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Barys Kit braucht zwar einen Rollstuhl, aber er ist für sein Alter noch sehr fit. Und findet immer einen Grund zum Lachen.

Der Mathematik-Professor Barys Kit half den Amerikanern, auf den Mond zu fliegen

Ältester Frankfurter wird 107

Der Raketenforscher Barys Kit feiert heute seinen 107. Geburtstag. Er ist der vermutlich älteste Frankfurter – und hat dementsprechend viel zu erzählen.

Im weißen Hemd sitzt Barys Kit in seinem Zimmer im Altersheim der Jüdischen Gemeinde und schaut gedankenverloren aus dem Fenster. „Ich werde 107 Jahre alt“, sagt Kit und kann es selbst kaum glauben. Auch nicht, dass er der wohl älteste Bürger Frankfurts ist. Beinahe unglaublich ist auch, was er aus seinem langen Leben erzählt:

25 Jahre lang arbeitete er für die Weltraumforschung in den USA und war unter anderem an der Entwicklung des flüssigen Wasserstoffs als Treibstoff und der Kommunikationsysteme der Raketen beteiligt. „Ich habe den Amerikanern geholfen, zum Mond zu fliegen“, erzählt der 107-Jährige und lächelt. Damit habe er einen wichtigen Beitrag für die Menschheit geleistet. Später war er Professor und Lehrer an zahlreichen Schulen und Universitäten, von Kit stammt das erste wissenschaftliche Standardwerk über Raketentreibstoff.

Seine Geschichte beginnt im Sankt Petersburg des russischen Zarenreichs, wo er am 24. März 1910 geboren wird. Sein Vater kommt aus Weißrussland, seine Mutter ist Russin. „Geschwister hatte ich leider keine.“ Mit acht Jahren zog die Familie in eine polnische Kleinstadt, die heute zu Weißrussland gehört. Dort macht er seinen Schulabschluss, geht als 18-Jähriger an die Universität in Vilnius, der Hauptstadt von Litauen. „Dort studierte ich Mathematik und Physik“, erzählt Kit. Bereits mit 29 Jahren wurde er Direktor mehrerer Schulen in Vilnius – bis der zweite Weltkrieg begann. „Dann kamen die Deutschen und besetzten die Stadt“, erinnert sich der Professor.

Er selbst wurde einen Monat lang von einem Sicherheitsdienst der nationalsozialistischen SS inhaftiert. „Manchmal kam ein Soldat in die Zelle und drohte mir an, mich zu erschießen.“ Kit reißt seine blauen Augen weit auf. „Damals dachte ich jeden Tag, dass es der letzte sein würde“, sagt Kit mit ruhiger Stimme. Er hat es überlebt, Schüler hatten geholfen, ihn zu befreien.

Nach Kriegsende kamen die schönen Jahre: Ende der 1940er Jahre zieht Barys Kit in die Vereinigten Staaten, 1948 lässt er sich mit seiner Frau und den zwei Kindern in Los Angeles nieder. Zunächst war er dort als Chemiker tätig, fand Anfang der 1950er Jahre eine Stelle bei der Nasa, der Raumfahrtbehörde der USA. „Dort konnte ich sehr viel schaffen“, sagt Kit stolz. Besonders während der „Apollo-Missionen“ – also dem Versuch der USA, mit einer Rakete auf dem Mond zu landen – machte er viele Bekanntschaften mit namenhaften Wirtschaftsvertretern, Politikern und Forschern. Der Raketen-Ingenieur Wernher von Braun war einer von ihnen. „Ein großartiger Mann“, sagt Kit. In sein Deutsch mischt sich bis heute ein russischer Akzent, manchmal fügt er auch unbewusst englische Wörter in seine Sätze. „Ich habe eine lange Zeit in Amerika gelebt und fühle mich auch als amerikanischer Patriot“, sagt Kit. Eine amerikanische Flagge schmückt seine Kommode, auf der Fensterbank steht ein Foto von seiner Familie. „Sie leben alle in Amerika. Mein einer Sohn ist dort ein berühmter Chirurg, der zweite ist schon gestorben“, erzählt Kit, der seine Frau bereits verloren hat.

Doch warum blieb er nicht im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“? „Ich sollte für Amerika auf deutschem Boden arbeiten“, erklärt der Professor. 1972 kam er durch einen Auftrag der University of Maryland nach Frankfurt – und lernte seine jetzige Lebensgefährtin kennen. Er blieb in Deutschland.

Nach Jahren voller Arbeit, Reisen und Auszeichnungen lebt der 107-Jährige jetzt im jüdischen Altersheim in Bornheim. Die Angestellten dort sprechen liebevoll von ihm. „Er ist sehr kommunikativ und fit für sein Alter“, erzählt Barbara Beil-Chalupa, Mitarbeiterin im sozialen Dienst des Seniorenheims. „Im Judentum wünscht man sich ein 120-jähriges Leben. Barys Kit zeigt den anderen im Altersheim, dass es möglich ist, so alt zu werden“, sagt Beil-Chalupa.

Doch heute wird erstmal sein 107. Geburtstag gefeiert, viele Gäste, auch der Oberbürgermeister, werden ihm gratulieren. Nur die Freunde, die sind alle längst verstorben. Kit hat sein Lachen darüber nicht verloren. „Ich bin immerhin der älteste Mann im Haus.“

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