Eintracht Frankfurt

Thomas Berthold haut drauf

  • VonKlaus Veit
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Eine falsche Struktur, keine grundlegenden Planungen und ein schlechter Umgang mit dem Geld: Berthold lässt an seinem Ex-Verein kaum ein gutes Haar.

Manche hatten in den vergangenen Wochen darüber spekuliert, dass Thomas Berthold ein Nachfolger von Heribert Bruchhagen werden könnte. Anderen ist er ein „rotes Tuch“, weil er sich nicht verbiegen lässt, weil er klar Stellung bezieht, sich dadurch aber nicht unbedingt für einen Job empfiehlt, der auch diplomatisches Geschick benötigt. Wiederum andere sagen, dass er Bruchhagens Job gerne übernommen hätte.

Der gebürtige Hanauer hatte von 1978 bis 1987 im Trikot der Frankfurter Eintracht gespielt, hängt mit dem Herzen noch immer an seinem Ex-Verein. Ist doch klar, dass man ganz besondere Emotionen zu dem Club hat, für den man auch als Jugendlicher gespielt hat. Entsprechend gut informiert ist der inzwischen 51-Jährige auch, wie es um die Eintracht bestellt ist. Der Weltmeister von 1990 hat wenig Hoffnung, dass der Abstieg noch vermieden kann. Was ihm zwar nicht gefällt, was ihn aber wegen vieler Fehler in der Vergangenheit nicht wundert.

In seinen Augen müsste sich einiges ändern, um den Anschluss nach oben wieder zu packen. „Das fängt mit dem Gesellschaftervertrag zwischen Verein und Fußball-AG an. Es kann nicht sein, dass dadurch im Aufsichtsrat mehr Vereinsvertreter sitzen als Vertreter des Profi-Fußballs.“ Dadurch habe der Aufsichtsrat „viel zu wenig“ Fußball-Sachverstand. Der Aufsichtsrat müsse auch die Arbeit der Geschäftsführung bewerten: „Wie soll das gehen, wenn die Fußball-Kompetenz fehlt?“ Laut Thomas Berthold fehle das Fachwissen aber auch auf anderer Ebene: „Ein Vorstandsmitglied, ein Manager und ein Trainer verstehen etwas vom Fußball. Drei Mann in einem Unternehmen, das bald 100 Millionen Euro umsetzt, das ist Wahnsinn.“ In der Industrie sei das undenkbar.

Ein anderer Knackpunkt sei, dass der Eintracht eine Philosophie fehle. „Wofür steht die Eintracht? Früher stand sie mal für guten Fußball.“ Und heute? Da werde zu viel improvisiert, zu viel geflickschustert: „Alex Meier ist doch nicht von heute auf morgen 32 Jahre alt geworden. Die biologische Uhr tickt halt. Da hätte man schon vor zwei, drei Jahren einen Spieler holen müssen, der den Alex zunächst ergänzt und dann ersetzt. Das hat man total versäumt.“

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Als ein anderes Beispiel nennt er die Verpflichtung von Marco Fabian, der im Winter geholt worden war. „3,5 Millionen sind für die Eintracht so viel wie 30 Millionen für die Bayern. Die Münchner aber hätten sich einen so teuren Spieler mehrfach vor Ort angesehen, bevor sie ihn verpflichtet hätten.“ Die Personalplanung in der Winterpause sei ein „Kardinalfehler“ gewesen. Man habe drei Spieler für fast die gleiche Position geholt, darunter Scabolcs Huszti: „Wer zuletzt in China gekickt hat, der hat dort nur Feierabendfußball gespielt. Aber auch das hat der Aufsichtsrat einfach durchgewunken.“

Es sei halt in Fußball-Deutschland so, dass oben die Bayern, Dortmund und ein, zwei andere stehen und dahinter die Konkurrenz nach den internationalen Fleischtöpfen hechele: „Und wer weniger Geld hat, der muss halt weniger Fehler machen.“

Die Eintracht hätte viel mehr Wert auf ihre Nachwuchsarbeit legen müssen, der freiwillige Verzicht auf eine U 23-Mannschaft sei eine Katastrophe. Auch die räumliche Trennung – die Jugend trainiert am Riederwald, die Profis trainieren im Stadtwald am anderen Ende der Stadt – sei unmöglich: „Welcher Cheftrainer schaut sich denn da mal ein Jugendtraining an?“ Und außerdem: „Wenn wir als Jugendliche vor oder nach dem Training einen Nickel oder einen Pezzey gesehen haben, dann war uns klar: So wie die wollen wir auch werden. Der Riederwald war für uns eine riesige Motivation.“ Jetzt aber fehle dem Eintracht-Nachwuchs die Perspektive: „Da gehen die Talente halt lieber nach Darmstadt oder Mainz.“

Wie werden eigene Spieler entwickelt? Wie werden mehr eigene gute Trainer entwickelt? „In Mainz geht das, in Frankfurt nicht“, stellt der Ex-Nationalspieler fest. Und schiebt gleich hinterher: „Mainz hat es geschafft, mit einer geschickten Verkaufspolitik viel Geld zu erwirtschaften.“ Auch das fehle bei der Eintracht. Und Mainz zum Dritten: „Die haben eine klare Spielidee, holen dann die dafür passenden Trainer.“ Am Main stelle sich dagegen die Frage, wie man eine so langsame Mannschaft zusammenstellen konnte: „Die Eintracht hat die laufschwächste Mannschaft. Und auch die Geschwindigkeit fehlt“, sagt Berthold und nimmt da lediglich David Abraham aus. Der sei Innenverteidiger und könne deshalb das Offensivspiel nicht ankurbeln: „Kein Wunder, dass die Tore fehlen.“

Ob es nach einem Abstieg wieder bergauf gehen kann, macht Thomas Berthold von einer grundsätzlichen Frage abhängig: „Wie bereit ist Eintracht Frankfurt zu Reformen?“

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