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Adi Hütter. Archivfoto: dpa

Eintracht Frankfurt

Warum das Spiel gegen Marseille Chance und Risiko zugleich ist

Die Eintracht mag Europa, und die Eintracht kann Europa. Doch diesmal sind die Hürden schon in der Gruppenphase sehr hoch.

Ein paar harmlose Schleierwolken am azurblauen Himmel, die noch immer kräftige Sonne erwärmte die Luft an der Côte d’Azur auf gut und gerne 30 Grad: Doch Urlaubsfeeling kam bei den Fußball-Profis von Eintracht Frankfurt keines auf, als sie mit ihrer Chartermaschine um die Mittagszeit in Marseille am Golf du Lion landeten, über den Hinterausgang das Terminal verließen und von Fahrer Rolf Gewehr mit seinem souverän ans „Tor zum Mittelmeer“ chauffierten Mannschaftsbus in Empfang genommen wurden.

Per Eskorte ging es durch die zweitgrößte französische Stadt ins Teamhotel, die polizeiliche Sonderbehandlung machte wegen der doch arg verstopften Straßen Marseilles durchaus Sinn. Anschließend Mittagsruhe, Pressekonferenz, Abschlusstraining im mächtigen Stade Vélodrome, das gestern leer stand und auch heute beim Spiel leer stehen wird. Was dennoch deutlich zu spüren war: So langsam steigt das Fieber, es prickelt und kitzelt, die Spannung steigt im selben Maße wie die Anspannung. Spätestens seit der gestrigen Anreise riecht es nach Europapokal. „Man spürt das Kribbeln richtig“, sagt Filip Kostic. „Wir haben Bock auf die Europa League.“

Nach Hause kommen

Für die Eintracht ist die erste Europapokal-Begegnung seit fast fünf Jahren eine ganz besondere. Es fühlt sich so ein bisschen an, als würde man nach Hause kommen. Der Verein, Uefa-Cup-Sieger 1980, hat einen internationalen Anstrich, die Stadt und die Region ebenfalls, findet Vorstand Axel Hellmann: „Man sieht sich als Metropolregion auf Augenhöhe mit Paris und London. Dahinter steckt natürlich viel Traum und Wunschvorstellung, aber das projiziert sich auf den Club.“ Die Eintracht, nicht immer, aber sehr oft Frankfurts liebstes Kind und nach dem Pokaltriumph noch ein wenig mehr, hat sich Multikulti auf die Fahne geschrieben, das dokumentiert nicht nur die vielschichtig zusammengestellte Mannschaft mit Spielern aus allerlei Herkunftsländern.

Die Eintracht mag Europa, und die Eintracht kann Europa. Von den vergangenen acht internationalen Spielen hat sie nur eines verloren (2:4 in Tel Aviv), gerade die letzten Auftritte bleiben in bunter Erinnerung: das Fußballfest in Bordeaux, das wilde Spektakel samt heroischem Kampf gegen den großen FC Porto. „Das vergisst man als Spieler nie“, sagt Torwart Kevin Trapp. „Das sind Momente, von denen erzählst du dein Leben lang.“ Damals schloss die Eintracht die Gruppenphase als Erster ab, doch hat sie in diesem Jahr eine reelle Chance, überhaupt ins Sechzehntelfinale einzuziehen? Dazu müsst es schon ziemlich perfekt laufen.

Denn die Frankfurter haben zwar eine attraktive, aber verflixt schwere Gruppe erwischt. Der heutige Gegner Olympique Marseille und Lazio Rom sind fürwahr Schwergewichte, auch Apollon Limassol ist nicht zu unterschätzen, die Zyprer schalteten immerhin den FC Basel aus. Die Eintracht wird sich steigern müssen, um dort einen der ersten beiden Plätze zu ergattern, vielleicht muss sie darauf hoffen, ein wenig unterschätzt zu werden, und dass die anderen den Wettbewerb vielleicht nicht ganz so ernst nehmen. Das ist, natürlich, eine vage Hoffnung. Die Frankfurter werden vornehmlich zu Hause ihre Zähler holen und auswärts hier und dort mal ein Pünktchen klauen müssen. Die große Frage: Ist die Mannschaft qualitativ dazu überhaupt in der Lage? Der Stotterstart in die Saison nährt da einige Zweifel.

Die heutige Partie in Südfrankreich ist schon mal eine zwiespältige Angelegenheit. Damit ist nicht mal das per fragwürdiger Uefa-Kollektivstrafe herbeigeführte Geisterspiel oder das Stadtverbot für Eintracht-Fans gemeint. Das sind Nebengeräusche, die den Start in die Europa-Mission gewiss erschweren. Vielmehr ist es so, dass das Kräftemessen mit den Franzosen Chance und Risiko zugleich ist.

Die Eintracht hat die Gelegenheit, sich mit einem mutigen und couragierten Auftritt Respekt zu verschaffen und Achtung zu erarbeiten. Niemand erwartet gegen das mit etlichen Hochkarätern gespickte Olympique-Ensembles einen Sieg. Es geht eher darum, Flagge zu zeigen, sich zu wehren und die eigenen Farben würdig zu vertreten. Angsthasenfußball sollte man sich auf dieser Bühne besser nicht erlauben, er führt zumeist sowieso nicht zum Erfolg. Doch mit einer achtbaren Leistung könnten die Hessen zurück in die Spur finden, den gewiss nicht übermäßig gefüllten Tank an Selbstvertrauen ein bisschen anreichern.

Denn die Eintracht muss aufpassen, in den folgenden Englischen Wochen nicht in eine Negativspirale zu rutschen. Das kann ganz schnell gehen, weil die Gegner nicht von schlechten Eltern sind: Marseille, Leipzig, Gladbach, Hannover Rom, Hoffenheim – neutral betrachtet scheint da am ehesten gegen Hannover etwas drin zu sein. Doch mit jedem Misserfolg wächst eben auch der Druck, mit jeder Pleite geht der Kopf etwas weiter nach unten – da kann man in ein Fahrwasser geraten, das einen zielsicher in die falsche Richtung treibt. Zumal die Eintracht noch immer suchend wirkt, nach einer Leitlinie und der Grundidee fahndet. Wo will Trainer Adi Hütter mit seinem Team eigentlich hin? Das ganze Gebilde wirkt nicht stabil.

Da kann so ein gelungener und emotionaler Europapokalauftritt, ob mit oder ohne Zuschauer im Rücken, sehr wohl wie ein Brustlöser wirken, die Mannschaft enger aneinander binden und einen Entwicklungsprozess anschieben und beschleunigen. Und entwickeln, das ist so klar wie der Himmel über Marseille, wird sie sich müssen, die umgebaute Eintracht.

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