Hessens einziger Stadionpfarrer: Eugen Eckert
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Hessens einziger Stadionpfarrer: Eugen Eckert

Eintracht Frankfurt

Stadion-Pfarrer Eckert hofft auf das Eintracht-Wunder

  • Mark-Joachim Obert
    VonMark-Joachim Obert
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Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Als Junge hat der Bornheimer Eugen Eckert für den FSV gekickt. Seit zehn Jahren ist er Stadion-Pfarrer in der Commerzbank-Arena. Vor dem Pokalfinale gegen Dortmund stellt sich die Frage: Kann er ganz oben ein gutes Wort für die Mannschaft einlegen? Mit Pfarrer Eugen Eckert sprach FNP-Mitarbeiter Mark Obert.

Seit zehn Jahren ist Eugen Eckert als Sport-Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland mit halber Stelle evangelischer Stadion-Pfarrer in der Commerzbank-Arena. Er traut in der Kapelle in der Haupttribüne Eintracht-Fans, tauft künftige – und fiebert längst mit den Adlerträgern mit. Herr Eckert, werden Sie vor dem Pokalfinale für die Eintracht beten? EUGEN ECKERT: Ich werde dafür beten, dass es ein atemberaubendes und faires Spiel wird. Berufsfußballer sollten bei einem Finale unter Beweis stellen, wofür sie trainieren. Die Hilfe Gottes für einen Sieg zu erflehen, ist unangemessen. Wenn man um die Probleme auf der Welt weiß und an die Relevanz von Gebeten glaubt, weiß man auch, dass Gott sich um Wichtigeres bemüht.

Manche Ihrer Kollegen sehen das entspannter, vor allem in den lateinischen Ländern. Da erbitten zwei Priester gegnerischer Mannschaften den Sieg. Fragt sich: Was macht Gott dann? ECKERT: Diese Spannung kann er gar nicht lösen – für wen sollte sich der gerechte Gott entscheiden? Ex-Nationalspieler Sebastian Kehl hat mir für ein Interview-Buch, das ich mit Fußballern gemacht habe, mal gesagt: „Ich bete vor jedem Spiel dafür, gesund zu bleiben, fair zu bleiben und in der Niederlage die Stärke des Gegners anzuerkennen.“ Das sind relevante Gründe. Mich beeindruckt auch immer die tiefe Religiosität von Marco Fabian, der vor jedem Spiel niederkniet.

Kommen die Spieler auch zu Ihnen? ECKERT: Selten. Allenfalls mal verletzte Spieler, die Beistand erbitten. Ansonsten werden die abgeschirmt von ihren Betreuerstäben. Und für die Spieler aus den südlichen Ländern gibt es hier in der Stadionkapelle ja gar keinen Pfarrer. Die katholische Kirche hat diese Stelle nicht besetzt, sehr zum Leidwesen der katholischen Fans.

Sie sprachen von den wahren Problemen, um die sich Gott kümmern müsse. Was ist, wenn für einen Fan die Eintracht nun mal das Wichtigste ist? ECKERT: Religion bedeutet: Woran kann ich mich festhalten. Das bietet der Fußball in seiner Flüchtigkeit nicht. Wenn ein Fan also Halt im Fußball sucht, dann führt er ein fehlgeleitetes Leben. Familie, Freunde, Beruf, Gesellschaft, Politik: Darauf kommt es an. Neulich habe ich einen Ultra-Fan und seine Zwillingssöhne getauft. Der Taufspruch des Vaters war: „Opfert Gott, was recht ist.“ Sein Opfer: Er geht nicht mehr zu jedem Spiel, weil seine Zwillinge ihn brauchen, weil er Zeit für sie haben möchte. Seine Werte haben sich verändert, und das ist gut so. Und wenn ich wegen meines Eintracht-Leids Ihre Seelsorge benötige? ECKERT: Dann spende ich Trost, das schon. Nach dem letzten Abstieg kamen verzweifelte Fans in die Kapelle. Ich habe ihnen zugehört und ihnen Mut zugesprochen. Dann habe ich mich ans Klavier gesetzt und wir haben „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gesungen. Da schwang natürlich auch ein bisschen Humor mit, bei aller Enttäuschung. Ohne Humor könnte ich hier nicht Pfarrer sein, ohne die Fähigkeit zur Ironie.

Auf der nächsten Seite: Es gibt viele Parallelen zwischen Religion und Fußball

Wo sehen Sie – ganz unironisch – die Parallelen zwischen Religion und Fußball?

ECKERT: Da gibt es eine Fülle an Vergleichen. Es beginnt schon mit dem Pilgern zum Tempel, also ins Stadion, wo es den heiligen Rasen gibt. Dann die liturgische Kleidung von Fans und Spielern, die Einlaufkinder, die, obwohl ich Protestant bin, an Ministranten erinnern. Das Ganze ist eine Liturgie. Und Religion hat ja mit dem Hoffen auf Wunder zu tun, weil so vieles im Leben anders verläuft als erwartet, weil wir nicht wissen, wie es ausgeht. So ist es beim Fußball auch. Wir wissen nur, dass das Ende kommt, der Abpfiff. Die großen Fragen aber: Woher kommen wir und wohin wir gehen?, die kann der Fußball nicht beantworten.

In den hohen Künsten, in Michelangelo und Bach erkennen wir den Fingerzeig Gottes. Erkennen Sie ihn auch im Fußball?

ECKERT: Religiosität beginnt mit dem Staunen. Eine außerordentliche Fußball-Begabung wie bei Ronaldo ist ein Fingerzeig. Oder wenn ich an mein erstes Tor denke: Ich war acht Jahre alt, spielte beim FSV. Ich habe andauernd geübt, hoch zu schießen, weil die Torhüter ja so klein waren wie ich. Als ich dann das erste Mal getroffen habe, war das ein göttlicher Moment.

Deshalb hoffen wir auch in Berlin auf Alex Meier, unseren Fußballgott.

ECKERT: Weil wir auf das Wunder hoffen, und er es vielleicht vollbringt. Alex Meier repräsentiert ja darüber hinaus Werte, die es im Fußball kaum mehr gibt. Seit 14 Jahren hält er dem Verein die Treue. Ich weiß noch, wie er vorletzte Saison nach langer Verletzungspause beim 6:2 gegen Köln drei Tore schoss. Da war es, das Wunder. Solch einen Spieler wollen die Fans hervorheben, und was gibt es Höheres als Gott? Ich halte den Begriff „Fußballgott“ also eher für ein Sprachspiel, in Deutschland ist es ja seit der WM 1954, seit Torhüter Toni Turek etabliert.

Und was halten Sie davon, wenn die Fans ihre Götter nach Niederlagen mit wenig Nächstenliebe niederbrüllen?

ECKERT: Das ist ein archaisches Moment. Menschen wenden sich an die Götter, um Erfolg zu haben. Bleibt der aus, stürzen sie die Götter. Ich kann es nur nicht akzeptieren, wenn die Fans mit Worten verletzen, von geworfenen Bengalos oder Gegenständen ganz zu schweigen. Es ist doch würdelos und entwürdigend, gegnerische Fans und Spieler als Hurensöhne zu beschimpfen. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis.

Können Sie auf die Fans einwirken?

ECKERT: Nicht als Gruppe. Für diese Begleiterscheinungen sind in besonderer Weise die Fan-Beauftragten zuständig, ich kann das hier mit einer halben Stelle nicht leisten. Auf Einzelne, die zu mir kommen, versuche ich schon einzuwirken.

Kommen denn im Fußballwahn verirrte Schäfchen zu Ihnen?

ECKERT: Nein. Denn an Spieltagen kann ich, laut Beschluss der Eintracht AG, die Kapelle nicht nutzen. Die meisten kommen an Wochentagen zu betreuten Führungen, zu Gesprächsrunden und auch mit Gruppen zu verabredeten Gottesdiensten. Ein halbes Dutzend kommt pro Jahr, um sich trauen zu lassen. Und im vergangenen Jahr hatte ich 21 Taufen, in diesem Jahr ist diese Zahl schon jetzt erreicht. Die Tendenz ist deutlich steigend.

Und welchen Eintracht-Bezug stellen Sie bei den Zeremonien her?

ECKERT: Zunächst einmal gibt es keine Kleiderordnung. Neulich trug der Bräutigam einen schwarz-weißen Schal und die Braut schwarz-rote Rosen. Ich habe dann einen Eintracht-Schal über sie gehalten und daran erinnert, dass die Liebe von Dauer sein sollte: „Wenn ihr zueinander steht, braucht ihr nur den einen Schal, der euch wärmt.“ Ich habe für Hochzeitsgesellschaften am Klavier in der Stadionkapelle auch schon „Im Herzen von Europa“ begleitet.

Und bei Taufen?

ECKERT: Besonders schön ist es, wenn der Adler Attila dabei ist. Dann empfehle ich den Eltern als Taufspruch Jesaja, Altes Testament: „Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft, auf dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Der Falkner gibt dann noch drei Federn aus der Mauser für das Kind. Eine gelungene Symbolik.

Haben Sie schon mal absurde Ansinnen abwehren müssen?

ECKERT: Beerdigungsinstitute haben mir schon im Photoshop bearbeitete Eintracht-Särge geschickt. Geschmacklos. Und hin und wieder fragen Fans, ob man sich im Stadion beisetzen lassen könnte. Da sage ich immer: „Wollt ihr wirklich mit dem Rollrasen rausgerollt werden oder im Betonpfeiler verschwinden?“

Bleibt die wichtigste Frage: Wer wird den Pokal gewinnen?

ECKERT: Da ich auch Musiker bin, antworte ich mit einem Fan-Gesang, der mir als Pfarrer nahe ist (singt): Und wir holen den Pokal, halleluja!

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