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Auf dem Sprung: Frankfurts Danny da Costa (rechts) gegen den Bremer Augustinsson.

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Eintracht Frankfurt: Trainer Adi Hütter stemmt sich gegen die gestiegene Erwartungshaltung

Vier Zähler im neuen Jahr: Eintracht-Trainer Adi Hütter stemmt sich dennoch gegen die gestiegene Erwartungshaltung.

Frankfurt/Bremen - Es ist Fußballlehrern nicht zu verdenken, wenn sie nach hochemotionalen anderthalb Stunden plus Nachspielzeit nicht sofort runterfahren. Sondern ähnlich aufgewühlt wie die Protagonisten auf dem Rasen sich nicht nur an der Seitenlinie mitunter wie Rumpelstilzchen gebärden, sondern auch in der medialen Aufarbeitung noch mal unerwartete Adrenalinschübe erleben. Nachdem sich Werder Bremen und Eintracht Frankfurt einen äußerst unterhaltsamen und am Ende fast vogelwilden Schlagabtausch geliefert hatten, der nicht vollends unverdient 2:2 (1:1) ausging, rangen sowohl Florian Kohfeldt als auch Adi Hütter um die Einordnung – und gleichermaßen um Fassung.

Zufrieden? Unzufrieden?  In jenem Spannungsfeld nach allerbester Samstagabend-Unterhaltung bewegte sich nämlich auch der Eintracht-Trainer. „Werder war die bessere Mannschaft mit mehr spielerischen Anteilen. Wir haben uns schwer getan, aber Moral bewiesen: Es war ein guter gewonnener Punkt“, sagte Hütter. Vier Zähler im neuen Jahr stellen für ihn eine gute Basis für die anstehenden Herausforderungen in Liga und Europa League dar.

Eintracht Frankfurt: Trainer Hütter missfallen die immens gestiegenen Ansprüche

Bei dieser Ausführung hätte der für seine Klarheit und Besonnenheit geschätzte Österreicher wohl gerne selbst einen Punkt gemacht, doch eine Nachfrage in kleiner Runde, ob der Trainer eingedenk der Holprigkeiten erst gegen Freiburg und nun in Bremen noch mal eine Art Machtwort an seine Mannschaft richten müsse, passte dem 48-Jährigen ganz und gar nicht: Hütter stemmt sich gegen die gestiegene Erwartungshaltung – teilweise aber selbst aus dem Eintracht-Zirkel geschürt – mit Vehemenz. Ihm missfällt arg, dass die Ansprüche in der Mainmetropole schneller wachsen als so mancher Bankenturm auf einer City-Baustelle. Das ist aber auch der Fluch der guten Tat.

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2016 in der Relegation, 2017 im Pokalfinale, 2018 in der Europa League und 2019 schon in der Champions League? Genau diese Last will Hütter (noch) nicht schultern. Dieses Spielchen macht er nicht mit. Weil einer ahnt, dass sein Ensemble bei der Terminhatz im Februar – mit Spielen gegen Borussia Dortmund, RB Leipzig, Borussia Mönchengladbach und der strapaziösen Europapokalaufgabe gegen Schachtjor Donezk  (14. und 21. Februar) – auf einmal etwas verlieren kann? Sein weiterentwickeltes Team steht schließlich nach dem 19. Spieltag auf einem Tabellenplatz, den im Sommer vergangenen Jahres niemand vermutet hätte. Nebenbei galt der aus Bern geholte Hütter damals als der erste Kandidat für einen Rauswurf. Daran zu erinnern, ist aus Trainersicht berechtigt.

Insofern galt für die Stimmungslage in Frankfurt, was der eingewechselte Marco Russ für den Spielausgang im Weserstadion sagte:„Kirche im Dorf lassen.“  Auch der Routinier räumte ein: „Das 2:2 war glücklich. Wir können uns nicht immer auf unsere Drei da vorne verlassen.“ Der bärenstarke Torwart Kevin Trapp  meinte grundsätzlich: „Wir haben unheimlich Qualität. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass der Glaube daran fehlt. Natürlich ist Bremen eine gute Mannschaft. Wenn wir oben dabei sein wollen, müssen wir diese Spiele gewinnen.“ Der Schlussmann räumte aber auch eingedenk der Nachlässigkeiten seiner Vorderleute ein: „Bremen war die bessere Mannschaft  – so ehrlich muss man sein. Wir sind zwar schon eine abgezockte Truppe, haben aber noch enorm viel Steigerungspotenzial. Bessere Gegner nutzen unsere Schwächen aus.“ Beispielsweise Borussia Dortmund. Und die gastieren kommenden Samstag im Frankfurter Stadtwald.

Eintracht Frankfurt: Kompaktheit fehlte

Dass sich die Eintracht in vielen Belangen gegen den Spitzenreiter anders zeigen muss, steht außer Frage: mit mehr Spannung (und anderer Besetzung) in der Abwehr und im zentralen Mittelfeld, aber auch mit einer besseren Balance. „Wir müssen wieder kompakter werden. Wir können uns nicht immer auf die Geniestreiche da vorne verlassen“, beteuerte Russ. Und Trapp betonte: „Unser Punktestand ist sensationell, aber wir schaffen es nicht immer, aus nur einer Chance zwei Tore zu machen.“ Acht Torschüsse gab die Eintracht nur ab, Werder Bremen mehr als doppelt so viele (17).

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Insofern resümierte Hütter: „Wir sind noch nicht in dem Fluss, den wir schon gezeigt haben. Wenn ich die Leistung betrachte, darf ich nicht zufrieden sein. Wir haben viel zu viel zugelassen, in den Zweikämpfen waren wir nicht parat, wie man es hätte sein müssen. Wir konnten uns nicht so entfalten. Wir haben zu viele naive Fehler gemacht.“ Zudem offenbarten sich im Pass- und Positionsspiel einige Mängel – hier gaben die Bremer die bessere Figur ab.

Werder Bremen: Trainer Kohfeldt war nicht zufrieden

Trotzdem wirkte Werder-Coach Florian Kohfeldt noch viel unzufriedener  als der Kollege. Der 36-Jährige war in der hektischen Schlussphase wegen wiederholten Reklamierens zunächst des Innenraums verwiesen worden. Auch im separaten Raum fürs ZDF-Sportstudio hatte er sich nicht beruhigt, sondern beharrte auf einem angeblichen Handspiel von Luka Jovic, ehe Ante Rebic das zwischenzeitliche 1:1 erzielte (35.). Eine strittige, aber keine eindeutige Szene. Viel eher hätte Schiedsrichter Markus Schmidt (Stuttgart) nicht nur den Handstreich des am Boden liegenden Ludwig Augustinsson ahnden können – Sébastien Haller verwandelte den Handelfmeter souverän (68.) – sondern auch in der Nachspielzeit, als Niklas Moisander an der Strafraumkante den Ball mit der Hand spielte.

„Es ist ein klares Handspiel, und es ist ganz knapp an der Sechzehner-Linie. Die gehört eigentlich zum Strafraum, das wäre des Guten aber vielleicht zu viel gewesen“, sagte Hütter unaufgeregt. Kohfeldt argumentierte hingegen wenig souverän, aber in ihm nagte eben etwas: der Umstand, für das Offensivfeuerwerk am Osterdeich nur unzureichend belohnt worden zu sein. „In der Summe hatten wir den Sieg verdient, wir hätten gewinnen müssen. Aber es hat Spaß gemacht.“ Ein Resümee, auf das man sich nach dem Remis eigentlich allseits hätte verständigen können – wenn die Trainer schneller runtergekommen wären.

von FRANK HELLMANN

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