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Eintracht Frankfurt

Jan Zimmermann: "Man ist immer auf dem Sprung"

  • VonRoland Stipp
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Er kam mit neun Jahren zur Eintracht, spielte später in der Zweiten Mannschaft in der Regionalliga und fünf Mal in der Bundesliga mit dem Adler auf der Brust. Dann stand er bei Darmstadt 98, dem FC Heidenheim und 1860 München im Tor, ehe er im vergangenen Sommer nach Frankfurt zurückkehrte. Mittlerweile ist der gebürtige Offenbacher 32 Jahre alt und damit einer der Routiniers im Team von Trainer Niko Kovac.

Hallo Jan, wie haben Sie das Spiel in Dortmund erlebt?

Als sehr aufregend und natürlich am Schluss auch als sehr enttäuschend. Mit der ersten Halbzeit können wir nicht zufrieden sein, auch wenn wir in Dortmund gespielt haben und beim Gegner sehr viel Qualität auf dem Platz stand. Dann haben wir uns gesteigert und gezeigt, dass wir mithalten können, haben zweimal den Ausgleich geschafft, aber am Ende standen wir doch mit leeren Händen da. Klar, dass wir mit hängenden Köpfen nach Hause gefahren sind.

Der Trainer hat spontan gesagt, nach dem Ausgleich in der Nachspielzeit hätte man cleverer sein müssen...

Es wäre vielleicht interessant einen Psychologen zu fragen, was das mit uns angestellt haben könnte und mit den Dortmundern. Wir waren in einem Hoch, machen den Ausgleich und die machen trotzdem weiter und gewinnen noch. Schade für uns, aber so etwas macht den Fußball ja auch zu dem, was er ist.

Bisher hat die Mannschaft kleinere Rückschläge ja gut weggesteckt. Das wird so bleiben oder?

Absolut. Das war ja sogar im Spiel in Dortmund so, wo 80.000 gegen uns waren und wir immer wieder aufgestanden sind. Genau so war das auch immer, wenn wir mal ein Spiel verloren haben. Und diesmal kann man ja sagen, dass die Leistung im Großen und Ganzen gestimmt hat und das nicht vergleichbar ist mit Stuttgart oder Augsburg. Wir stecken nie den Kopf in den Sand, haben immer eine Gegenreaktion gezeigt und die Fehler genutzt, um daraus zu lernen.

Kann man inzwischen etwas verlieren, wenn es um die Europapokal-Plätze geht? Oder sagen wir es konkret: Um die Champions-League?

Für das Umfeld und die Fans gilt: Träumen ist erlaubt, Ziele darf man haben, Wünsche sind in Ordnung. Die Mannschaft ist und bleibt geerdet. Wir wissen, dass wir den Klassenerhalt sicher haben. Das ist bei unserer Ausgangslage eine richtig komfortable Situation. Jetzt haben wir nichts mehr zu verlieren, sondern können etwas gewinnen. Das haben wir uns erarbeitet. Und dem wenden wir uns in aller Demut zu, ohne durchzudrehen.

Mit solchen in – Anführungszeichen – „Problemen“ konnten Sie wohl kaum rechen als Sie zur Eintracht zurückgekehrt sind?

Das stimmt. Es ist ein Kompliment an uns alle, dass in Frankfurt überhaupt von der Europapokal-Teilnahme geträumt werden kann. Ein Kompliment an das Trainerteam, die Mannschaft, die Betreuer und alle anderen, die daran mitarbeiten. Keiner kann sich hier beschweren, wie es läuft.

Haben Sie im Sommer eigentlich ernsthaft damit gerechnet, eine Chance auf den Platz im Tor zu haben?

Ich bin Leistungssportler – also ja. Ich wusste vorher um die guten Leistungen von Lukas (Hradecky, Anm. d. Red.), aber das heißt ja nicht, dass man jemals die Segel streicht und sich von Anfang an mit der Rolle als Nummer zwei zufrieden gibt. Jetzt habe ich Lukas gut kennen gelernt und arbeite gerne mit ihm zusammen. Und ich muss objektiv anerkennen, dass er eine gute Saison spielt. Also akzeptiere ich meine Rolle. Umgekehrt würde ich mir von einer Nummer zwei ja auch alle Loyalität und Unterstützung erhoffen.

Und wie sieht das aus, wenn Hradecky geht?

Dann würde der Verein sich um einen Torwartkollegen für mich bemühen und wir würden sehen, wer sich durchsetzt. Der Trainer hat schon oft genug bewiesen, dass für ihn der Leistungsgedanke zählt.

Wie hält man die Spannung hoch, wenn man nur im Training Fußball spielt? Und das unter Umständen über Jahre?

Man ist immer auf dem Sprung, immer grundsätzlich bereit. Das ist der Job. Man bereitet sich zum Beispiel genauso vor wie der Kollege, hat die gleiche Videoanalyse und die gleiche Einstellung auf das Spiel. Es kann schließlich jeden Moment sein, dass man dran ist. Und wenn man nicht gespielt hat, hat man am nächsten Tag eine Trainingseinheit mehr, die man wieder nutzen kann, um an sich zu arbeiten und sich zu verbessern. Diesen Ehrgeiz habe ich, das treibt mich an.

In Dortmund wäre einer fast zum Helden geworden, der ewig gar keine Rolle gespielt hat. Schon Danny Blums Nominierung für den Kader war eine Überraschung. Freut man sich für einen Reservisten-Kollegen besonders?

Grundsätzlich freut man sich natürlich für jeden Mitspieler und für die ganze Mannschaft. Das ist bei uns wirklich so. Aber klar, wenn einer diese Selbstdisziplin hat, diese Eigeninitiative an den Tag legt, um immer dran zu bleiben, um im Fall der Fälle bereit zu sein, dann gönnt man dem das besonders.

Bei Ihnen wurde 2015 ein Hirntumor entfernt. Das hat Ihr Leben sicher verändert?

Absolut. Die Werte und der Blick auf’s Leben sind deutlich konkreter geworden.

So gesehen sind Probleme, die mit Fußball zusammenhängen, natürlich Lappalien. Teilen Sie die Aufgeregtheit denn noch, die es um die Bundesliga und den Profifußball allgemein gibt?

Ach, das muss man gar nicht vergleichen, finde ich. Klar, wenn einer sich aufregt als ginge es um Leben oder Tod, ist das total übertrieben. Aber wenn es um Sport geht, ist das doch auch eine Sache, die viele Leute glücklich macht – oder eben traurig. Fußball ist für mich immer noch das Schönste auf der Welt. Der Unterschied ist, dass ich mich jetzt sogar über die härteste Trainingseinheit freue, einfach weil ich sie noch machen kann.

Wie sieht ihr Plan für die Zukunft aus?

Als Fußballer hat man natürlich den Nachteil, dass man kein jahrelanges Studium an der Uni hinlegen kann oder eine Ausbildung macht. Ich versuche das mit einem Fernstudium in Management einigermaßen zu kompensieren. Nicht Sport-Management wohlgemerkt, weil da möchte ich mich nicht zu sehr spezialisieren. Und im Profisport kenne ich mich ja schon ganz gut aus.

Was glauben Sie, wie die Saison für die Eintracht ausgeht?

Auf jeden Fall gut. Wir werden nichts mit dem Abstieg zu tun haben, haben uns enorm verbessert und viel Spaß gehabt. Und was das Allerwichtigste ist: Wir können am Ende alle erhobenen Hauptes in den Spiegel gucken.

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