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Abschied aus dem Drogenreferat

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Von: Sarah Bernhard

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Verdeckt unter einem Regenschirm, konsumieren Abhängige im Bahnhofsviertel Drogen. In dem Stadtteil wird das Elend der Süchtigen rund um die Uhr sichtbar.
Verdeckt unter einem Regenschirm, konsumieren Abhängige im Bahnhofsviertel Drogen. In dem Stadtteil wird das Elend der Süchtigen rund um die Uhr sichtbar. © Boris Roessler/dpa

27 Jahre lang führte Regina Ernst die städtische Behörde, nun tritt sie in den Ruhestand.

Frankfurt. Sie gilt als „eine der zentralen Figuren des Frankfurter Weges“ in der Drogenpolitik. Mit diesen Worten würdigte Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) Regina Ernst, die langjährige Leiterin des städtischen Drogenreferats, in der jüngsten Sitzung des Gesundheitsausschusses. Am heutigen Donnerstag wird die 65-Jährige bei einer Feierstunde im Römer verabschiedet.

Aber worin besteht eigentlich der Frankfurter Weg in der Drogenpolitik? Gemeinhin wird er auf Repression und Hilfsangebote reduziert. Für den Umgang mit dem Drogenproblem gab es bis Anfang der 1990er-Jahre zwei Sichtweisen: Drogenhilfe wurde ausschließlich als Ausstiegshilfe verstanden, und Repression richtete sich gegen Drogenhändler und -abhängige gleichermaßen. Für letztere existierten keine adäquaten Hilfen.

Juristisches Gutachten musste helfen

In den 1990er-Jahren gab es die offene Szene in der Taunusanlage mit bis zu 1500 Menschen. Vertreibt man die Drogenabhängigen mit Polizeigewalt, gehen sie woanders hin. Also muss es zusätzliche Hilfsangebote geben, zum Beispiel die Druckräume. Das juristische Problem damals: Darf jemand mit illegalen Drogen in einen Druckraum? Oder muss es die Polizei verhindern? Es wurde eigens ein juristisches Gutachten in Auftrag gegeben. Dessen Ergebnis: Die Polizei musste nicht intervenieren.

Hinter dem Frankfurter Weg steht die Erkenntnis, dass das Drogenproblem niemals zu lösen ist. Legale und illegale Drogen stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Eine drogenfreie Gesellschaft hat es noch nie gegeben. Deshalb zielt der Frankfurter Weg nicht nur auf Abstinenz als Ziel der Drogenhilfe, sondern auf Schadensminimierung und Überlebenshilfe.

Laut Regina Ernst ist der Frankfurter Weg „keine einspurige Sackgasse, sondern ein Verkehrsnetz, das ständig erneuert und umgebaut wurde“. Er folge aktuellen Lagen und Bedürfnissen und müsse ständig weiterentwickelt werden.

Dafür sind erhebliche Mittel nötig: Für die Drogenhilfe werden in Frankfurt derzeit jährlich rund zehn Millionen Euro ausgegeben, wie Abdenassar Gannoukh, der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, erklärte.

Der Frankfurter Weg war erfolgreich: „Zu Zeiten der offenen Szene hatten wir 150 Drogentote im Jahr, heute sind es 20 bis 30“, bilanziert die scheidende Amtsleiterin. Jeder sei natürlich einer zu viel. „Aber die Stadt kann das Drogenproblem nicht lösen, sondern nur lindern“, sagt sie. Drogenpolitik könne keine heile Welt schaffen, „aber sie kann Menschen helfen zu überleben und zu leben“.

Es ärgert sie, dass in der Diskussion über Alkohol und Cannabis zwei verschiedenen Sprachen gesprochen würden: eine Genussmittelsprache und eine Rauschgiftsprache, als ob es gute oder schlechte Drogen gäbe. Durchbrüche bei Projekten bedeuten für sie, „wenn man Vorurteilen Fakten entgegenhalten kann“. Beispielsweise 2017, als es gelang, ein Beratungsangebot zum Einsatz von Cannabis zu medizinischen Zwecken zu etablieren.

Mit Konsequenz und Zähigkeit

1992, vor über 30 Jahren, begann Ernst bei der Stadt als stellvertretende Leiterin des Drogenreferats. Während und nach dem Studium der Soziologie mit dem Schwerpunkt Sozialpsychologie hatte sie seit Mitte der 1980er-Jahre in verschiedenen Positionen in der Drogenhilfe, Beratung, Jugendarbeit sowie in der Justizvollzugsanstalt gearbeitet. 1996 übernahm sie die Leitung des Drogenreferats. 27 Jahre in derselben Position, ist das nicht ein bisschen viel? „Nein“, widerspricht sie vehement. Allein die heroingestützte Behandlung für Schwerstabhängige aufzubauen, habe 17 Jahre gedauert. Die Stadtverordnete Beatrix Baumann (Grüne) bescheinigte ihr zum Abschied „Konsequenz und Zähigkeit“.

Das ist auch nötig, denn die Drogenhilfe muss sich stets auf neue Situationen einstellen. In der Corona-Zeit musste beispielsweise eine Quarantäneeinrichtung für die Abhängigen geschaffen werden. Sie wurden in einem ehemaligen Hotel untergebracht, denn keine Einrichtung der Drogenhilfe sollte geschlossen werden wegen der Corona-Erkrankung eines Abhängigen.

In ihrem Büro, das sie gerade ausräumt, haben sich nicht nur Fachbroschüren und amtliche Papiere gestapelt. Auf einem Regal in der Ecke sitzen 17 verschiedene Bärchen der Aids-Hilfe, die alljährlich zugunsten der Organisation verkauft werden. Was aus ihnen wird, ist ungewiss. Sie selbst indes will sich Zeit lassen zu klären, was sie im Ruhestand will. Sarah Bernhard, Thomas Remlein

Nach 27 Jahren als Leiterin des Drogenreferats tritt Regina Ernst nun in den Ruhestand.
Nach 27 Jahren als Leiterin des Drogenreferats tritt Regina Ernst nun in den Ruhestand. © Enrico Sauda

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