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Das richtige Händchen bei Aufstellung und Rotation: Eintracht-Coach Adi Hütter, hier mit Ante Rebic und Filip Kostic (von links).

Eintracht Frankfurt

Wie Adi Hütter die Mannschaft seit dem Saisonstart erfolgreich umgekrempelt hat

Was die Eintracht momentan spielt hat Hand und Fuß. Das war in dieser Saison nicht immer so.

Manch einer hat sich am vergangenen Wochenende gewundert, warum der Frankfurter Trainer Adi Hütter trotz eines 3:1-Sieges beim langjährigen Angstgegner FC Augsburg durchaus kritisch mit seiner Mannschaft ins Gericht gegangen war. Er habe „viele Sachen“ gesehen, die „wir nicht gut gemacht“ haben, hatte er bemängelt, und das vier Tage vor dem nächsten Höhepunkt, dem fünften Spiel in der Europa League gegen Olympique Marseille am Donnerstag. Was ihn besonders störte, und zwar grundsätzlich, ist vor allen Dingen eines: Wenn taktische Disziplin nicht gewahrt bleibt.

Derzeit tritt Eintracht Frankfurt, immer noch die Überraschungsmannschaft der Liga, im Großen und Ganzen nämlich taktisch sehr solide auf, sehr geordnet; vogelwildes Nach-vorne-Gerenne sieht man trotz aller Offensivkräfte eher selten.

Was die Eintracht momentan spielt, hat Hand und Fuß, sie kommt aus einer stabilen Dreierkette, in der Evan Ndicka den linken, David Abraham (bis zur seiner Verletzung) oder Marco Russ den rechten Part übernommen haben. Makoto Hasebe ist der zentrale Puffer, der antizipierend auftaucht, wo Not am Mann ist und das Spiel nach vorne trägt.

Über die Außen Filip Kostic und Danny da Costa wird Druck aufgebaut, im Mittelfeld übernimmt Gelson Fernandes klar defensive Aufgaben, Jonathan de Guzman ist für die offensive Steuerung zuständig. Und im Angriff mit Ante Rebic, Luka Jovic und Sébastien Haller gibt es ohnehin kein Halten mehr, oft sieht es so aus, als spielten die Drei ihr ureigenes Spiel, aber mit Sinn und Verstand. Dazu hat die Mannschaft insgesamt gehörig an Tempo und Geschwindigkeit gewonnen. Abraham, da Costa, Kostic, Rebic und Jovic sind enorm schnell zu Fuß unterwegs, das gab es lange nicht mehr in Frankfurter Teams. Aber Sprinter tun jedem Team gut.

Und das war bei Eintracht Frankfurt nicht immer so. Als Hütter im Sommer in Frankfurt anfing, kam er mit der Überzeugung, auch in der „deutschen Bundesliga“ offensiven Fußball spielen zu lassen, wie er das bei seinen vorherigen Stationen in Österreich und der Schweiz gewohnt war. Dummerweise hatte er anfangs nicht die Spieler für diese Art von Philosophie. Er musste improvisieren, musste probieren, verwerfen, musste im Grunde gegen sein Naturell handeln.

Und schaut man sich die Mannschaft an, die am 25. August in Freiburg das erste Bundesligaspiel dieser Runde bestritt, erkennt man, dass diese Elf praktisch nichts mit der gemein hat, die jetzt so für Furore sorgt: Damals, beim 2:0-Erfolg, stand Frederik Rönnow noch im Tor, die Eintracht verteidigte mit einer Viererkette mit Carlos Salcedo und Jetro Willems. Im Mittelfeld spielte tatsächlich Taleb Tawatha auf links, dazu Lucas Torro in der Mitte und rechts Nicolai Müller. Hütter beorderte lediglich einen Mann in die Spitze, Sébastien Haller. De Guzman, Jovic und Kostic waren Ersatz. Selbst Danny Blum, längst nach Gran Canaria ausgeliehen, kam noch in die Partie.

Es war ein völlig anderes Spiel, das die Eintracht seinerzeit spielte, auch ein völlig anderes Niveau. Damals fehlte Rebic, der die Nachwirkungen der WM auskurieren musste, Trapp war noch nicht verpflichtet, Hasebe gar nicht im Kader. Selbst bei der letzten Bundesliga-Niederlage in Mönchengladbach (1:3) am 23. September, agierte die Eintracht noch mit Viererkette, Hasebe war als Sechser nominiert, die Hessen spielten in einer Raute, mit Kostic auf Links- und Müller auf Rechtsaußen.

Der Durchbruch gelang den Frankfurtern im drauffolgenden Heimspiel gegen Hannover (4:1), als Hütter auf Dreierkette mit Hasebe im Zentrum umstellte, Kostic zurückzog und zwei Stürmer nominierte. Ähnlich spielte die Eintracht die Woche zuvor auch gegen RB Leipzig (1:1). Und damit war Taktik und Formation gefunden, die Eintracht Frankfurt seitdem durch Liga und Europapokal stürmen lässt,

Und mit den mittlerweile neun Siegen in zehn Begegnungen und einem gestiegenen Selbstvertrauen zündete Adi Hütter die nächste Stufe, indem er, erstmals in der Partie beim VfB Stuttgart, alle drei Stürmer aufbot und gnadenlos offensiv agieren ließ.

Fußball total fast, ein Begriff, den der große Johan Cruyff einst beim FC Barcelona salonfähig gemacht hatte. Bis zum Hannover-Spiel hatten die Frankfurter bei fünf Partien sechs Tore erzielt, danach in den folgenden sieben stolze 23 – mehr als drei im Schnitt.

Es spricht wenig dagegen, dass Hütter am morgigen Donnerstag gegen Marseille eine andere Marschroute wählt als zuletzt. Er lässt die Mannschaft einfach los, vieles wirkt beschwingt, leicht und beflügelt und man spürt förmlich bis unters Tribünendach die Lust und die Freude der Profis am Spiel – einerlei gegen wen es gerade geht. Hütter hat die Fesseln gelöst.

Sicher dürfte dessen ungeachtet sein, dass der 48 Jahre alte Österreicher etwas rotieren wird, Spielern eine Pause gibt und anderen Spielpraxis. Freilich: So furchtbar groß ist seine Auswahl nicht: Goncalo Paciencia, Torro, Abraham, Timothy Chandler sind verletzt, Marc Stendera gesperrt; dazu sind Marco Fabian, Salcedo, Branimir Hrgota, Felix Wiedwald und Allan Souza, der ohnehin wegen eines Außenbandrisses im Knie sechs Wochen ausfallen wird, nicht gemeldet für die Europa League.

von THOMAS KILCHENSTEIN

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