Top-Niveau anderer Mannschaften erreicht.“

Wenn die Eintracht die Kugel hatte, drosch sie diese möglichst weit vor, hoffte, den Ball dort irgendwie wieder zu erobern, und dann irgendwie in die Gefahrenzone zu kommen. Das war ein ziemliches Gerumpel und Gerempel, aber zwei Mal ging es auf, und beide Male war der flinke Dribbler Mijat Gacinovic letztlich der Vorarbeiter. Zwischendrin war es bei dieser spielerischen Armut indes kaum zu glauben, dass ein Sieg gegen den Tabellenzweiten der Bundesliga in der Luft lag. Wobei es wiederum typisch für die in dieser Saison besonders umkämpfte erste Klasse des deutschen Fußballs ist, dass Schalke mit seinen vielen guten Kickern und einer gewieften Taktik auch nicht viele Chancen gegen das Frankfurter Bollwerk bekam – und erst traf, als es selbst die Brechstange auspackte.

„Der Tank war ein bisschen leer. Aber die Mannschaft hat sich reingebissen“, sagte Bobic. Einmal muss man jetzt noch ran, vor Weihnachten – am Mittwoch im Pokal-Viertelfinale beim Zweitligisten 1. FC Heidenheim. Was die Bundesliga angeht, zog Kovac schon einmal eine gute Halbzeitbilanz. „Ich bin stolz auf meine Jungs. Die Mannschaft lernt täglich und wir verbessern und stetig“, meinte er. Der Kader ist breiter aufgestellt – auch wenn Ausfälle wie nun von Kapitän David Abraham, dessen Wadenblessur doch zu sehr schmerzte, oder die wegen Platzverweisgefahr notgedrungen frühe Auswechslung von Ante Rebic immer noch schwer zu verkraften sind. Da haben andere Clubs ganz andere Möglichkeiten. „Diejenigen, die in der Tabelle vor uns liegen, haben in den letzten Jahren viel Geld in die Hand genommen“, betonte Kovac.

Während die Fans von Europa sangen, waren dem Trainer die elf Punkte Abstand auf die Abstiegszone wichtiger. Wie schwer der Weg noch weiter oben ist, hat seine Eintracht in der vergangenen Rückrunde erlebt. „Ich gehe davon aus, dass wir es diesmal besser machen werden“, sagte Kovac in Erinnerung an diesen Absturz. Fürs Erste sind jetzt wie damals alle Erwartungen übertroffen worden. „Viele Experten haben uns ja sogar als Abstiegskandidaten gehandelt“, erinnerte der Trainer an besonders düstere Unkenrufe aus dem Sommer, „aber da sieht man, dass sich auch Fachleute irren können“. Die Frankfurter Führung scheint da einen guten Mittelweg gefunden zu haben.

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