+
Alles fest im Blick: Wolfgang Steubing, Aufsichtsratschef der Eintracht-Fußball-AG

Eintracht Frankfurt

Wolfgang Steubing:„Wohlbefinden gibt es nicht“

Wolfgang Steubing ist seit Juni 2015 Aufsichtsratsvorsitzender der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Im Trainingslager in Spanien hat der „Börsen-Guru“ mit unserem Mitarbeiter Peppi Schmitt über seine Arbeitsbelastung, anstehende Projekte und die künftige finanzielle Ausstattung des Clubs gesprochen.

Sie sind seit bald drei Jahren Vorsitzender des Aufsichtsrates (AR) der Eintracht. Was hat sich in Ihrem täglichen Leben geändert? Wie zeitintensiv ist diese Aufgabe?

WOLFGANG STEUBING (lacht): Alles hat sich geändert. Als ich in den AR eingetreten bin, hat mich Peter Fischer damit gelockt, dass es um vier Sitzungen im Jahr geht. Da mein Herz an hängt, dachte ich, dass kannst du dir antun. Als der frühere Vorsitzende Wilhelm Bender nicht mehr nominiert wurde, war es fast eine Automatik, dass es auf mich zugelaufen ist, dabei habe ich nicht die Hand gestreckt und mich gemeldet. In den letzten zweieinhalb Jahren ist unheimlich viel passiert, was den Arbeitsaufwand erhöht hat. In 2017 hat es vierzehn AR-Sitzungen gegeben. Noch mal dieselbe Zeit brauche ich, um die Sitzungen vorzubereiten. Dazu war ich in fast jeder Sitzung des Finanz- und Prüfungsausschusses und des Marketing-Ausschusses. Fast täglich gibt es Gespräche mit Peter Fischer oder Axel Hellmann und anderen. Das alles hat meine Freizeitplanung umgeschmissen. Ich bin jetzt 68 und Rentner. Aber in Wirklichkeit bin ich keiner.

Wie informieren Sie sich im Tagesgeschäft über die Eintracht?

STEUBING: Ich lese den Pressespiegel und viele Tageszeitungen.

Hand aufs Herz: Was lesen Sie in den Zeitungen morgens zuerst, die Börsenkurse oder die Sportseiten?

STEUBING: Den Sportteil. Ich lese alles, so wie es im Pressespiegel aufgemacht ist. Wenn ich Artikel besonders interessant finde, hole ich sie mir aus der Zeitung heraus.

Ist das Wohlbefinden des AR von den Ergebnissen abhängig? Schlafen Sie schlechter?

STEUBING: Wohlbefinden gibt es nicht bei der Eintracht, das schließe ich mal aus. Ich bin 55 Jahre Fan von diesem Verein, auch ohne Funktion war ich immer sehr empathisch bei Ergebnissen oder Entwicklungen. Jetzt spüre ich, ich bin Teil des Systems, muss Verantwortung übernehmen für ganz wesentliche Entscheidungen. Ich habe sicher schon ruhiger geschlafen. Als ich es übernommen habe und wir Relegation gespielt haben, war ich zum ersten Mal krank. Ich hab dann mit Heribert Bruchhagen und anderen gesprochen und sie gefragt: Wollt ihr mich ruinieren?

Haben Sie einen Berater oder eine Person, die Sie in schwierigen Situationen fragen. Vielleicht Ihre Lebensgefährtin?

STEUBING: Meine Lebensgefährtin ist Fan, die kann ich nicht fragen. Ich habe aber etliche, die sich im Fußball auskennen, da kann ich mich ans Telefon hängen und fragen, wie siehst du es. Einen Berater habe ich nicht. Ich habe selbst über tausend Spiele gesehen und kann ein bisschen beurteilen, was da auf dem Rasen passiert.

Muss man AR-Vorsitzender „lernen“? Es ist ja durchaus etwas anderes als ein Unternehmen zu führen.

STEUBING: Nein, das kann man nicht lernen. Das ist ein automatischer Prozess. Das muss man sich erarbeiten. Die Akzeptanz kommt mit guten Entscheidungen und guten Ratschlägen für Entscheidungen. Der Unterschied zu einem Unternehmen liegt auf der Hand. Bei der „Steubing AG“ steht man zweimal im Jahr in der Börsenzeitung oder ,F.A.Z.‘, bei der Eintracht steht man täglich im Fokus der Medien.

Die sportliche Leitung fordert mehr Geld. Eine neue Geschäftsstelle soll gebaut werden. Mit der Stadt wird über einen Ausbau der Arena verhandelt, auch über neue Mietkonditionen, vielleicht sogar über einen Kauf. Besteht bei all den Aufgaben nicht die Gefahr, dass sich die Eintracht übernimmt oder verzettelt?

STEUBING: Zur Aufgabenstellung, die wir mit dem Bau der Geschäftsstelle und dem Ausbau des Stadions erarbeitet haben, kommt hinzu, dass der Mietvertrag mit der Arena 2020 ausläuft. Alles zusammen sind das mächtige Projekte. Daher kommt auch die enorme Arbeitsbelastung, die einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Ich muss sagen, wir haben einen sehr, sehr fleißigen Vorstand. Axel Hellmann ist der Kopf von allem, Oliver Frankenbach muss alles in ein Finanzkonzept einbinden. Über Fredi Bobic brauchen wir nicht zu reden, das ist die sportliche Abteilung. Hut ab vor diesen Leuten. Ich bin sehr stolz auf unseren Vorstand.

Noch mal: Wird es nicht zu viel auf einmal?

STEUBING: Wir haben im Moment eine andere Zinssituation, die Belastung ist nicht so hoch wie früher. Wir gehen da klar konzeptionell vor, deshalb haben wir ja auch eine Kapitalaufstockung in der Pipeline. Da hängen wir aber im Prinzip an der Schnur des Finanzamtes. Wir haben Vertragsabschlüsse getätigt, die uns in eine bessere Situation gebracht haben, mit der Deutschen Börse oder der Deutschen Bank. Bei den Fragen an die Stadt müssen wir warten bis nach der Oberbürgermeister-Wahl. Vorher kriegen wir da sicher keine Antworten. Dass die Arena erneuert und renoviert werden muss auch im Hinblick auf die EM 2024 ist klar. Wir wollen uns wie auch immer daran beteiligen. So könnten wir, das hat Hellmann ja vorgeschlagen, den Teil der Digitalisierung wie den Würfel oder die Banden oder das WLAN usw. übernehmen, während die Stadt in die Steine investiert. So etwas kann ich mir durchaus vorstellen. Ich glaube, da muss man gar nicht so viel Geld in die Hand nehmen, weil eventuell auch große Unternehmen sich für den digitalen Ausbau interessieren. Wir werden jedenfalls keine Schulden ohne Ende machen.

Es wird schon ziemlich lange über externe Geldzuflüsse gesprochen. Es wird immer eine Summe von zehn bis fünfzehn Millionen Euro genannt. Das sind im Vergleich zu den vielen anderen noch immer „Peanuts“. Wie deprimierend oder demotivierend ist das?

STEUBING: Leider oder Gott sei Dank haben wir keine Scheichs in unseren Reihen. Mit 15 Millionen können wir sicher keinen Neymar ansprechen, aber vielleicht den einen oder anderen Transfer mal möglich machen, den wir vorher nicht stemmen könnten. Wir sind nicht Bayern. Ich habe mich mit Uli Hoeneß unterhalten, der sagt: Sie müssen vielleicht mal auf 50 oder 70 Millionen bei einem Transfer gehen. Das ist ein Zweijahresetat von uns. Die Schere geht weit auseinander, aber wir wollen sie etwas verkleinern.

Gibt es eigentlich einen Austausch mit anderen Vereinen auf AR-Ebene über wichtige allgemeine Themen?

STEUBING: Mein Vorbild sind die Bayern und deshalb bin ich froh, dass Uli Hoeneß sehr offen mit mir spricht. Da kann man nur lernen. Jetzt kommt hinzu, dass ich mit Armin Veh einen Gesprächspartner beim 1. FC Köln habe. Auch mit Freiburgs Präsident Fritz Keller rede ich, nicht nur über Wein, sondern auch über Fußball. Sonst bin zu jung in dem Geschäft, um Verbindungen geknüpft zu haben. Peter Fischer aber hat einen guten Draht zu Hans-Joachim Watzke. Natürlich diskutieren wir auch das ,50 plus 1‘. Da ist klar, dass wir an dem Thema festhalten. Der Verein bleibt Mehrheitsaktionär, an einen Verkauf von Aktien ist nicht gedacht. Die sich bewegen müssen, sind die Freunde der Eintracht, die ein paar Aktien abgeben sollen für die Kapitalmaßnahmen, die wir vorhaben. Das halte ich auch für nötig. Und die sehen das auch ein.

Wie oft ärgern Sie sich über die Berichterstattung von der Eintracht?

STEUBING: Vollkommen klar, dass man sich freut, wenn positiv berichtet wird. Es gibt auch mal Punkte, da sage ich, muss das sein. Aber wir haben ja auch Augen im Kopf und sehen, wenn wir nicht gut spielen. Ich muss dann rausgehen, meinen Ärger ertränken, ihr könnt es schreiben.

Musste der AR unter Ihrem Vorsitz schon einmal ins Tagesgeschäft eingreifen?

STEUBING: Es ist alles wohl vorbereitet. Die Zusammenarbeit läuft optimal. Fredi Bobic hat einen sehr engen Draht zu Oliver Frankenbach und klopft die Finanzen ab. Auch der Finanz- und Prüfungsausschuss, den Philip Holzer führt, ist vorher involviert. Rein finanziell mussten wir im Prinzip noch nie in Diskussionen einsteigen. Und die Beurteilung der Qualität der Spieler überlassen wir dem Fredi und der sportlichen Leitung.

Sportvorstand Bobic hat von „Leitplanken“ für die Spieler gesprochen. Gibt es auch Leitplanken für den gesamten Verein, Leitlinien, eine Vision oder eine Idee für das Große und Ganze?

STEUBING: Leitplanken für Spieler sind Disziplin, Ordnung, Fitness, Profitum leben. Als Verein wollen wir Fairness leben, ein sympathisches Miteinander, Toleranz, Antisemitismus und uns auch gegen Rassismus stellen. Das sollen unsere Inhalte sein. Das versuchen wir tagtäglich zu leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare