Urteil übertrifft Antrag der Staatsanwaltschaft

Achteinhalb Jahre für Totschläger

  • VonMatthias Gerhart
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Zwei Jahre nach der Tat wird der mehrfach vorbestrafte Schläger verurteilt. Das Gericht findet ihn bis zuletzt unglaubwürdig – und geht im Strafmaß über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinaus.

Achteinhalb Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge und die Verhaftung noch im Gerichtssaal: Mit einem Paukenschlag ist gestern nach rund vier Monaten Verhandlungsdauer der Prozess um die tödliche Schlägerei in der Diskothek „Gibson“ auf der Zeil zu Ende gegangen. Das Landgericht lag damit bei dem 40 Jahre alten Schläger sogar noch zweieinhalb Jahre über dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Vielleicht hatte der Angeklagte am Morgen vor der Urteilsverkündung schon vorsorglich die Zahnbürste eingepackt, denn nach der Urteilsverkündung ging es für den tätowierten Muskelprotz in Begleitung von vier Wachtmeistern in die Haftanstalt. Zuvor mimte der 14 Mal wegen teilweise schwerer Gewalttaten vorbestrafte Schläger noch einmal den treuen Familienvater und schmuste vor den Augen der Prozessbeobachter mit seiner Freundin. Vorsitzende Richterin Bärbel Stock hatte ihm zuvor kräftig die Leviten gelesen und ihn unter anderem als „außerordentlich verantwortungslosen“ Mann bezeichnet. Noch nicht einmal von seinem schwerkranken Kind habe er sich abhalten lassen, in der Nacht zum Pfingstsonntag 2015 im „Gibson“ ordentlich Putz zu machen. Das 41 Jahre alte Opfer hatte quasi keine Chance: Vom Schlag des Hauptangeklagten getroffen, sank der alkoholisierte Mann zu Boden und starb drei Tage später an inneren Blutungen. Eine Tötungsabsicht konnte dem den Schlag stets abstreitenden Angeklagten gleichwohl nicht nachgewiesen werden. So blieb es bei der Körperverletzung mit (fahrlässig in Kauf genommener) Todesfolge.

Die beiden Mitangeklagten, zwischenzeitlich 27 und 32 Jahre alt, blieben zwar auf freiem Fuß, müssen jedoch mit einem baldigen Haftaufenthalt rechnen. Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft und erst recht zu den Verteidigern war die Schwurgerichtskammer der Auffassung, dass auch hier fühlbare Strafen angemessen waren. Einer erhielt drei Jahre, der andere zwei Jahre und fünf Monate, so dass über eine Strafaussetzung zur Bewährung nicht mehr diskutiert werden musste. Mit dem Tod des Opfers hatten diese Männer nichts zu tun, wohl aber mit den Schmerzen und noch heute vorhandenen gesundheitlichen Folgen für einen weiteren Gast, der in jener Nacht mächtig Hiebe bekommen hatte, weil er sich im Alkoholrausch daneben benommen und eine Bekannte der Angeklagten angerempelt hatte. Schon von Schlägen getroffen blutend auf dem Boden liegend, erhielt er auch noch Tritte: „Jedes Tier hört auf, wenn der Gegner Demutshaltung annimmt, nur manche Menschen nicht“, empörte sich die Richterin über den vorbestraften Mann.

Immer wieder war in dem seit Anfang Dezember laufenden Verfahren von möglichen Zusammenhängen der Tat mit der Rockergruppe „Osmanen“ die Rede. Es habe zwar enge personelle Verflechtungen gegeben, sagte Richterin Stock. Beweise dafür, dass die Schlägerei als Provokation des Sicherheitssystem in dem Tanzlokal angezettelt worden sei, gebe es nicht. Zwei der Angeklagten waren Mitglied bei den „Osmanen“ und als Inhaber einer Sicherheitsfirma vielleicht an der Übernahme des „Gibson“ interessiert. Das Gericht ließ es am Ende offen.

Nach dem Paukenschlag verließen auch die Verteidiger den Gerichtssaal. Insbesondere der ansonsten immer so fröhliche Rechtsanwalt Hans Ulrich Endres, dessen Mandant ihm praktisch vor der Nase weg verhaftet worden war, machte ein bekümmertes Gesicht und wird sich in den kommenden Wochen wohl an die Begründung seiner Revision machen müssen.

(ge)

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