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Der Frankfurter Balkan-Pop-Musiker Shantel singt vor 15.000 Zuschauer am beim ?Rock gegen Rechts? auf dem Opernplatz in Frankfurt.

Signal gegen Rassismus

15.000 Besucher kamen zum Rock gegen Rechts

Die rassistischen Krawalle in Chemnitz waren beim „Rock gegen Rechts“ auf den Opernplatz am Samstag in aller Köpfe und Münder. Tausende kamen um hier ein „Signal gegen Rassismus“ zu senden. Wer dieses empfangen sollte und warum, darauf gab es mehrere Antworten.

Am Samstagnachmittag war der Opernplatz schon gut besucht, abends wurde es dann proppenvoll. Etwa 15 000 Menschen waren zu „Rock gegen Rechts“ gekommen. Vor der Bühne tanzen die einen, etwas abseits im Schallschatten der Lautsprecher stehen die anderen, die nicht so recht etwas anfangen können mit der Musik von „Revolte Tanzbein“, einer Frankfurter Ska-Rockband, dem Hip-Hop von „Azzis mit Herz“ oder dem Balkan-Pop von „Shantel“.

Viele sind nicht wegen der Musik gekommen. Was der Deutsche Gewerkschaftsbund und rund 90 anderen Organisationen zunächst als eine Mischung aus Konzerten und Demonstration geplant hatten, wurde vor dem Hintergrund der rechtsextremen Krawalle in Chemnitz schließlich deutlich mehr Demonstration als Musikevent.

Nicht nur in den Redebeiträgen auf der Bühne waren die Nazi-Ausschreitungen omnipräsent, sondern auch in den Köpfen der Besucher. Als etwa die Frankfurter Band „Alex im Westerland“ Lieder von „Die Ärzte“ und „Die Toten Hosen“ coverten, erinnerten sie unvermeidlich an die rassistischen Angriffe der 90er Jahre. Der Anschlag 1992 auf ein Asylwohnheim in Rostock-Lichtenhagen ist nur der bekannteste Übergriff, gegen den die beiden Bands damals ansangen. Nun protestieren die Frankfurter gegen das, was sie in Chemnitz beobachten.

„Wir sind hier, um ein deutliches Signal gegen Rassismus auszusenden.“ Diesen Satz hört man hier oft. Er ist der Grundton, auf dem die ganze Veranstaltung gestimmt ist. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagt den Satz auf der Bühne, auch Rachid Khenissi und seinen Studentenfreunden kommt er schnell über die Lippen. Aber was soll dieser Satz genau bedeuten?

Eine erste Antwort gibt der 22-jährige Khenissi selbst: „Wer wegen seiner Religion, Herkunft oder Hautfarbe zum Ziel rechter Hetze werden könnte, den beunruhigen die Bilder aus Chemnitz.“ Deshalb sei es wichtig, dass hier viele zeigten, dass die Mehrheit der Gesellschaft sich gegen Rassismus stelle. Auch wenn Khenissi, wie er sagt, in Frankfurt selten wegen seiner dunkleren Hautfarbe angepöbelt werde, „und wenn, wie einmal in der Straßenbahn, schreiten sofort Passanten ein“, sagt er. „Dafür liebe ich Frankfurt.“

Doch das „Signal“ empfangen nicht nur verunsicherte Minderheiten. Das machen Barbara Häbel und Norber Müller klar. Die beiden Eschborner in ihren Sechzigern sind nicht wegen der Musik gekommen. Sie hört lieber Reinhard Mey als Rock und er eher Pink Floyd als die Toten Hosen. Die beiden engagieren sich aber seit Jahren für Migranten. Sie nahmen 2015 eine Zuwandererfamilie mit drei Kindern auf. Häbel ist außerdem Mitglied des Eschborner „Arbeitskreis Flüchtlinge“. „Weil wir Christen sind, machen wir das“, sagen die beiden. Sie haben in den vergangenen Jahren gemerkt, wie sich die öffentliche Stimmung änderte. „Plötzlich ging es nur noch um Abschiebung und vermeintliche Probleme mit dem Islam“, sagt Häbel. „Da tut es gut, wenn man hier sieht, dass die Mehrheit in Deutschland unser Menschenbild teilt. Auch für sie ist „Rock gegen Rechts“ ein wichtiges „Signal“. Eines, das sagt: Es ist richtig, sich für andere und für unsere Gesellschaft zu engagieren.

Zum Dritten richtete sich das Signal an alle. In einer Videobotschaft sagte Präsident der Eintracht Frankfurt Peter Fischer mit Blick nach Chemnitz: „Wir dachten diese Zeiten seien vorbei und würden nie wieder kommen.“ Doch nun sei jeder auf den Plan gerufen, sich gegen Rechts zu engagieren. „Lasst euch das nicht gefallen! Nehmt eure Nachbarn mit! Wir sind gegen rechts.“ Fordernder wurde Daniela Marschall-Kehrel. Sie ist die Vorsitzende der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken. Nach Chemnitz dürfe es keine Ausreden mehr geben, sagt sie. Für ein friedliches Miteinander müsse nun jeder aktiv werden. Zum Abschied sagte sie daher: „Ich wünsche jedem, dass er bald das für ihn passende Ehrenamt findet.“ Auch Häbel und Müller, die beiden Engagierten aus Eschborn, finden, dass es nicht mehr genüge nur hier und da mal zu einer Demonstration zu gehen. Ehrenämter finde jeder fix im Internet. „Man muss nur den ersten Schritt gehen“, sagt Häbel. Und Müller: „Die stille Mehrheit muss lauter werden, als die Hetzer.“ So, wie die Musik auf dem Opernplatz. So, wie die Frankfurter in der Straßenbahn, als Rachid Khenissi wegen seiner Hautfarbe angegangen wurde.

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