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Wenn keiner dran glaubt

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Jubel: Chen Yang, Jan-Aage Fjörtoft und Olaf Janßen (von links) nach dem Klassenerhalt.
Jubel: Chen Yang, Jan-Aage Fjörtoft und Olaf Janßen (von links) nach dem Klassenerhalt. © Christian Klein

Jan-Aage Fjörtoft hieß der Held beim finalen 5:1 über Kaiserslautern. Das Unmögliche wurde möglich gemacht.

„Wer ist denn diese blonde Frau?“, hatte Jan-Aage Fjörtoft gefragt, als er sich durch den ganzen Trubel auf die Haupttribüne gekämpft hatte, wo sich die Mannschaft der Frankfurter Eintracht für den völlig überraschenden Klassenerhalt direkt nach dem 5:1 über den 1. FC Kaiserslautern feiern ließ. „Das ist Frankfurts Oberbürgermeisterin“, raunte ihm jemand ins Ohr. „Da müssen wir tanzen“, beschloss der Torjäger aus Norwegen, schnappte sich Petra Roth, stieg mit ihr auf eine kleine Mauer und legte so eine Art Walzer hin.

Das war am 29. Mai 1999. Knapp 17 Jahre später sprudelt es noch immer so richtig aus dem inzwischen 49 Jahre alten Ex-Profi heraus, wenn er auf dieses Ereignis angesprochen wird. Kein Wunder, denn Fjörtoft war es gewesen, der mit einem Übersteiger in der 89. Minute das „Wunder vom Main“ geschaffen hatte: „Das war der geilste Moment meiner Karriere. Ich sehe noch immer die jubelnden Mitspieler, unseren Trainer Jörg Berger und die Zuschauer, die völlig aus dem Häuschen waren.“

Anfang Mai, nach dem 30. Spieltag, hätte niemand nur einen Pfifferling auf die Eintracht gesetzt. Platz 17, vier Punkte Rückstand auf Platz sechzehn, Spiele in Bremen und Schalke sowie gegen Dortmund und Kaiserslautern vor der Brust: Wie sollte da die Rettung noch gelingen?

„Schwere Gegner und unsere schwache Form: Wenn wir ehrlich sind, hat auch von den Spielern keiner mehr daran geglaubt“, gibt der ehemalige norwegische Nationalspieler zu. Doch dann drehte sich das Blatt: 2:1 an der Weser, 2:0 gegen die Borussia, 3:2 in Gelsenkirchen. Das war schon eine total verrückte Partie im alten Parkstadion: Nach einer Viertelstunde lag die Eintracht bereits 0:2 zurück, bekam überhaupt kein Bein auf den Boden. „Das war wohl unsere schlechteste Halbzeit in der gesamten Saison“, erinnert sich Fjörtoft, „ich war nur einmal am Ball, hatte Glück, dass dies zum Anschlusstreffer reichte.“

In der Kabine habe Jörg Berger wie immer ganz ruhig gesagt: „Jungs, bleibt ruhig, ihr schafft das.“ Und Thomas Sobotzik sowie Olaf Janßen drehten noch die Partie. Es war ein Spiel, das auch die Journalisten nicht kalt gelassen hatte. Nach dem Abpfiff meinte ein Redakteur der Frankfurter Rundschau: „Schön, aber es reicht trotzdem nicht.“ „Hundert Mark“, konterte ein Kollege der Frankfurter Neuen Presse in einem Anfall von Realitätsverlust. Als sich Fjörtoft eine Woche später Petra Roth „schnappte“, schnappte er sich einen „Hunni“.

„Es wäre doch toll, wenn die heutigen Eintracht-Profis im Jahr 2033 zurückschauen und ihren Kindern und Freunden vom erfolgreichen Drama im Jahr 2016 erzählen könnten“, macht Fjörtoft seinen Nachfolgern Mut. Die Ausgangslage ist ähnlich. Auch derzeit liegt die Eintracht auf Rang 17, vier Zähler hinter Bremen. Die Spiele gegen Mainz und Dortmund sowie in Darmstadt und Bremen sind auch kein wirkliches Wunschprogramm.

Für Fjörtoft ist das alles kein Grund zur Verzweiflung. Eine solche missliche Lage sei nicht nur Druck, sondern auch Chance: „Man weiß, man kann den Verein retten. 50 000 kommen ins Stadion, drücken der Eintracht die Daumen, das ist eine Verpflichtung für jeden Spieler.“ Dies dürfe nicht zu Nervosität führen, „sondern muss eine Freude sein“, sagt der Sky-Experte und gibt zu: „Klar ist das nicht leicht.“ Spieler und Trainer müssten Tag für Tag „alles geben“, dürfen nicht verkrampfen. Und die Derbys gegen Mainz sowie Darmstadt geben noch einmal einen besonderen Kick.

Fjörtoft wird nicht nur die Fans und seinen Tanz mit der OB nie vergessen. Auch die Nachbarn in Königstein nicht, die vom Parkplatz zum Haus eine Girlande aus Eintracht-Schals gebastelt hatten. „Das alles hat uns so gut gefallen, dass wir in der kommenden Saison gleich noch einmal gegen den Abstieg gespielt haben“, grinst er.

Im Mai 2000 war die Spannung zwar nicht mehr ganz so groß, „aber die ganze Saison war wie eine Achterbahnfahrt.“ In der Vorrunde kam die Eintracht auf lächerliche elf Punkte, um am Ende mit 39 Zählern noch auf Rang 14 zu landen. Unmögliches gibt es im Fußball doch manchmal.

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