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Und wieder ein Neuer: Tomislav Stipic (rechts) ist der dritte U19-Trainer bei Eintracht Frankfurt binnen eines Jahres. Den fünften Platz peilt Armin Kraaz, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, auch diesmal an mit den A-Junioren.

NLZ-Leiter Kraaz

"Wir brauchen viel mehr Internatsplätze"

Eintracht Frankfurt und Armin Kraaz, dies gehört irgendwie zusammen. Von einer achtjährigen Unterbrechung abgesehen – er war in Diensten der damals ambitionierten SG Rot-Weiss – ist der gebürtige Frankfurter seit 1980 für die SGE aktiv. Ob als Spieler im Nachwuchsbereich oder in der Bundesliga-Mannschaft, als Trainer oder Sportlicher Leiter oder seit 2010 als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Über die Entwicklung und Bedeutung des NLZ, Sorgen der U19 und die Trainerfindung für das wichtigste Nachwuchsteam unterhielt sich FNP-Mitarbeiter Stefan Fritschi mit dem 53-Jährigen.

Herr Kraaz, welches Eintracht-Ereignis hat Sie in der jüngeren Clubhistorie am meisten bewegt. Der Klassenerhalt 1999, der Aufstieg 2003, der DFB-Pokalsieg gegen die Bayern oder der Klassenerhalt mit den A-Junioren in dieser Saison?

ARMIN KRAAZ: Am emotionalsten waren die Ereignisse in diesem Jahr. Der Jugendfußball ist eine regionale Geschichte und liegt in meiner unmittelbaren Verantwortung, die beiden letzten Spiele der U19 gegen Unterhaching und in Heidenheim waren unfassbar spannend. Und dann die Wucht des Pokalendspiels in Berlin mit den Erlebnissen vor dem Spiel am Breitscheidplatz und danach in der Bembelbar mit unseren Fans bis morgens um 4 Uhr, das war schon gigantisch. Aber beides ist schwer zu vergleichen.

In der schwäbischen Ostalb brachte wie seinerzeit gegen Kaiserslautern und Reutlingen ein Treffer in der Nachspielzeit ein Happy End. Trotzdem: Ist es nicht deprimierend für Sie als NLZ-Leiter, dass es mit Ach und Krach zum Klassenerhalt für die U19 reichte, zumal sieben der 14 Teams der Bundesliga Süd/Südwest von Zweit- oder Drittligisten am Start waren?

KRAAZ: Deprimierend ist das falsche Wort. Wir sind aber im NLZ sehr enttäuscht von dieser Saison. Unser Ziel war der fünfte Platz.

Welche Gründe waren für den Misserfolg ausschlaggebend?

KRAAZ: Die Anzahl der Verletzten war der Hauptgrund. Patrice Kabuya und Nelson Mandela Mbouhom hatten Kreuzbandrisse und konnten wie Nick Förster kaum spielen; auch Saverdi Cetin und Deji Beyreuther fielen wie Miguel Lopez-Blanco mehrere Monate aus, in dieser Häufung an Qualitätsspielern hatten wir das noch nicht. Dazu kamen Undiszipliniertheiten gegenüber Schiedsrichtern, deshalb wurden Justin Kabuya und Renat Dadashov für jeweils vier Spiele gesperrt. Und Dadashov mussten wir letztlich suspendieren, nachdem er einen seiner Mitspieler attackiert hatte.

Sind Sie erleichtert darüber, dass Dadashov nun im fernen Estoril in der zweiten portugiesischen Liga kickt?

KRAAZ: Renat ist ein hoch begabter Spieler, es wäre mir lieber, wenn er in Frankfurt seinen Weg gehen würde. Ich hoffe, dass er die Kurve bekommt, er muss sich auf den Sport konzentrieren.

Dadashov war auch Bestandteil des Bundesliga-Kaders und spielte unter Niko Kovac keine Minute. Dies gilt auch für Mandela, Beyreuther, Noel Knothe und Torwart Leon Bätge, der nun zum Drittligisten Würzburger Kickers wechselt. Ist der eigene Nachwuchs nur dazu da, um DFL-Regularien zu erfüllen?

KRAAZ: Das sind alles A-Juniorenspieler, da kann man nicht erwarten, dass sie gleich in der Bundesliga spielen, das kommt wirklich selten vor. Nach der kommenden Saison kann man mehr dazu sagen, für die U19 können sie jetzt nicht mehr ran und müssen sich unter dem neuen Trainer Hütter beweisen.

Es ist offensichtlich, dass die einst gelobten Eigengewächse Marc Stendera und Aymen Barkok sich nicht weiterentwickeln. 2017/18 kamen beide nicht über die Rolle des Lückenfüllers hinaus. Woran liegt es?

KRAAZ: Das kann ich nicht beantworten. Niko Kovac ist jedenfalls hart und gerecht. Die Konkurrenz im Mittelfeld war aber auch sehr groß. Marc hat jedenfalls schon nachgewiesen, dass er sich in der Bundesliga etablieren kann. Er ist erst 22 und hat trotz Kreuzbandrissen schon viele Bundesliga-Spiele gemacht, und auch Aymen hat sein Potenzial schon gezeigt.

In der kommenden Spielzeit gibt es wieder einen neuen U19-Trainer nach Frank Leicht und Alexander Schur in dieser Saison. Die Verpflichtung von Tomislav Stipic haben AG-Vorstandsmitglied Fredi Bobic und der neue Technische Direktor Marco Pezzaiuoli offensichtlich forciert. Fühlen Sie sich als NLZ-Leiter in ihren Kompetenzen beschnitten?

KRAAZ: Überhaupt nicht. Die AG als auch das NLZ haben Kandidaten ins Gespräch gebracht. Am Ende blieben zwei von ihnen übrig, mit denen Marco und ich gesprochen haben, es war eine gemeinsame Entscheidung pro Stipic.

Wie klappt die Zusammenarbeit mit Pezzaiouli? Den ehemaligen Hoffenheimer hatte der AG-Vorstand zu Jahresbeginn quasi als Bindeglied zwischen Profi- und Junioren-Sektion installiert.

KRAAZ: Es klappt gut. Marco kümmert sich um die sportlichen Belange mit dem Schwerpunkt Übergangsbereich, ich mich um die Dinge darum herum. Die Anforderungen sind inzwischen so groß geworden. Im NLZ haben wir 18 Angestellte, dazu etwa 50 nebenberuflich Tätige und noch Honorarkräfte. 2010, als ich Leiter des NLZ wurde, waren es halb so viele. Trotz des Wachstums befinden wir uns im letzten Drittel der Bundesliga. Lauf DFL-Report 2016/17 gaben die 18 Bundesligisten 120 Millionen Euro für ihre Nachwuchsleistungszentren aus. Das macht im Durchschnitt 6,67 Millionen – davon sind wir aber meilenweit entfernt.

Das überrascht. Die Eintracht steht finanziell so gut da wie nie zuvor. Weshalb macht sich dies nicht entsprechend im NLZ bemerkbar?

KRAAZ: Es macht sich schon bemerkbar, wir haben ja personell zugelegt. Wir müssen den wichtigen Übergangsbereich stärken und dort sowohl in das spielende als auch betreuende Personal investieren. Gleichzeitig wird der Grundlagen- und Aufbaubereich immer bedeutsamer. Wir waren auch an zwei Spielern aus dem Ausland dran, sie für die U19 zu verpflichten. Doch der eine ging zu einem Club aus der englischen Premier League, der andere zu einem Bundesligisten.

Wer hat der Eintracht einen Strich durch die Rechnung gemacht?

KRAAZ: Die Entwicklung hat sich in den vergangenen zwei Jahren verschärft. Die Bayern kaufen seitdem in Deutschland und ganz Europa ein, da können wir nicht mithalten. Auch nicht mit Hoffenheim, dem VfB Stuttgart und Mainz aus unserer Region. Deshalb ist es derzeit in der U19-Bundesliga Süd/Südwest schwierig, mehr als durchschnittlich den fünften Platz, den wir mit der U15 und der U17 ja auch immer belegen, zu erreichen. Aber vielleicht können wir den VfB und die Mainzer ja angreifen und überholen. Es geht indes nicht in erster Linie um die Platzierung: Entscheidend ist, ob wir auch in der Zukunft in der Lage sind Talente zu entwickeln und bei den Profis anzubieten.

Die Arbeit und Ausstattung des NLZ am Riederwald wird von einer Agentur regelmäßig mit drei Sternen, also mit der höchst möglichen Bewertung, ausgezeichnet. Sehen Sie trotzdem noch Verbesserungsmöglichkeiten?

KRAAZ: Um nicht abgehängt zu werden von den führenden Clubs, brauchen wir mehr Trainingsfläche und mehr Plätze für unser Internat, mit 13 Plätzen ist es einfach zu klein. In Leipzig und München haben sie 50 respektive 70 Plätze, die Mainzer können in ihrem Kolpinghaus über 30 Talente unterbringen, selbst Heidenheim hat 33 Internatsplätze. Eltern haben längst kein Problem mehr damit, ihre Kinder im Alter von 13, 14 oder 15 ins Internat eines Bundesligisten zu bringen, weil es eben leistungsorientiert ist. Weil wir ein kleines Internat haben, verlieren wir Spieler aus unserem Umfeld – auch wenn wir eine gute Einwohnerstruktur in Frankfurt haben. Kurzfristig können wir eventuell die ein oder andere Gastfamilie gewinnen, mittelfristig werden wir um zusätzliche Internatsplätze nicht herumkommen.

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