n 150 Postkarten wird im Museum des Kultur- und Geschichtsvereins Seckbach die Geschichte des Stadtteils erzählt. Walter Sauer, der Ideengeber der Ausstellung, zeigt eines seiner liebsten Fundstücke: eine Darstellung des früheren Dorfes als dickes Kind. FOTO: Enrico Sauda
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n 150 Postkarten wird im Museum des Kultur- und Geschichtsvereins Seckbach die Geschichte des Stadtteils erzählt. Walter Sauer, der Ideengeber der Ausstellung, zeigt eines seiner liebsten Fundstücke: eine Darstellung des früheren Dorfes als dickes Kind.

Frankfurt im Briefkasten

140 Jahre Geschichte in 20 Minuten

  • VonKatja Sturm
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Kulturverein Seckbach öffnet sein Museum mit Führungen durch Postkarten-Ausstellung

Seckbach war das dickste Baby. Damals, im Jahr 1900, als die Stadt Frankfurt auf einen Schlag drei Dörfer eingemeindet hat. Vom eigenen Obst gut genährt, ruht das Pummelchen auf einer Scherzpostkarte in der Mitte, unter des noch ungekrönten Wappenadlers Schwingen. Rechts und links davon liegen Ober- und Niederrad, die beiden anderen, sichtlich schlankeren Drillinge.

Viel Humor verschickt

Derartige lustige Abbildungen, die in dem Fall den unterschiedlichen Reichtum der neuen Stadtteile widerspiegeln, wurden einst gerne verschickt. Als noch nicht jeder ein Telefon hatte und von etwas wie Internet keiner zu träumen wagte. Auch Feld-, Urlaubs- und Werbepostkarten finden sich in der Ausstellung, die der Kultur- und Geschichtsverein Seckbach an diesem Sonntag, 12. September, um 14 Uhr in seinem Museum eröffnen wird.

Zum ersten Mal nach mehr als einem Jahr pandemiebedingter Pause werden die Türen des ehemaligen Hausmeisterhäuschens der Zentgrafenschule in der Wilhelmshöherstraße 124 dann wieder für Besucher aufgeschlossen. Wer hinein will in die engen Räume, was ansonsten nur jeweils sonntags zwischen 15 und 17 Uhr oder nach Vereinbarung möglich ist, muss sich vorher beim Vorsitzenden Thomas Dahlmann (Telefon 069/47 87 47 67) anmelden. Wegen der Corona-Einschränkungen sind nur jeweils zwei Personen gleichzeitig zugelassen.

Diese erleben innerhalb von 20 Minuten eine kurzweilige Zeitreise. Schriftführer Walter Sauer war auf die Idee gekommen, die Geschichte des eigenen Ortsteils über 140 Jahre hinweg anhand von Ansichtskarten aus dem Vereinsbestand zu erzählen. Etwa 150 Exemplare haben er und seine beiden mithelfenden Kollegen aus dem Vorstand, Roland Bolliger und Hermann Schmidt, dafür ausgewählt, sortiert und auf elf Thementafeln mit passenden Beschreibungen angeordnet. Die ersten, vom Ende des 19. Jahrhunderts stammend, zeigen noch keine Fotos, sondern colorierte Zeichnungen.

"Seckbach war Ausflugsort", erklärt Sauer. Als Deutschland sich von der Agrar- zur Industriegesellschaft wandelte. Da den Arbeitern für den Sonntagstrip in die Natur noch kein Auto zur Verfügung stand, suchten sie nahegelegene Gegenden zur Erholung auf. Die einen lockte es in den Stadtwald im südlichen Sachsenhausen, die anderen in den Nordosten, wo als Ziel der Lohrberg wartete. Trotz der geringen Zahl von 3000 Einwohnern besaß Seckbach, auf dessen Gemarkung sich die Anhöhe befindet, deshalb laut Sauer bis zu 15 große Gasthäuser mit Garten. Von diesen sind bis heute wenige erhalten, andere lassen sich zumindest noch mal in der Exposition betrachten.

Manchen Bürger zog es weiter. Eine Sammlung von Grüßen aus aller Welt ist zu sehen, die entweder von ausgewanderten oder herumfahrenden Seckbachern verschickt oder von daheimgebliebenen erhalten wurden. Eine Geschäftsreisende verschlug es mitten im Kalten Krieg nach Moskau, ein Soldat war in der Bismarck-Kaserne von Tsingtau stationiert, Die chinesische Hafenstadt diente von 1898 bis 1914 als deutsche Kolonie mit Marinestützpunkt.

Todesanzeigen

für die letzte Hose

Von Schlachten und Eroberungen zeugen Sendungen von Frontkämpfern aus dem Ersten Weltkrieg. Während vorne aus Propagandagründen zerstörte Städte und gehisste deutsche Fahnen zu sehen sind, fielen Sauer die "lapidaren Texte" auf. Die vermutlich für den Fall der Zensur wenig aussagekräftigen Sätze schließen stets mit dem Wunsch "Auf Wiedersehen". Die Versorgungsengpässe nach der Niederlage beflügelten wieder die Kreativität: Es gibt Traueranzeigen für das letzte Brot oder die letzte Hose. Zwischen all den Erinnerungen dürfen beschwingte Kerbelieder nicht fehlen. Ein Jahr war das Team um Sauer mit der Sichtung der Karten beschäftigt. Es hätte noch einiges mehr gezeigt werden können. Doch das heben sich die Hobby-Historiker jetzt, da das kleine Museum wieder öffnet, für ein anderes Mal auf. Katja Sturm

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