Wer sich auf Wiesen und in Wäldern aufgehalten hat, sollte sich danach gut nach diesen kleinen Krankheitsüberträgern absuchen. Im Hochrisikogebiet Darmstadt-Dieburg genügt zuweilen eine Stunde, und schon krabbeln einige Zecken am Schienbein hoch.
+
Wer sich auf Wiesen und in Wäldern aufgehalten hat, sollte sich danach gut nach diesen kleinen Krankheitsüberträgern absuchen. Im Hochrisikogebiet Darmstadt-Dieburg genügt zuweilen eine Stunde, und schon krabbeln einige Zecken am Schienbein hoch.

Medizin

Ärzte in Frankfurt schlagen Zecken-Alarm

  • VonMichelle Spillner
    schließen

Die Zahl der FSME-Erkrankungen ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Hinzu kommt: Nur wenige Hessen sind geimpft.

Frankfurt – Die Neurologin Professor Dr. Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der Neurologie am Nordwestkrankenhaus und Vorsitzende der Leitlinienkommission für Virale Meningoenzephalitis, schlägt Alarm: FSME-Erkrankungen durch Zeckenbisse nehmen zu. 58 Prozent mehr Erkrankungsfälle wurden im Jahr 2020 gezählt. "Das ist mit 712 Fällen bundesweit die höchste Fallzahl seit 2001", sagt sie.

Nun könnte man angesichts der Bezeichnung der Erkrankung - FSME heißt "Frühsommer-Meningoenzephalitis" - in der Annahme sein, dass man im Winter sicher sei: "Aber die Winter sind wärmer geworden - wir hatten ja schon Weihnachten mit 10 Grad -, und Zecken sind schon ab 7 oder 8 Grad aktiv", erklärt die Neurologin. Die FSME ist also ein Ganzjahresthema geworden. Die Ärzte seien in großer Sorge.

Frankfurt: FSME-Impfungen durch Corona in den Hintergrund getreten

Für den Anstieg der Erkrankungsfälle hat sie mehrere Erklärungsansätze: "Die Menschen waren in den vergangenen eineinhalb Jahren mehr in der Natur." Und: Durch Covid-19 seien die FSME-Impfungen in den Hintergrund getreten. Die Impfrate ist dadurch rückläufig und "erschreckend gering", gerade in Hessen.

Laut einer Marktforschungsumfrage aus dem Jahr 2019/2020 unter 39 000 Menschen sind in Hessen nur 18 Prozent der Menschen gegen FSME geimpft. Schlechter sind die Impfraten nur noch in Baden-Württemberg (16 Prozent) sowie im Saarland; Thüringen führt mit mehr als 30 Prozent, was immer noch zu wenig sei. Bundesweit sind gerade mal 23 Prozent der Bevölkerung geimpft. In Österreich, wo die Impfung klar geregelt sei, seien fast 90 Prozent geimpft und es gebe praktisch keine FSME- Erkrankungen.

FSME durch Zeckenbisse: Erkrankung durch Impfung vermeidbar

Denn die Impfung bewirkt einen 95-prozentigen Schutz davor, an FSME zu erkranken. Nur alle drei bis fünf Jahre müsse sie aufgefrischt werden. Bedauerlicherweise seien die Impfraten hierzulande gerade bei den über 60- und 70-Jährigen besonders niedrig, die viel draußen seien und in ihrem Garten arbeiteten. Gerade die Älteren erlitten häufiger schwere Verläufe und ihr Risiko, durch eine FSME-Erkrankung zu sterben, sei um ein Vielfaches erhöht.

"Es ist eine wirklich vermeidbare Erkrankung, wenn man sich impfen lässt. Die Zahlen machen uns Ärzte regelrecht traurig", so Uta Meyding-Lamadé. Sie erinnere sich an einen alten Herrn, der monatelang auf der Intensivstation beatmet werden musste. Er war mit dem Enkelkind auf dem Spielplatz gewesen und dort von einer Zecke gestochen worden. Unter Kindern sei die Impfrate sehr gut, auch bei deren Eltern, die oft vom Kinderarzt direkt mitgeimpft würden. Aber die Großeltern, die ja häufig mit den Kindern draußen unterwegs seien und die es dringend bräuchten, werden nicht so gut erreicht.

Prof. Uta Meyding-Lamadé

Problemfall Zeckenbiss: Die Folgen einer Erkrankung

Natürlich gebe es Erkrankungsfälle, die quasi unbemerkt mit einem leichten grippalen Infekt vorübergingen. Aber es kann zur Hirnhautentzündung kommen, mit den typischen Symptomen Fieber, Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit. Komme es gar zur Hirnentzündung, dann kommen Bewusstseinsstörung hinzu: "Der Patient ist desorientiert, verwirrt oder sogar wahnhaft oder auch schläfrig und bewusstseinsgemindert." Die Hirnhautentzündung könne - rechtzeitig erkannt - vollständig ausheilen, oftmals blieben aber Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungseinschränkungen, auch bei Kindern.

Nach der schwereren Hirnentzündung litten zehn bis 20 Prozent der Patienten unter anderem unter anhaltender Müdigkeit, Lähmungen, neurophysiologischen Auffälligkeiten, Anfällen, Gangunsicherheiten und Hörstörungen. Die Sterblichkeit liege bei einer Hirn- und Rückenmarksentzündung bei einem Prozent, bei über 50-Jährigen sogar bei über drei Prozent.

Frankfurter Neurologin zu den schweren Folgen einer FSME-Erkrankung nach Zeckenbiss

Die Behandlung sollte unbedingt in einer neurologischen Klinik erfolgen, rät Meyding-Lamadé: "Zur Sterblichkeit kommt es, weil auch der Hirnstamm entzündet sein kann, der Zentralcomputer." Dann könne es auch zu Herzrhythmusstörungen, Blutdruckkrisen und Symptomen kommen, die man vielleicht nicht mit der Neurologie verbinden würde. "Das wissen wir in den speziellen neurologischen Intensivstationen, deshalb werden die Patienten bei uns entsprechend überwacht und mit Medikamente über diese Krisen hinweg begleitet." Ansonsten könne es passieren, dass Patienten, die verwirrt sind, Fieber haben und schläfrig sind, in ein Zimmer gelegt werden und an einer Herzrhythmusstörung sterben, weil ihre Vitalfunktionen nicht überwacht werden.

Prof. Dr. Uta Meyding-Lamadé ist Expertin zu dem Thema, hält Fachvorträge und ist Mitherausgeberin eines Nachschlagewerkes über "Neuroinfektiologie", das in diesem Jahr erschienen ist und jetzt schon als Standardwerk gilt. (Michelle Spillner)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare