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Jan Zimmermann trifft beim Pokalspiel in Heidenheim seinen Retter wieder

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Von: Peppi Schmitt

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Eintracht-Torhüter Jan Zimmermann stand zwei Jahre lang in Heidenheim im Kasten. Und erlebte dort die schwerste Zeit seines Lebens. Diagnose: Gehirntumor.

Wenn einer weiß, was die Frankfurter Eintracht am Mittwoch (20.45 Uhr) beim Pokalspiel in Heidenheim erwartet, dann ist er es. Jan Zimmermann hat von 2014 bis 2016 bei den Heidenheimern im Tor gestanden, 56 Spiele für den 1. FC bestritten. Seit Beginn dieser Saison steht der Torwart wie schon von 2005 bis 2010 wieder bei der Eintracht unter Vertrag. „Uns erwartet ein extrem enges Stadion und eine aufgeheizte Atmosphäre“, warnt der 32 Jahre alte Zimmermann, „es wird ganz sicher ein heißer Tanz.“ Und dies bei eisigen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Für die Ostalb ist Schneefall und leichter Frost angesagt.

„In Heidenheim ist es immer sechs bis acht Grad kälter als hier“, erzählt Zimmermann, „wenn hier im Rhein-Main-Gebiet schon alles grün ist, ist es auf der Alb noch alles weiß.“ Die Voith-Arena auf dem Schlossberg in Heidenheim (Fassungsvermögen 15 000 Zuschauer) ist das am höchsten gelegene Stadion in Deutschland. Eigentlich kein guter Ort, um im Winter Fußball zu spielen.

Jan Zimmermann hat sich nach seinem Wechsel vom SV Darmstadt 98, für den er 128 Spiele absolviert hat, erst einmal an die besonderen Bedingungen in Heidenheim gewöhnen müssen. Trainiert wird dort über viele Monate auf einem beheizten Kunstrasen. „Andere Trainingsmöglichkeiten gibt es im Winter gar nicht“, erinnert er. Schnell haben alle Fußballprofis in Heidenheim gelernt, dass es für das Leistungsniveau am förderlichsten ist, „wenn man die Bedingungen annimmt und das Beste draus macht.“

Vielleicht liegt es auch an den Trainingsmöglichkeiten, dass in Heidenheim mehr Fußball gearbeitet als gespielt wird. Der Gegner komme „über die Mentalität“, sagt der ehemalige Heidenheimer Torwart, das habe sich in den letzten Jahren nicht geändert. „Der Fußball wird dort intensiv gelebt, auch die Zuschauer bringen viele Emotionen von außen auf den Platz.“

„Ein positiv Verrückter“

Dazu passt auch der Trainer. Frank Schmidt (43) ist seit 2007 im Amt. „Er ist ein paar hundert Meter entfernt vom Stadion groß geworden“, sagt Zimmermann, „Frank Schmidt ist Heidenheim.“ Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden Holger Sanwald, der als die treibende Kraft beim Aufstieg von der Landesliga bis in die Zweite Liga gilt, habe er den Verein aufgebaut. Einen Vergleich zu seinem Trainer bei der Eintracht, Niko Kovac, möchte Zimmermann nicht ziehen, eine Charakterisierung seines ehemaligen Trainers aber durchaus vornehmen.

Schmidt sei ein „positiv Verrückter“, der Tag und Nacht Fußball denke und lebe. Er sei ein Fußballlehrer, der die Leistung über „Leidenschaft und Bereitschaft“ definiere. Gerade bei der Spielvorbereitung würden sich Vorstellungen von Schmidt und Kovac decken. „Frank Schmidt ist ein sehr akribischer Trainer, der sich genau auf den Gegner vorbereitet“, sagt Jan Zimmermann, „die haben uns genau analysiert und wissen bis ins Detail Bescheid.“

Mit Heidenheim verbindet Jan Zimmermann die schwerste Zeit seines Lebens. Am 8. November 2014 war er beim Heimspiel gegen den FC St.Pauli mit Ante Budimir zusammengeprallt und benommen liegen geblieben. Erste Diagnose: Gehirnerschütterung, Schleudertrauma. Doch der Heidenheimer Mannschaftsarzt Dr. Matthias Frei drängte auf eine weitere MRT-Untersuchung. Und das war Zimmermanns Glück. Denn festgestellt wurde ein Gehirntumor. „Der Doc hatte so ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt, deshalb hat er insistiert“, erinnert sich Zimmermann, „im Grunde hat er mich gerettet.“ Denn durch die Früherkennung war der wie sich später herausstellte gutartige Tumor operabel. Die Operation dauerte sieben Stunden, der Tumor konnte komplett entfernt werden. Schon am 1. März 2015 stand Zimmermann beim Auswärtsspiel in Düsseldorf wieder im Tor. „Ich bin Doktor Frei unendlich dankbar“, sagt er. Am Mittwoch wird er ihn treffen beim Spiel und sicher herzlich umarmen.

Ein neues Leben

Die damalige Diagnose Gehirntumor hat Zimmermanns Einstellung zum Leben komplett verändert. Er führt heute ein anderes Leben. Was das genau bedeutet? Zimmermann: „Darüber könnten wir vier Stunden reden, und ich wäre immer noch nicht fertig. Kurz gefasst: Das Bewusstsein zum Leben hat sich dramatisch verändert. Ich bin dankbar für jede Kleinigkeit.“ Wenn die Kollegen nach den ersten harten Tagen der Vorbereitung erschöpft stöhnen, „beklage ich mich nicht, sondern bin einfach glücklich, dass ich das machen kann“.

Ängste hat er keine mehr. Weder bei der Ausübung seines Sports noch im alltäglichen Leben. Kopfschmerzen? „Das sind halt einfach Kopfschmerzen wie bei jedem anderen auch“, sagt er, „ich bin gesund.“ Die Ärzte haben ihm gesagt, der Tumor würde nicht zurückkehren. Nur ein einziges Mal habe er sich gefürchtet, bei der ersten Spielersitzung nach der Operation. Da wurde ein Video vom Gegner gezeigt. Das Bild war für ihn nicht klar und scharf zu erkennen. „Ich war irritiert, besorgt“, erinnert er, „ich habe einen meiner Kollegen gefragt, ob das Fernsehbild verschwommen ist oder ob ich verschwommen sehe.“ Es war das TV-Bild. Seitdem macht sich Jan Zimmermann über die überstandene Krankheit keine Gedanken mehr. Aber dafür mehr über das Leben.

Auch über das sportliche. Natürlich würde er gerne seinen fünf Bundesligaspielen, die er als Vertreter der ehemaligen Torhüter Markus Pröll und Oka Nikolov absolviert und übrigens alle verloren hat, einige hinzufügen. „Aber ich habe auch so meinen Anteil an unserer erfolgreichen Saison“, sagt er. So viel Selbstvertrauen hat er. Das Verhältnis zum übermächtigen Kollegen Lukas Hradecky sei ein besonders herzliches. Was dem Selbstverständnis von Zimmermann entspricht. „Nur in einem guten Klima können gute Leistungen entstehen“, glaubt er. Dass der eine oder andere Bundesligatrainer im Pokal den „zweiten Mann“ ins Tor stellt, Niko Kovac aber nicht, akzeptiert er. „Da denke ich nicht zu egoistisch“, sagt er, „der Trainer versucht in jedem Spiel die bestmögliche Mannschaft aufzustellen, das ist absolut in Ordnung für mich.“ Und so wird er in seiner alten sportlichen Heimat am Mittwochabend auch auf der kalten Bank Platz nehmen.

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