Alles hat seine Ordnung: Lothar Buchmann 1981 beim Verteilen von Leibchen im Eintracht-Training.
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Alles hat seine Ordnung: Lothar Buchmann 1981 beim Verteilen von Leibchen im Eintracht-Training.

Eintracht Frankfurt vs. Darmstadt 98

Trainer-Legende Buchmann zum Hessen-Derby: "Darmstadt fehlen vorn die Mittel"

Lothar Buchmann ist der einzige Trainer, der Darmstadt 98 und Eintracht Frankfurt trainiert hat. Im Rhein-Main-Gebiet ist der inzwischen 80-Jährige eine Trainerlegende. Vor dem Hessen-Duell am Sonntag sprach er mit unserem Redakteur Markus Katzenbach über eigene Derby-Erfahrungen, die Lage bei den beiden Clubs und ihre Aussichten.

Schlagen am Sonntag zwei Herzen in Ihrer Brust? Oder fiebern Sie doch etwas mehr mit dem Underdog aus Darmstadt?

LOTHAR BUCHMANN: Eigentlich bin ich auf beiden Seiten, ich interessiere mich für Eintracht Frankfurt genauso wie für Darmstadt 98. Obwohl man zwangsläufig vielleicht ein bisschen mehr zu den Schwächeren hält, das wären dann die Darmstädter.

Sie sind 1979 mit Darmstadt aufgestiegen und wurden 1981 DFB-Pokalsieger mit der Eintracht. Was war für Sie selbst die größere Leistung?

Als Ganzes gesehen der Aufstieg mit den Lilien. Das war eine einmalige Sache, nur mit Feierabendprofis, einschließlich mir. Mit der Eintracht haben wir versucht, ins Finale zu kommen. Und dann wollten wir nicht unten stehen und zusehen, wie andere feiern. Das musste ich der Mannschaft vermitteln, und ich musste sie in einen Top-Zustand bringen. Sportlich war das vielleicht der größte Erfolg. Aber es war nur eine Sache von vielleicht vier Wochen, während der Aufstieg mit den Lilien über Monate und Jahre ging.

Ihre eigenen Derby-Erfahrungen sind aus Frankfurter Sicht gut. Was sind Ihre Erinnerungen daran?

Als ich bei der Eintracht war, haben wir zu Hause 2:1 und in Darmstadt 4:1 gewonnen. Das ist mit heute aber nicht mehr zu vergleichen. Damals waren auch nicht so viele Emotionen im Spiel, auch nicht so viel Aggressivität von außen. Ich hoffe, dass es am Sonntag da ruhig bleibt. Diesmal steckt aber auch nicht so viel Brisanz drin wie am Ende der vergangenen Saison, als beide im Abstiegskampf steckten. Die Eintracht ist davongeeilt, Darmstadt abgeschlagen Letzter. Das ist ein Rahmen, der aussagt, was für beide möglich ist.

Wirkt man als Trainer vor so einem Derby besonders auf seine Spieler ein?

Das kann man schon beeinflussen. Die Spieler müssen den Ernst der Lage erkennen, sie dürfen sich nicht schonen, müssen aber trotzdem Fairness walten lassen.

Die letzten drei direkten Duelle waren nichts für Feinschmecker. Was für ein Spiel erwarten Sie am Sonntag?

Kovac und Co. wissen, dass sie sich nicht nach dem Darmstädter 1:6 richten können. Sie müssen davon ausgehen, dass Darmstadt so auftritt wie in den ersten 20 Minuten gegen Köln. Da waren sie fast gleichwertig. Die Eintracht legt viel Wert auf eine kompakte Deckung, diese Spielweise wird sie nicht verändern. Sie hat aber die höhere individuelle Qualität und ist natürlich Favorit.

Worauf kommt es für die Eintracht an? Gegen Gegner, die hinten drin stehen, tut sie sich ja nicht so leicht, wie im Hinspiel zu sehen war.

Sie haben nach vorne noch nicht die Qualität wie andere Mannschaften da oben. Aber sie können abwarten, und sie können gerade zu Hause auch Druck aufbauen und haben gezeigt, dass sie ihre Heimspiele gewinnen können. Sie rechnen fest mit drei Punkten, weil sie sehen, dass sie ernsthaft um den sechsten Platz mitspielen können, da kann Bobic erzählen, was er will.

Und was wird die Darmstädter Marschroute sein?

Sie können gar nicht anders als zu versuchen, das im Rahmen zu halten. Für Angriffsfußball fehlen ihnen einfach die Mittel.

Welche Aufgabe wäre Ihnen als Trainer lieber? Den Riegel aufzubauen oder der Versuch, diesen Beton zu knacken?

Wenn man als Tabellenletzter nach Frankfurt kommen muss, hat man eindeutig die schlechteren Karten. Nicht nur wegen der Platzierung, es ist es auch die schönere Herausforderung, wenn man nachweisen kann, dass man auch gegen defensiv eingestellte Mannschaften Tore schießen kann. Ich bin mir sicher, dass Frings gerne mit Kovac tauschen würde.

Sie galten als Trainer, der Wert auf Ordnung und Disziplin gelegt hat, auch für hartes Training bekannt war. Ist das auch ein Erfolgsrezept von Niko Kovac?

Da kann ich nur aus dem urteilen, was ich am Tabellenbild oder aus seinen Aussagen ablese. Grundsätzlich aber gilt für mich heute wie vor 40 Jahren: Wenn irgendwo der Schlendrian einzieht, ist das undenkbar bei dem, was man in der Bundesliga vorhat. Disziplin ist unabdingbar. Wir hatten damals auch bei der Eintracht unsere Kameraden, die dann um zwei vor halb erst da waren und sich noch auf den Stufen zum Platz rasieren wollten. Auch zu meiner Zeit musste man aber schon ein eine halbe, dreiviertel Stunde vorher da sein. Man muss hochkonzentriert in jede Trainingseinheit gehen, sonst verletzt man sich auch leichter. Wenn man die Nacht durchmacht, wird das schwer. Kovac liegt da ganz auf der Wellenlänge, die ich für richtig halte. Dann erreicht man auch mehr. Was Kovac hilft ist, dass noch viele Spieler dabei sind, die im Abstiegskampf erlebt haben, wie alles auf der Kippe stand. Das haben sie verinnerlicht, das wollen sie nicht noch mal mitmachen.

Statt gegen den Abstieg kann die Eintracht jetzt um Europa mitspielen. Reicht es am Ende?

Das hängt auch von den anderen ab. Auf Bayern, Leipzig und Dortmund würde ich mich vorne festlegen. Aber dahinter? Warum eigentlich nicht. Köln hat sich stark präsentiert, Hoffenheim wird durchhalten. Um Platz fünf oder sechs würde ich aber auf jeden Fall kämpfen. Die Qualität ist da – wenn nicht zu viele Platzverweise oder andere Ausfälle kommen.

Sportvorstand Fredi Bobic und Trainer Kovac halten an der Sprachregelung fest: Erstmal 40 Punkte holen, dann erst gibt es ein neues Ziel. Ist es wichtig, dass man die Spieler gerade bei einem Höhenflug so am Boden hält?

Das ist wichtig, aber gar nicht so schwierig. Die Ergebnisse waren ja gar nicht so, dass einer abheben kann. Die Eintracht muss sich alles erarbeiten, erkämpfen, die Resultate waren alle knapp. Die Aussagen von Bobic sind sein gutes Recht. Alle Außenstehenden dürfen träumen, die Verantwortlichen nicht. Man muss Schritt für Schritt gehen. Wenn man jetzt wieder drei Punkte mitnimmt, behält man die Platzierung, und die Spiele werden weniger. Irgendwann muss aber ein neues Ziel erklärt werden. Als Tabellendritter kann man dann nicht mehr Klassenerhalt reden, das ist erledigt.

Auf der anderen Seite sieht es so aus, als wäre es im Sommer vorbei mit den Darmstädter Wundern. Was muss passieren, damit der Klassenerhalt doch noch gelingt?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Dafür müsste jeder Einzelne 30, 40 Prozent drauflegen. Man muss eine Serie starten, drei, vier Spiele am Stück gewinnen. Dann entsteht eine Euphorie, die Stimmung von außen kommt, das Selbstbewusstsein wächst. Ohne Serie geht es nicht.

Ist dieses Hessen-Derby erst einmal das letzte?

Wenn die Konstellation so bleibt, könnte es Jahre dauern. Die Eintracht müsste runter, Darmstadt müsste rauf. Da habe ich schon meine Zweifel. Die Lilien sind auch nicht so blauäugig, dass man nicht zweigleisig bleibt. Bei einem Abstieg muss man dann auch aufpassen, dass man nicht gleich durchgereicht wird. Da gibt es genug warnende Beispiele. Für Darmstadt ist das eine ganz schwierige Situation.

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