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Auf dem Gelände zwischen der Siedlung und den Ziegelfabriken grasten noch viele Jahre lang die Schafe.

Architektur

Eine Siedlung wandelt ihr Gesicht

  • vonAlexandra Flieth
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In der Siedlung Westhausen endete vor 90 Jahren das Programm Neues Frankfurt. Eine Geburtstagsfeier muss coronabedingt entfallen.

Frankfurt – Der Schornstein der einstigen Zentralwäscherei mit ihrer Fassade aus roten Klinkersteinen ist bis heute der markanteste Punkt in der Siedlung Westhausen. Vor 90 Jahren wurde das letzte große Bauprojekt, das noch in der fünfjährigen Amtszeit des früheren Stadtbaurats Ernst May (1886-1970) realisiert wurde, fertiggestellt. Es war Teil des von ihm aufgelegten Wohnungsbauprogramms "Das Neue Frankfurt", mit dem die damalige Wohnungsnot in der Stadt gelindert werden sollte. Eine Geburtstagsfeier zum runden Bestehen der Siedlung wird es wegen Corona in diesem Jahr aber nicht geben.

Kohleofen im Keller

Roland Sautner, Sprecher des 1980 gegründeten Kulturkreises Westhausen (heute Vereinsring Westhausen) und Stadtbezirksvorsteher, lebt seit 1978 in der Siedlung. "Als wir in das Haus eingezogen sind, hatten wir noch einen Kohlebadeofen im Keller", erzählt er. Natürlich habe sich in den Strukturen seit 1930 vieles verändert. Den Kohlebadeofen gibt es bei Familie Sautner schon lange nicht mehr, eine Zentralheizung sorgt für gleichmäßige Temperaturen im Haus. "Die Bewohner haben ihren Lebensraum verbessert und angepasst an ihren Bedarf", sagt Sautner. In Teilen führte dies dazu, dass so manches Haus in der Siedlung nicht mehr dem Erscheinungsbild von vor 90 Jahren entspricht, zum Beispiel durch zusätzliche Anbauten. Im Vergleich zur May-Siedlung in Praunheim, dem ersten großen Bauprojekt des "Neuen Frankfurt", wirkt die Siedlung Westhausen trotzdem in ihrer Architektur noch homogen.

Zog Familie Sautner Ende der 1970er Jahre noch als Mieter ein, so sind sie heute Eigentümer des Gebäudes, das früher zum Bestand der Nassauischen Heimstätte (NH) gehörte. Die im Jahr 1922 noch als Wohnungsfürsorgegesellschaft gegründete heutige Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft hatte hier früher mehr als 300 Häuser. Seit ein paar Jahren bietet die NH die Gebäude unter dem Stichwort "Mieterprivatisierung" zum Kauf den Menschen an, die darin leben. Auch Familie Sautner nutzte diese Möglichkeit.

Ganz anders sieht es bei den Gebäuden aus dem Bestand der ABG Holding Frankfurt aus (früher Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen). Diese Wohneinheiten werden bis heute vermietet. "Die ABG macht es vorbildlich und saniert. Das erhellt das Siedlungsbild", lobt Sautner. Die beiden Wohnungsbaugesellschaften eint, dass sie zur Bauzeit der Siedlung Westhausen die Bauherren waren.

Roland Sautner fühlt sich wohl in der Siedlung, auch wenn sich in den vergangenen Jahren vieles dramatisch verändert habe. So sei das Gemeinschaftsgefühl nicht mehr so ausgeprägt. "Ich erinnere mich noch gut daran, als wir hier eingezogen sind", sagt er. "Der Nachbar kam mit frischgebackenen Pfannkuchen vorbei und bot an, uns beim Einzug zu helfen." Die Siedlung sei eine große Gemeinschaft gewesen, in der Nachbarschaftshilfe selbstverständlich war. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sei heute noch spürbar, aber eben nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren.

Schon der Opa wohnte hier

Hinzu käme, dass nicht jeder Mieter der NH das Kaufangebot der Wohnungsgesellschaft wahrnehme. "Zieht er aber aus, wird das jeweilige Haus im Bieterverfahren verkauft", erklärt er. Viele Familien lebten hier aber schon in der dritten Generation.

Was zudem fehle, sei ein Bürgertreff. Ein Ort für Veranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen, Vorträge oder Kulturangebote - auch für Kinder. So einen Ort wünscht sich Sautner, um die Siedlungsgemeinschaft zu stärken. "Bisher müssen wir als Kulturkreis dafür an andere Orte ausweichen und Räume mieten." Schließlich war eine der grundlegenden Ideen von Ernst May für die Siedlungen des "Neuen Frankfurt", Wohnen und Leben miteinander zu verbinden und in der Planung Möglichkeiten zur Kommunikation und des Austausches mitzudenken. Solche Orte der Kommunikation, wie es sie zum Beispiel mit kleinen Ladengeschäften in der Siedlung gab, sind heute nicht mehr vorhanden. Selbst die Grünflächen, die sich senkrecht zwischen den horizontal angelegten Häuserzeilen ziehen, sind als mögliche Treffpunkte keine Alternative. Alexandra Flieth

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