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Kein Kinderarzt im Viertel: Situation am Stadtrand „absolut unbefriedigend“

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Von: Michelle Spillner

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In Frankfurt verschlechtert sich die medizinische Versorgung für Kinder in den äußeren Vierteln immer mehr.
In Frankfurt verschlechtert sich die medizinische Versorgung für Kinder in den äußeren Vierteln immer mehr. © Sebastian Gollnow/dpa

Die Viertel am Stadtrand Frankfurt sind für Kinder immer schlechter versorgt. Am kinderreichen Riedberg fehlt ein Kinderarzt.

Frankfurt – Der Stadtteil Kalbach-Riedberg gehört zu denen mit dem höchsten Anteil an Kindern unter 18 Jahren, aber es gibt dort keinen Kinderarzt. Mit 5797 Kindern stellten die unter 18-Jährigen dort im Jahr 2020 sogar die größte Bevölkerungsgruppe dar: 26,1 Prozent. Mehr Kinder gab es 2020 nur in den Stadtteilen Bockenheim (6561) und Gallus (6962) - aber dort gab es damals auch immerhin jeweils 1,5 (Gallus) beziehungsweise zwei Kinderarztpraxen (Bockenheim). In diesen Stadtteilen hat sich seither der Versorgungsauftrag sogar um jeweils eins erhöht, in Kalbach-Riedberg tut sich nichts.

Die letzte Kinderarztpraxis in Kalbach-Riedberg verschwand im September 2020 mit der Schließung des Facharztzentrums. Ortsvorsteherin Ulrike Leißner (Die Grünen) findet das "absolut unbefriedigend". Sie, wie auch die Kinderbeauftragte Eva Maria Lang, bezeichnen es als unzumutbar, wenn Eltern mit kranken Kindern, womöglich auch noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, weite Wege zurücklegen müssen. Ulrike Neißner fürchtet gar, dass Eltern den Aufwand scheuen und sogar wichtige Vorsorgeuntersuchungen ausfallen lassen.

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Dabei habe sich in Frankfurt hinsichtlich der Kinderärzte inzwischen ja etwas getan, wie die Kassenärztliche Vereinigung Hessen darstellt. Mit der Weiterentwicklung der Bedarfsplanungsrichtlinie im Jahr 2019 seien die Verhältniszahlen in Frankfurt innerhalb der pädiatrischen Versorgung von 2405 auf 2043 Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren pro Versorgungsauftrag angepasst worden. Das führe zu einem Anstieg der pädiatrischen Sitze in Frankfurt um 12 Prozent und damit zu 8,5 Versorgungsaufträgen mehr fürs Stadtgebiet, von denen jetzt sieben in Frankfurt ansässig sind.

Von einer Änderung der Bedarfsplanungsrichtlinie haben die Kinderärzte aber nur dann etwas, wenn auch zusätzliches Geld in die Honorarsysteme fließt, ansonsten verteilt sich der kinderärztliche Honorarkuchen nur auf mehr Kinderärzte, wie Kinderarzt Burkhard Voigt vom Berufsverband hessischer Kinder und Jugendärzte schon 2019 kritisierte.

Die Erreichbarkeit der Hausärzte in Frankfurt.
Die Erreichbarkeit der Hausärzte in Frankfurt. © Kassenärztliche Vereinigung Hessen

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Und die Bürger in Kalbach und am Riedberg haben davon gar nichts. Denn Kinder- und Jugendärzte haben sich daraufhin mehrheitlich für die innenstadtnahen Stadtteile beworben - allein 9,5 sogenannte Versorgungsaufträge gibt es in Sachsenhausen und fünf in der Innenstadt. "Ein Antrag auf eine vertragsärztliche pädiatrische Tätigkeit im Stadtteil Kalbach-Riedberg wurde nicht gestellt", teilt die Kassenärztliche Vereinigung mit.

"Ich kann mir nicht erklären, warum sich hier bei uns niemand niederlassen will. Bereits 2019 gab es dazu Gespräche, allerdings mit dem Ergebnis, dass kein Arzt in einen Stadtteil gezwungen werden kann", schildert Eva Maria Lang. Und genau das ist der Kritikpunkt der Ortsvorsteherin: "Die Kassenärztliche Vereinigung legt einen rechnerischen Bedarf für Frankfurt an, empfindet den als ausreichend, differenziert aber nicht nach Standorten. Unsere Kritik ist, dass das Raster zu groß ist. Niemandem ist damit gedient, wenn es in Sachsenhausen acht Praxen gibt (2020) und bei uns niemanden."

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Und den Kinderärzten ist damit auch nicht gedient. Rein geographisch betrachtet gibt es Praxen, die in ihren Ortsteilen basierend auf den Zahlen von 2020 rechnerisch auf jeweils rund 600 Kinder kommen - zum Beispiel bei fünf Praxen auf 3097 Kindern in Höchst - oder aber auf jeweils 3000 Kinder (für die beiden Praxen im Gallus).

Die Kassenärztliche Vereinigung verweist angesichts der Versorgungslücke in Kalbach-Riedberg auf Kinder- und Jugendärzte in angrenzenden Stadtteilen und sogar im Hochtaunuskreis: auf das etwa zwei Kilometer entfernte Niedereschbach und das sechs Kilometer entfernte Niederursel, wo sich fünf Kinderärzte mit 4,5 Versorgungsaufträgen niedergelassen haben sowie auf Bad Homburg (6 Kilometer) und Oberursel (8 Kilometer), wo es insgesamt acht Kinderärzte gibt. "Diese Kinderarztpraxen sind aber auch überfüllt", weiß Eva Maria Lang. Seit Jahren gibt es immer wieder Fälle von Eltern, die lange Zeit auf der Suche nach einem Kinderarzt sind. Viele Kinderärzte nehmen schon keine neuen Patienten mehr an, weil sie längst die Mittagspausen durcharbeiten - erst recht seit der Pandemie.

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"Wir wünschen uns, dass der Bemessungsradius reduziert wird und entsprechende Hilfen analog jener der Hausärzte auf dem Land gewährt werden, denn die Mieten, die hier gezahlt werden müssen, müssen auch erstmal erwirtschaftet werden", sagt Ortsvorsteherin Neißner.

Für die Ortsbeiratssitzung am Freitag liegt ein gemeinsamer Antrag vor, wonach der Magistrat gebeten werden soll, erneut Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen aufzunehmen, zu prüfen, inwieweit finanzielle Unterstützungen gezahlt werden können und nach geeigneten Flächen zu suchen, "damit zeitnah wieder eine kinder- und jugendärztliche Versorgung auf dem Riedberg gewährleistet wird". (Michelle Spillner)

Schon 2019 hat die KV Hessen einen dramatischen Mangel an Kinderärzten in Frankfurt eingeräumt.

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