Experten-Interview

Zum Abnehmen taugt Fasten nicht

Heute, am Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit – Christen verzichten dann 40 Tage lang traditionell auf Alkohol, Süßigkeiten und Fleisch. Welchen medizinischen Effekt dieses religiöse Fasten auf den Körper hat, wie dieser auf den plötzlichen Verzicht reagiert und wie es sich vom therapeutischen Fasten unterscheidet, darüber hat FNP-Mitarbeiterin Judith Dietermann mit der Ökotrophologin Heike Plotz (43) gesprochen. Sie arbeitet als Ernährungswissenschaftlerin am Markus-Krankenhaus.

Ab wann spricht man aus medizinischer oder ernährungswissenschaftlicher Sicht vom Fasten?

HEIKE PLOTZ: Es gibt zwei Kategorien: Beim religiösen Fasten wird auf Genussmittel wie Alkohol, Nikotin und Süßes sowie vielleicht Fleisch verzichtet. Das therapeutische Fasten ist etwas völlig anderes. Dort wird die Kalorienzufuhr ganz niedrig gehalten und in der Regel nur Flüssigkeiten wie Gemüseschorlen, Tees und Gemüsebrühen getrunken. Deswegen ist das religiöse Fasten mehr eine gesunde Ernährungsumstellung als medizinisches Fasten.

Also ist aus ernährungswissenschaftlicher Sicht das religiöse Fasten weniger effektiv als das therapeutische Fasten?

PLOTZ: Das kommt auf den Effekt an, der erzielt werden soll. So wird auf jeden Fall eine Gewichtsreduktion erreicht. Die ist aber nur von Dauer, wenn man im Anschluss auch seine Ernährung umstellt. Beim religiösen Fasten hingegen ist die Gewichtsabnahme recht gering, da man 40 Tage lang wirklich nur auf ein paar Dinge verzichtet. So treten aber auch keine Mangelerscheinungen auf.

Eine medizinische Überwachung ist beim religiösen Fasten also nicht notwendig?

PLOTZ: Nein, ist sie nicht.

Sollten durch den Verzicht auf bestimmte Lebensmittel dem Körper trotzdem Nährstoffe zugeführt werden?

PLOTZ: Beim religiösen Fasten nicht, denn es basiert ja auf den Prinzipien der gesunden Ernährung. Zudem kann das jeder handhaben wie er mag, die meisten Menschen lassen Süßigkeiten, Alkohol und Fleisch weg. Wenn man längere Zeit auf Fleisch verzichtet, kann es zu einem Eisenmangel kommen.

Diesen Mangel muss man aber nicht mit Tabletten ausgleichen. Das kann auch auf natürlichem Weg über bestimmte Gemüsesorten passieren...

PLOTZ: Es stimmt, dass in Gemüse und auch in anderen Produkten Eisen enthalten ist. Allerdings ist pflanzliches Eisen für den menschlichen Körper schwerer aufzunehmen als tierisches Eisen. Zudem gibt es Stoffe, die die Eisenaufnahme hemmen, wie Kaffee und schwarzer Tee. Vitamin C hingegen fördert die Aufnahme. Deswegen empfehle ich eine Stunde vor und nach einer eisenhaltigen Mahlzeit keinen schwarzen Tee oder Kaffee zu trinken. Stattdessen lieber ein Glas Orangensaft.

Es gibt viele verschiedene Arten des Fastens, zum Beispiel das Basenfasten, bei dem auf säurehaltige Lebensmittel verzichtet wird, oder das Fasten nach Buchinger mit Tee, Wasser, Honig, Säften und Gemüsebrühe bis hin zur Nulldiät, mit der der Körper entschlackt und entgiftet werden soll. Was empfehlen Sie?

PLOTZ: Ich erkläre den Patienten zunächst, dass sich im Körper keine Schlacken bilden, die entschlackt werden könnten. Beim Entgiften stellt sich immer die Frage, wie dies gedeutet wird. Dass der Körper Giftstoffe ausscheidet, halte ich für eine Fehlinformation. Wenn jemand zu mir kommt und mit einer Fastenkur seine Ernährung umstellen oder es für Geist und Seele tun möchte, empfehle ich zunächst, einen medizinischen Check-Up zu machen, sowie unter Anleitung zu fasten.

Für die Art, wie er letztlich fastet, sollte sich dann jeder Mensch selber entscheiden?

PLOTZ: Ja, ich denke, das ist typabhängig und muss sehr individuell gesehen werden. Nicht jede Fastenkur passt zu jedem Menschen.

Christen fasten 40 Tage lang. Ein Zeitraum, den Sie als vertretbar ansehen?

PLOTZ: Beim therapeutischen Fasten sind fünf bis sieben Tage, maximal 14 Tage vertretbar. Bei einem längeren Zeitraum treten beim Körper Mangelerscheinungen in Form von Eiweiß, Vitaminen und Spurenelementen auf.

Kann ich im Prinzip von heute auf morgen mit dem Fasten beginnen oder benötige ich eine gewisse Vorbereitungszeit?

PLOTZ: Ich würde mich eher vom Kopf her und nicht körperlich auf diese Zeit vorbereiten. Es schadet aber sicherlich nicht, vorab gesünder zu essen sowie auf Alkohol und Nikotin zu verzichten.

Darf jeder fasten?

PLOTZ: Ich würde onkologischen, also Tumorpatienten niemals empfehlen zu fasten. Ebenso wenig bei anderen chronischen Erkrankungen wie schwerwiegenden Herz-, Nieren- und Lebererkrankungen.

Wann ist Fasten sinnvoll? Zur Gewichtsreduktion?

PLOTZ: Natürlich wird während des Fastens Gewicht verloren, aber erst einmal nur Wasser. Zudem sinkt der Energiebedarf, wenn nicht gleichzeitig viel Sport gemacht wird. Es folgt der klassische Jojo-Effekt nach der Fasten-Kur. Deswegen würde ich das Fasten zur Gewichtsreduktion nicht empfehlen.

Gibt es Erkrankungen, die durchs Fasten positiv beeinflusst werden?

PLOTZ: Ja, manche Erkrankungen bessern sich. Wie rheumatoide Erkrankungen, aber auch Blutzuckereinstellungen, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck- oder Neurodermitis-Patienten profitieren davon. Als sinnvoll erachte ich das Fasten dann aber nur, wenn die Patienten danach auch ihre Ernährung umstellen.

Wie schnell reagiert der menschliche Körper auf das Fasten?

PLOTZ: Der Körper reagiert recht schnell. So ist der Kohlenhydrat-Speicher in der Leber, der Glykogen-Speicher, nach 24 Stunden leer. Der Stoffwechsel stellt um auf Fett- und Muskelabbau, aus Fettsäuren bilden sich sogenannte Ketonkörper und sorgen für einen schlechten Mundgeruch.

Was genau passiert während des Fastens im Körper?

PLOTZ: Der Energiebedarf und die Blutfette sinken, das Herz schlägt langsamer, der Blutdruck sinkt und viele Menschen frieren schnell, wenn sie ihre Kalorienzufuhr drosseln. Oft leiden sie unter Kopfschmerzen, sind schlapp und haben schlechte Laune. Nach ein paar Tagen kommt es zu einer Hochstimmung, die auch süchtig macht. Viele Menschen haben danach Schwierigkeiten, wieder herunterzukommen, weil es ihnen tatsächlich besser geht.

Und was passiert auf der anderen, der psychischen Ebene?

PLOTZ: Viele Menschen fühlen sich befreiter, leistungsstärker und kommen schneller zur Ruhe. Deswegen werden Fastenkuren auch oft im Kloster angeboten. Um abzuschalten, zur Ruhe zu kommen und die Seele baumeln zu lassen.

Haben Sie selber schon gefastet?

PLOTZ: Ja, ich habe mal diese Mayr-Kur mit Brötchen und Milch gemacht. Nach anfänglichen Kopfschmerzen fühlte ich mich irgendwann richtig gut. Ich habe mir für die Zukunft allerdings vorgenommen, einmal eine Heilfastenkur in einem Kloster zu machen. Das würde ich tatsächlich gerne einmal ausprobieren.

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