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In der Bundesliga ist Filip Kostic noch ohne Treffer für die Eintracht. In der Europa League hat er schon zweimal getroffen, hier in Frankfurt gegen Limassol.

Eintracht Frankfurt

Filip Kostic in der Fünferkette: Die Notlösung erwies sich als Volltreffer

Filip Kostic ist ein gelernter Stürmer – und überzeugt bei der Frankfurter Eintracht als Verteidiger. Der 26-Jährige bringt zudem seine Schnelligkeit ein, wenn er mit langem Anlauf bis ganz nach vorne durchstartet.

Ganz zum Schluss, es lief bereits die Nachspielzeit, hat Filip Kostic allen gezeigt, wie pfeilschnell er ist; da zog der Spieler mit der Nummer zehn aus der eigenen Hälfte einen ganz langen Spurt an, der das Raunen im Stadion im Stadtwald mit jedem Meter lauter werden ließ. Immer schneller wurde der Mann mit Ball, immer hilfloser japste Yannick Gerhardt ohne Ball hinterher. Dann hatte der Wolfsburger genug, an der Strafraumgrenze stoppte er den atemraubenden Lauf mit einem rüden Tritt. Es war Kostic’ Sprint Nummer 27 in diesem Spiel, dazu sattelte er 76 intensive Läufe drauf. Hinterher adelte Trainer Adi Hütter seinen Linksverteidiger: „Überragend.“

Es war nicht das erste Mal in dieser bislang für die Frankfurter so erfolgreichen Saison, in der Filip Kostic derart spektakulär auf sich aufmerksam gemacht hätte. Der 26-Jährige aus Kragujevac, der viertgrößten Stadt Serbiens, hat sich längst zu einem absoluten Leistungsträger entwickelt bei der Eintracht, er ist ein Aktivposten, ein Schwungrad, und er bildet gemeinsam mit dem Kollegen auf der rechten Seite, Danny da Costa, ein wuchtiges, dynamisches Paar. Die Torgefahr, die Eintracht Frankfurt aktuell ausstrahlt, ist auch diesen beiden schnellen, mutigen Außen geschuldet, die mit Verve die Flügel beackern und jede sich bietende Möglichkeit nutzen, um nach vorne zu ziehen. Dass da Costa dies würde leisten können, war vorher klar, es gehört zu seiner Kernkompetenz.

Aber Filip Kostic? Der Stürmer? Es war Ende September, vor dem Heimspiel gegen RB Leipzig, als Trainer Hütter den als Linksaußen geholten Filip Kostic zur Seite nahm und ihm mitteilte, dass er linker Verteidiger spielen solle. „Es gab keine Diskussion. Ich habe gesagt, ich mach das“, erzählte der für zwei Jahre ausgeliehene Serbe, der noch nie zuvor linker Verteidiger gespielt hat und eigentlich im Ruf stand, einer zu sein, der Defensivarbeit lieber den Kollegen überließ. „Es war nicht einfach für mich, das mit der Defensive“, sagt Kostic, aber er habe gewusst, dass „ich das kann“.

Fast schüchtern im Gespräch

Seit jenem Spiel gegen Leipzig am 23. September hat Kostic hinten links einen Stammplatz und gilt mittlerweile als eine der Überraschungen dieser Saison, mehr noch: Er ist die Entdeckung des Jahres. So stark, vor allem so kontinuierlich stark, hat der 26-Jährige lange nicht mehr gespielt, zumindest nicht in der Bundesliga, wo er auch schon 133 Spiele auf dem Buckel hat. Die Position, hinten links in der Fünferkette, kommt ihm entgegen, sie ist ihm fast auf den muskulären Leib geschneidert. Man fragt sich auch, warum vorher noch keiner auf die Idee gekommen war, Kostic nach hinten zu beordern, denn von dort kann er mit langem Anlauf und viel Platz vor Augen seine Sprinterqualitäten bestens einbringen. Dabei war es die blanke Not, die Hütter dazu bewogen hatte, Kostic zurückzuziehen. Der etatmäßige Verteidiger Jetro Willems hatte sich mit zwei Platzverweisen hintereinander selbst ins Abseits gestellt, Taleb Tawatha war seriös keine Alternative. Geplant war die Rückversetzung also keineswegs, Hütter hat das selbst zugegen. „Das hatte ich anfangs nicht vorgehabt.“

Aber Kostic hat sich in Frankfurt „einfach toll entwickelt, man muss ihm ein Kompliment machen, wie er sich präsentiert“, findet Hütter. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich der im Gespräch fast schüchtern wirkende Kostic richtig wohl fühlt in Frankfurt, fast schon zu Hause. Das war bei seinen vorherigen Klubs, beim VfB Stuttgart und dem Hamburger SV, offenbar anders. Da fühlte er sich schnell in die Ecke eines Söldners getrieben, der nie sein Potenzial ausgereizt, aber viel kassiert hat. Und große Unterstützung, so heißt es, soll er bei seinen alten Klubs auch nicht erfahren haben. Über beide verliert er heute kein (böses) Wort. „Das ist Vergangenheit.“

Nestwärme gefunden

Beide stiegen übrigens mit ihm ab, was seinem ohnehin nicht besonders guten Ruf nicht eben aufhellte. Unterstützung, Zuspruch, vielleicht auch Nestwärme, die ein Spieler wie er braucht, findet er jetzt in Frankfurt, auch die Balkan-Connection mit Ante Rebic, Luka Jovic oder Mijat Gacinovic tut ihm gut. „Ich bin glücklich hier“, sagt er.

„Wenn man einmal in einer Schublade drinsteckt, ist es schwer wieder herauszukommen“, hat Hütter vor Wochen gesagt. Inzwischen hat der 26-Jährige praktisch alle Vorurteile, die über ihn kursierten, ins Gegenteil gekehrt, er spielt mannschaftsdienlich, spult viele, viele Kilometer ab, die zweitmeisten etwa am vergangenen Sonntag, verteidigt leidenschaftlich und ausdauernd, nimmt die neue, deutlich verantwortungsvollere Aufgabe an. Gegen Wolfsburg gewann er die Hälfte seiner direkten Duelle, das ist für einen gelernten Stürmer viel, und doch verzichtet er auf ein defensives Extratraining. Er ist inzwischen zu einem Vorzeigeprofi avanciert.

In der Europa League, für die er im nächsten Spiel am 13. Dezember bei Lazio Rom wegen drei Gelben Karten gesperrt ist, hat er bislang zwei Tore erzielt, in der Liga noch keines, aber viermal aufgelegt. In Berlin, beim nächsten Gegner an diesem Samstag, wäre eine gute Gelegenheit, auch mal in der Bundesliga zu treffen. Aber Berlin ist kein gutes Pflaster für Filip Kostic, sowohl mit dem VfB Stuttgart als auch mit dem HSV hat er in der Hauptstadt immer verloren. „Hertha wird schwer“, vermutet der Serbe, der nicht glaubt, dass die Niederlage gegen Wolfsburg die Mannschaft nachhaltig beeindruckt habe. „Wir haben gut gespielt,und wenn wir früher getroffen hätten, hätten wir sicher gewonnen.“ Ohnehin hat er mit der Eintracht, die in zwei Jahren die Kaufoption über 6.5 Millionen Euro ziehen kann, noch einiges vor. „Mein Traum ist die Champions League.“

von THOMAS KILCHENSTEIN

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