1. Startseite
  2. Eintracht

Taktiktafel: Fünf Freunde und die Pressingfalle

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Roland Stipp

Kommentare

Niko Kovac möchte Spuren hinterlassen – auch als Taktiker. Der Mann, der enormen Ehrgeiz und Einsatz einfordert und auch vorlebt, will zeigen, dass er seine Spieler besser machen und das Spiel seiner Mannschaft verändern kann. In manchen Teildisziplinen ist ihm das längst gelungen. Das Pressing der Eintracht beispielsweise ist bemerkenswert.

Niko Kovac hat sich früh festgelegt: Sattelfest im Spiel mit Dreierkette zu werden, das war und ist eine der großen Aufgaben der Eintracht. Das ist im Trend und beschäftigt Trainer weltweit. Und während im Umfeld noch über die Rückkehr des Liberos schwadroniert wurde, hat Kovac seine Mannschaft gelehrt, zu dritt zu verteidigen, geordnet über zurückeilenden Mittelfeldaußen zur Vierer- oder Fünferkette aufzufüllen und Zwischenräume für den Gegner zu schließen, ohne große Schnittstellen in der Abwehrkette zu öffnen.

Es ist der klassische Weg, auf dem die Eintracht das Wechselspiel zwischen Dreier- und Fünferkette praktiziert. Und sie tut das mittlerweile sehr ordentlich. Verbessert hat sich zum Beispiel, dass auf der Ballseite Druck auf den Ball gemacht wird, während der „ballferne“ Mittelfeldaußen (also der auf dem Flügel, auf dem der Ball gerade nicht ist) sich als Außenverteidiger in die Abwehrkette einreiht. So können die drei nominellen Abwehrspieler bedenkenlos in Richtung Ball verschieben. Zu Saisonbeginn gab es da noch große Abstimmungsprobleme, inzwischen wirkt die Mannschaft sehr sicher.

Der große Unterschied aber, der Faktor, der die Eintracht zur zweitbesten Auswärtsmannschaft der Bundesliga macht, ist das Spiel gegen den Ball in der gegnerischen Hälfte und im Mittelfeld. Diese Mischung aus Anlaufen und Pressing, die jedem Gegner Schwierigkeiten bereitet, ist ein kleines Meisterwerk – taktisch auch, aber vor allem in Hinblick auf eine ganz wichtige Aufgabe: Der Trainer muss Stärken und Schwächen seiner Leute erkennen, einschätzen und nutzen. Er muss einen Plan entwickeln, der die Stärken der Spieler betont und ihre Schwächen möglichst belanglos macht. Und das, so viel kann man sagen, ist Niko Kovac bei der Eintracht nahezu perfekt gelungen.

Das Pressing-Fünfeck, mit dem die Eintracht Wolfsburg begegnete, war der Schlüssel zum Sieg. Vorne die „Kanten“ Rebic und Haller, dahinter oft einen Tick breiter stehend Boateng und Gacinovic und dahinter zentral Mascarell, so sieht derzeit die Idealbesetzung aus. Dazu passten die schnellen Mittelfeldaußen Wolf und Chandler perfekt. Doch wie funktionierten die Ballgewinne der Eintracht? Im Prinzip nach diesem Muster: Rebic oder Haller stellen jeweils den ballführenden Innenverteidiger der Gastgeber und nehmen diesen im Idealfall durch bogenförmiges Anlauf aus dem Spiel, sobald er den Ball weitergeleitet hat. Gleichzeitig kippt das ganze Fünfeck auf die Ballseite ab, Gacinovic und Boateng machen den Außenverteidigern Abspiele in die Spitze schwer, sind aber jederzeit bereit, Querpässe des Gegners abzufangen – von denen es von Wolfsburg einige gab (siehe Grafik). Und so wurde Wolfsburg besonders im ersten Abschnitt (und vor beiden Eintracht-Treffern) immer schon im Mittelfeld in Zweikämpfe verwickelt oder gar erfolgreich gedoppelt.

Nach Ballgewinnen zeigte die Eintracht noch eine extreme Verbesserung: Ihr Umschaltspiel konnte sich in Wolfsburg sehen lassen. Und darauf, das weiter zu verfeinern, wird es in den nächsten Wochen ankommen, gerade in den Heimspielen, in denen die Gegner oft weniger riskieren, sprich weniger Leute ins Offensivspiel einbinden. Umschaltaktionen kommt dann erst recht eine große Bedeutung zu, die wenigen sich bietenden Möglichkeiten müssen genutzt werden. Wenn das klappt, sind die Probleme der Eintracht im sogenannten Positionsspiel und im Spielaufbau allemal zu verkraften. Schließlich reicht es ja auch so schon, um ein Champions League-Anwärter zu sein – und sich den Ansprüchen des Trainer ganz allmählich anzunähern. Zumindest auswärts.

Auch interessant

Kommentare