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Theodor W. Adorno an seinem Schreibtisch

Theodor W. Adorno

Adorno: Meisterdenker der traurigen Wissenschaften

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Die Scharfsinnigkeit und Aktualität des Denkens Theodor W. Adornos stehen im umgekehrten Verhältnis zu seiner Wirkung in der Gegenwart. Entweder haben seine Diagnosen zur Phrase sich abgeschliffen oder sind in den Strudel postmoderner Philosophie geraten, die den strengen Ernst des Gedankens in das unbeschwerte Spiel der Ironie verwandelt hat. 

Adornos Denken ist das Dokument einer „traurigen Wissenschaft“, das wie ein schwarzes, zerklüftetes Gebirge aus den Verfinsterungen des vergangenen ins 21. Jahrhundert ragt. Vermutlich ist neben Schopenhauer Adorno – Philosoph, Soziologe, Komponist und Musiker – der pessimistischste, dunkelste deutsche Denker. Zahllos sind Sätze wie: „Die Welt ist ein System des Grauens“, „Der Blick aufs Leben ist übergegangen in die Ideologie, die darüber betrügt, dass es keines mehr gibt“. Dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, gehört längst zum akademischen Stammtisch-Jux. „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ waren nicht nur die „Minima Moralia“. Im Kern zielte, was Adorno einzubringen hatte, auf eine Lehre vom richtigen.

Die katastrophische Bahn der Zivilisation, daran hängt gleichsam ein Grundimpuls des Denkens von Adorno, ist eine Geschichte der Befreiung vom Zwang der Natur und zugleich die Geschichte ihrer Überwältigung. Sie ist unmittelbar verwoben mit der Unterwerfung des Menschen: Was der Mensch der Natur an Gewalt antut, das tut er ebenso sich selbst an. Die Kraterlandschaften des Planeten sind auch die Wunden, die der Mensch sich selbst schlägt, indem er sich einer instrumentellen Vernunft untertan macht, die ihn zum Objekt, zur bloßen Funktion degradiert. Freiheit schlägt dialektisch um in Zwang. Schlicht gesagt: Der Löwenbändiger verwandelt sich in den grauen Büroangestellten mit Acht-Stunden-Tag.

Dass der dialektische Zusammenhang von wissenschaftlich-technischer Unterwerfung der Natur und Herrschaft über den Menschen sich in den Möglichkeiten der Gentechnik noch einmal radikal zuspitzen würde, konnte Adorno, als er 1969 starb, gar nicht ahnen. Der geklonte, der Design-Mensch wäre ihm womöglich als das finale Kapitel in der Dialektik der Aufklärung erschienen.

Das freie Individuum als Karikatur

Was Adornos düstere Beschreibungen der verwalteten modernen Welt, in der das vom aufgeklärten Geist als frei und mündig vorgestellte Individuum zur Karikatur dessen sich verkehrt, was den Begriff des Lebens „als einer aus sich selbst entfaltenden und sinnvollen Einheit“ einmal ausgemacht haben mochte, hat die Gegenwart längst überholt. Die Regulierungswut des Staates ist bis in die intimsten menschlichen Bereiche vorgedrungen. Kaum etwas, das nicht einer Verordnung unterläge. Um am Leben überhaupt teilnehmen zu dürfen, bedarf es gleichsam erst eines Antrags. Fast keine Betätigung mehr, die den Menschen nicht an Apparate oder Maschinen fesselte.

Adorno am Klavier

Was Adorno einst im amerikanischen Exil zu seiner Analyse der Kulturindustrie motivierte, ist von der Gegenwart allemal überboten. Bildung ist zum Quiz geschrumpft, Wissen zu platter Informiertheit oder beschränkter Fertigkeit. Als „Künstler“ werden „Superstars“ produziert, deren Dürftigkeit ihre Kunst dementiert. Dass in der enthemmten Gesellschaft es möglich wäre, in Talkshows offensichtlich psychisch oder sozial Beschädigte zum Amüsement der Massen vorzuführen, wäre Adorno schlechterdings unvorstellbar gewesen.

Über das Negative hinaus

Adorno verharrte indes nicht im Negativen. Trotz seines Diktums, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, sah er im Ästhetischen, in der Kunst den Vorschein des Besseren. Kafka und Beckett waren seine literarischen Zeugen, die Neue Wiener Schule seine musikalischen. Die emphatisch moderne Kunst allein, die die Widersprüche in sich austrug und nicht mit schönem Dekor überglänzte, sie bewahrte eine Ahnung davon, wie der Gewaltzusammenhang zu durchbrechen wäre, eine Epiphanie von Versöhnung und Freiheit. Eine unbewusst-bewusste Vision vom richtigen Leben. Zuletzt setzte der Bergwanderer, gestrenge Denker und elitäre Stilist, dem in der Miene eines Mitfahrers in der Straßenbahn das ganze Unheil der Welt aufblitzen konnte, noch zu einer Rehabilitation des Naturschönen gegenüber dem Kunstschönen an. Doch die „Ästhetische Theorie“ blieb ein Fragment.

Das Movens des kritischen Denkens Adornos, ohne Zweifel eine Instanz der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik, richtete sich gegen die Deformationen der Moderne, gegen die Defekte und Verwüstungen, die die bürgerliche Welt aus sich selbst hervortrieb. Im innersten freilich war er, seiner ganzen Frankfurter Herkunft nach, selbst ein Bürger, der an der geistigen Tradition, an der Überlieferung und dem kulturellen Reichtum Deutschlands und des alten Europa hing. Er war ein messianischer Bewahrer, der das gelungene Alte mit hinüber nehmen wollte ins Neue. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Das heißt nicht, dass es ein richtiges nicht gäbe, nur dass man es im falschen nicht finde. Für Adorno war das noch ein Problem, heute ist es nicht mal mehr eine Quizfrage.

Michael Kluger, 2003

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