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Ob beim Volksfest oder einer Demo: Rettungskräfte sind immer zur Stelle. Doch steigende Gewalt gegen Einsatzkräfte von Rettungsdiensten und Feuerwehr gefährdet die Helfer zunehmend. Ein konkreter Fall mit zwei verletzten Frauen liegt nun dem Frankfurter Amtsgericht vor.

Prozess

70-Jähriger muss sich verantworten, weil er zwei Sanitäterinnen bei einem Einsatz verletzt haben soll

Es ist kaum vorstellbar, kommt aber regelmäßig vor: Sanitäter wollen einen Verletzten versorgen und werden angegriffen. Vor einem Frankfurter Gericht wurde jetzt ein solcher Fall mit zwei verletzten Frauen verhandelt. Der Angreifer (70) erhielt eine Bewährungsstrafe.

Frankfurt - Zwei Sanitäterinnen wurden im Notfalleinsatz am Frankfurter Hauptbahnhof angegriffen und verletzt - am Dienstag musste sich deshalb ein 70 Jahre alter Mann vor Gericht verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, eine der Frauen geschlagen und verletzt haben. Auch die zweite Sanitäterin musste behandelt werden, ihr hatte der Angeklagte offenbar das Handgelenk verdreht. Der Mann bestritt die Vorwürfe, wurde aber zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten und zu einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro wegen tätlichen Angriffs, Beleidigung und Körperverletzung verurteilt.

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Zunehmende Gewalt gegen Rettungskräfte

Das Frankfurter Verfahren wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die von den Betroffenen schon länger beklagt wird: Zunehmende Gewalt gegen Einsatzkräfte.

In dem Prozess sprachen mehrere Zeugen von einer außergewöhnlich großen Aggression bei dem Angeklagten, der sich zunächst als Arzt ausgegeben habe. Eine Sanitäterin stürzte – von der Faust des Rentners im Gesicht getroffen – mehrere Stufen die Rolltreppe hinunter.

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Die 34 Jahre alte Frau erlitt Prellungen und eine Gehirnerschütterung und war monatelang krankgeschrieben. Nach einer Schwangerschaft habe sie bis heute nicht wieder in ihrem Beruf gearbeitet. „In zwölf Berufsjahren habe ich schon Angriffe auf Rettungspersonal erlebt, aber nicht in diesem Ausmaß“, sagte die Zeugin, die eigenen Angaben zufolge noch heute an den psychischen Folgen des Vorfalls leidet.

Sanitäterin schwer verletzt

Den Noteinsatz auf der Treppe musste ein zweites Rettungsteam fortsetzen – es sei dabei zu einer erheblichen Verzögerung bei der Versorgung des verletzten Patienten gekommen, sagte die Zeugin. Der Mann war auf einer Rolltreppe an einem S-Bahn-Gleis gestürzt und zog sich schwere Kopfverletzungen zu.

Der Angeklagte soll zudem Sicherheitsbedienstete als „Schweine“ bezeichnet haben. Der 70-Jährige beschuldigte dagegen die Sicherheitsleute zu Prozessbeginn, ihn geschlagen zu haben. Angriffe auf Rettungssanitäter sind keine Seltenheit. In den vergangenen drei bis vier Jahren habe die Rücksichtslosigkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber Rettungskräften spürbar zugenommen, berichteten Sanitäter und Feuerwehrleute, die vor etwa einem Jahr eine Demonstration in Frankfurt organisiert haben. Rund 250 Helfer forderten bei der Kundgebung mehr Respekt für ihre Arbeit. Auch andere Berufsgruppen, deren Job es ist, Menschen zu helfen, klagen über Angriffe – von Pöbeleien bis zu tätlichen Angriffen.

Gerichtszentrum | Gericht Frankfurt | 08.05.2017

Verbale Entgleisungen gegen Rettungskräfte

Die Hochschule Fulda hat das Personal in 51 hessischen Notaufnahmen befragt, Zwischenergebnisse wurden vergangene Woche veröffentlicht. Knapp 76 Prozent von 354 Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten körperliche Gewalt erlebt zu haben. Bei der verbalen Gewalt liegen die Zahlen mit 97 Prozent noch deutlich höher. In Bad Karlshafen wurde im März vergangenen Jahres ein Rettungsassistent bei einem Notfalleinsatz in einem Mehrfamilienhaus verletzt. Familienangehörige einer hilfebedürftigen Frau beleidigten und bedrohten die Rettungskräfte. Der 21-jährige Sohn der Frau warf laut Polizei einem der Rettungsassistenten einen Telefonhörer an den Kopf, der Mann erlitt eine Platzwunde. Im April 2017 wurde im Bundestag ein Gesetz verabschiedet zur „Stärkung des Schutzes von Vollstreckungsbeamten“. Damit sollen Polizisten, Retter und Feuerwehrleute besser vor tätlichen Angriffen geschützt werden. Solche Attacken können demnach mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden. Die Mindeststrafe beträgt drei Monate.

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