+
Das Leben ist schön: Es gibt kein besseres Plätzchen am Feierabend als ihr Boot, finden Ulrike und Vinzenz Brinkmann.

Reportage

Ein Abend auf dem Wasser mit zwei glücklichen Bootsbesitzern

Der Main wird immer mehr zum Feierabend- und Freizeitziel. Bootsvermietungen boomen, Rudern und Stehpaddeln sind Lieblingshobbys vieler Frankfurter. Wir haben uns angesehen, was an einem Wochentag am Abend auf dem Main los ist – vom Boot aus.

Nach einem langen, heißen Tag die Füße ins Mainwasser baumeln lassen – im eigenen Boot sitzend: So lassen Vinzenz und Ulrike Brinkmann am liebsten den Abend ausklingen, dazu ein Glas Wein und ein kleines Picknick an Deck. Am Bootssteg im Westhafen legen sie ab. Dort, direkt unter ihrer Wohnung, liegt im Sommer das Holzboot der beiden, „Katrinchen“, Baujahr 1965, mit 8-PS-Benzinmotor. Gerne nehmen sie Freunde mit: Auf „Katrinchen“ ist Platz für bis zu sechs Passagiere.

Zu viert schippern wir durch den Westhafen, vorbei an großen Yachten und dem Segel-Center, Frankfurts einziger Segelschule. „Im Hafen darf man nicht schneller als fünf Knoten fahren“, erklärt Vinzenz Brinkmann. Ein paar Segeljollen drehen vor uns im Wind, wir weichen aus. „Segler haben immer Vorfahrt.“

Vinzenz Brinkmann sitzt entspannt am Ruder. Der 59-Jährige ist der Leiter der Antikensammlung des Liebieghauses. Vor acht Jahren kam die Familie vom Ammersee nach Frankfurt. Ein Leben ohne ihr geliebtes Boot mochten sich die Brinkmanns aber nicht vorstellen, und so siedelten sie es um auf den Main. Anfangs fuhr Brinkmann gern mit dem Boot zur Arbeit am anderen Ufer – unterhalb des Museums gibt es eine Anlegestelle, am Bootshaus der Uni. „Aber es ist auf Dauer unpraktisch, weil ich mit dem Rad schneller drüben bin.“

Kaum sind wir aus dem Hafen heraus in Richtung Niederrad gefahren, eröffnet sich eine weite Wasserlandschaft. Ruderboote ziehen vor dem mit Bäumen gesäumten Ufer des Licht- und Luftbads vorbei, man hört die Kommandos des Steuermanns. „Hier, am natürlichen Ufer, fahren wir am liebsten entlang, das Wasser ist ruhig, und die Industriekulisse ist einmalig“, schwärmt Brinkmann. Am Nordufer ragen Betonbauten und Kräne in den Himmel. Ulrike hat inzwischen Wein ausgeschenkt und das Picknick mit Brot und Käse auf der Sitzbank gerichtet. Eine Gänsefamilie schwimmt backbord vorbei, sprichwörtlich im Gänsemarsch. Langsam wird spürbar, warum die Brinkmanns ihr Boot lieben: Es gibt wohl kein schöneres Plätzchen an einem Sommerabend als auf einem Boot mitten auf dem Main.

Das wissen längst auch andere. Ein Sportboot flitzt vorbei, Deutsch-Rap schallt durch die Luft. Vom Nordufer her klingt Gelächter herüber: Dort treibt ein rundes, orangefarbenes Gefährt im Wasser: das Main-BBQ-Partyboot. Es hat einen Holzkohlengrill an Bord und kann bis zu zehn Leute mitnehmen, inklusive Fahrer, den das Unternehmen stellt. Boote mit mehr als 15 PS dürfen auf dem Main nur mit Bootsführerschein gefahren werden – den haben aber die wenigsten Partybootnutzer. Aber auch ohne Führerschein dürfen alle über 18 Boote mieten, von 5 bis 15 PS. Anbieter heißen zum Beispiel GoBoot oder Aquafun. Diese Saison sei sehr gut gelaufen, sagt Marcel Winand von der Sportbootschule Steiner in Maintal: „Ich hätte viel mehr Boote vermieten können, wenn ich sie denn zur Verfügung gehabt hätte.“ Auch der Jetski-Verleih lief bestens – zu haben allerdings nur mit Sportbootführerschein.

Zwischen Katrinchen und das Partyboot schiebt sich jetzt ein riesiger Frachter. Sanfte Wellen rollen an. „Auch deshalb fahren wir gern am natürlichen Ufer – in der Stadt schlagen die Wellen von den Kaimauern zurück, das Wasser ist unruhig“, erklärt Vinzenz Brinkmann. „Und dann sieht man so unentspannt aus, wenn man gegen die Wellen steuern muss“, scherzt er. Entspannung ist aber das unbedingte Ziel des Feierabends auf dem Wasser. „Am besten stellt man das Boot 90 Grad zur Welle.“ Richtig durchgeschüttelt werde man, wenn mehrere schnelle Sportboote übers Wasser jagen. Wir steuern auf die Stadt zu. Immer mehr Ruderboote, Achter und Zweisitzer, überholen uns. 13 Ruderklubs gibt es in Frankfurt, und die trainieren vor allem am frühen Abend. Ein schneller Ruderer ist not amused, weil wir ihm in die Quere kommen. „Fahren Sie doch mehr in der Mitte!“

Wir legen einen Halt ein, am Drive-in des berühmten „Dönerboots“ am Museumsufer. Drive-in? Ja, genau, auf der Wasserseite werden Hungrige genauso bedient wie vom Ufer aus. Um nicht anzustoßen, macht die Bootscrew – in unserem Fall Ulrike – zwei Puffer (Fender) außen fest. Dönerboot-Wirt Meral begrüßt uns: „Guten Abend, alles klar?“ Man kennt sich, er lädt uns auf einen Tee ein.

Auf der Weiterfahrt begegnen wir der Streife der Wasserschutzpolizei. Die ist ständig unterwegs, um den Schiffsverkehr zu kontrollieren, Unfälle aufzunehmen oder auch mal Streits zu schlichten, wie an Land auch. 23 Mal krachte es auf dem Main in diesem Jahr.

Als die Sonne untergeht, läuft Katrinchen wieder im Westhafen ein. Die Besatzung: tiefenentspannt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare