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Fan-Kommentar

Warum das Leben als Eintracht-Fan gerade schwieriger denn je ist

Meine Saisonprognose: bereits jetzt mehr als utopisch. Meine psychische Verfassung: zwischen Borderline und Paranoia. Mein Verhältnis zur SGE: zerrütteter als jemals zuvor. Dabei spielt die Eintracht eine der besten Saisons aller Zeiten. Wie konnte es so weit kommen? Eine Fan-Glosse.

Die Saison fing so vertraut, so vorhersehbar und so beruhigend an. Die Eintracht fühlte sich an, wie sie sich schon immer angefühlt hat. Kratzig, in die Jahre gekommen und mit dem ein oder anderen Loch im Ärmel, ganz genau wie mein Stadion-Pullover. 

Nicht, dass ein kratziger Pullover etwas Schönes ist, genau so wenig, wie es schön ist, Fan der Eintracht zu sein, aber hat man denn eine Wahl? Insgeheim hofft jeder Anhänger auf das Jahr, in dem alles anders wird. Ist es dann so weit, hat man Angst, den alten, stinkigen Pullover loszulassen.

Schnelle Gewissheit: das wird nichts mit der Eintracht

Der Saisonstart war nach der blamablen und in der Höhe verdienten Niederlage gegen unseren Ex-Coach und den vermeintlichen Primus aus dem Süden im Supercup – nun ja – etwas holprig. Es lief alles in geregelten Bahnen. Der Hoodie kratzte und ich hatte nicht die leiseste ernst gemeinte Hoffnung, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Und das war auch in Ordnung so, denn schließlich konnte man elitären Erfolgsfans gegenüber immer behaupten, das gute Ding habe Charakter, genau wie der eigene Verein.

Die Fans der Frankfurter Eintracht fordern einen möglichst schnellen Stadionausbau. Mit dem Ausbau würde die Arena rund 20.000 Stehplätze erhalten.

Wenige Wochen später ging die neue Spielzeit jedoch mit einer ominösen Auswärtsfahrt nach Ulm offiziell los. Das Ergebnis, und noch viel mehr das gebotene Geknorze, habe ich bis heute verdrängt. So weit so gewohnt. Die ersten Fans wurden unruhig. Kritik bezüglich der Breite des Kaders, der Fähigkeiten des neuen Trainers und der sportlichen Leitung machten die Runde. Ich lehnte mich in der Zwischenzeit bestätigt zurück und war mir sicher: alles wie immer. Also alles gut. Ich zog mir meinen verwaschenen und mitgenommenen Pullover über und stellte mich auf eine ganz fiese Saison ein.

Eintracht Frankfurt: Ein Geisterspiel als Wende

Mit fiesen Saisons kennt sich jeder aus, der die Frankfurter Eintracht nicht erst seit der Spielzeit 2017/18 verfolgt. Ich gehe fest davon aus, dass viele von euch eine für außenstehende geradezu bizarre Liebe zu verkorksten Spielen, nicht nachvollziehbaren Transfers und im Allgemeinen zu einem recht leidgeprüften Fußballfanleben entwickelt haben. Mit genau diesem Leben ist es jetzt aus. Dann das Spiel gegen Marseille im September beginnt genauso wie die meisten Spiele gegen Gegner, die nominell besser sind. Marseille geht nach ganzen drei Minuten in Führung. 

Von der Eintracht kommt wenig bis nichts. Als Lucas Torro früh in der zweiten Hälfte der Ausgleich gelingt, bin ich eher überrascht als euphorisch. Schnell Bier holen. Kurz darauf sieht Jetro Willems vollkommen unnötig die gelbrote Karte, ebenfalls kein Aufreger, alles business as usual. Komischerweise ist Marseille aber nicht in der Lage, diesen Vorteil zu nutzen. Als Luka Jovic in der 89. Minute ein Traumtor schießt, bin ich verwirrt. Was war hier denn passiert? Ich konnte den Ruck, der mit Abpfiff durch das gesamte Team ging im knapp 800 Kilometer entfernten Frankfurt fast spüren. Mit diesem Spiel ging eine Ära zu Ende.

SGE: Flashback zur Normalität

Vorbei sind die Zeiten, in denen man halb wütend, halb weinend aus dem Etablissement des Vertrauens in die beißende Luft des Bahnhofsviertels stolpert, nur um sich noch immer kopfschüttelnd und mit leerem Blick am nächsten Wasserhäuschen das x-te Bier zu genehmigen. Die Stimmbänder wurden während der letzten 90 Minuten schließlich arg in Mitleidenschaft gezogen.

Erinnerungen kommen hoch. Rückblende Saison 2015/16. Letzter Spieltag. Eintracht Frankfurt auf Platz 15, 36 Punkte, gefolgt von Werder Bremen mit 35 Punkten auf dem Konto. Für die Eintracht geht es auf Auswärtsfahrt ins Weserstadion, für meinen Vater und mich steht ein Heimspiel im O’Reilly‘s an. Ganze 88 Minuten bringen es Yanni Regäsel, Änis Ben-Hatira und Co. fertig, auf Unentschieden zu spielen und somit wacker den 15. Platz zu verteidigen. Dann kommt Papy „Senegal-Sense“ Djilobodji und grätscht einen von Anthony Ujah quergelegten Ball ins Tor. Sekunden danach schleicht sich das gewohnte Muster ein: Stille, Kopfschütteln, Fassungslosigkeit. Und in einem Spiel wie diesem ebenfalls bittere Tränen, die auf den vom Adler geschmückten Pullover kullern. Die mit diesem Ergebnis besiegelte Relegation wird knapp, jedoch über beide Spiele gesehen nicht unverdient gegen Nürnberg gewonnen – Katastrophe abgewendet.

Seitdem kennt die Eintracht mit einigen wenigen schlechten Rückrundenspielen nur noch den Weg nach oben. Im Schnelldurchlauf bedeutet das Folgendes: knapp verlorenes DFB Pokalfinale gegen Borussia Dortmund, im nächsten Jahr der direkte Wiedereinzug in selbiges Finale und ein mit Worten nicht zu beschreibender Sieg gegen na, Dingens, ihr wisst schon, diese Fußballsnobs. Was für mich erneut bedeutet: Tränen. Wunderschöne Tränen. Tränen, so süß und ehrlich, wie sie vielleicht erst wieder bei der Geburt meiner Kinder fließen werden.

Werden wir uns an eine erfolgreiche Eintracht gewöhnen müssen?

Und jetzt das. Gut, man tanzt ja auch nur noch auf zwei Hochzeiten, aber fast verheilte Wunden sollten nicht aufgerissen werden, also lassen wir das Thema. Das Schlimme an der ganzen Sache ist jedoch, dass man sich nicht irgendwie auf den 3. Tabellenplatz gemogelt hat, sondern vollkommen zurecht und dank ausgesprochen guter Leistungen dort steht. Es ist beunruhigend. Ich für meinen Teil traue dem Braten längst nicht mehr. Mein geliebter Stadion-Hoodie fühlt sich fremd an. Weich, wärmend, maßgeschneidert und duftend. Nichts, was man in einer Bar oder – Alex Meier Fußballgott bewahre – im Stadion tragen möchte. Nach aktueller Lage der Dinge wird die Eintracht die Europa-League gewinnen. 

Ihr glaubt mir nicht? Gut, ich mir nämlich auch noch nicht. Aber was haltet ihr für realistischer? Dass wir das Ding nach Hause bringen oder doch noch absteigen? Euch wird diese Frage womöglich etwas länger beschäftigen, als sie es normalerweise sollte. Wo wir schon beim Abstieg sind, ich bin euch noch meinen aus heutiger Sicht naiven Tipp für die Saison schuldig: Am letzten Spieltag steht die SGE auf einem wohlverdienten 17. Rang. Adi Hütter ist noch vor der Winterpause passé, auch die Verpflichtung von Ex-HSV-Star Marcus Berg hat keine Früchte getragen. Kurzum: ein gebrauchtes Jahr, über das sich einige allerdings wahrscheinlich weniger gewundert hätten als über die jetzige Situation. Nennt mich einen Schwarzmaler, aber tief in mir sehne ich mich nach der Eintracht, die nervlich alles von mir abverlangt und auf regelmäßiger Basis meine Wochenenden versaut. Denn wenn ich ehrlich bin, weiß ich schon jetzt, dass bei dem sehr wahrscheinlichen Gewinn der Europa-League keine Freudentränen auf meinen Pullover tropfen werden. Schlimme Zeiten sind das.

Von Moritz Distelkamp

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