+
„ACAB“ steht für „All Cops Are Bastards“ - eine Beleidigung, die früher bei den „Ahorn-Boys“ zur Grundeinstellung gehörte und heute im Viertel teils immer noch gepflegt wird.

Bronx-Image ist wieder da

Nach Angriffen auf Beamte: Polizei richtet Task-Force für die Ahornstraße ein

  • schließen

Massive Attacken junger Männer gegenüber Polizisten bringen Bronx-Vorwürfe in die Ahornstraße in Griesheim zurück. Nun richtet die Polizei Frankfurt eigens eine Arbeitsgruppe ein. 

Update vom Sonntag, 26.04.2020, 20.18 Uhr: Die Polizei hat auf die Angriffe auf Beamte am Karfreitag in der Ahornstraße reagiert und eine Arbeitsgruppe (AG) eingerichtet: Unter der Leitung der Polizeidirektion Süd werden seit dieser Woche alle polizeilichen Maßnahmen für Griesheim gebündelt und zentral koordiniert.

Ziel ist es, die Sicherheit der Anwohner zu erhöhen und den Bürgern auch mehr Sicherheit zu vermitteln, aber auch, die kriminellen Strukturen im Viertel aufzudecken, damit das Gebiet um Ahorn- und Kiefernstraße nicht ständig im Polizeibericht auftaucht.

Ahornstraße in Frankfurt: Polizei erhöht Kontrollen

Wie berichtet, hatte am Abend des Karfreitags eine Gruppe junger Männer Polizisten angegriffen, als diese die Zusammenstehenden auf das coronabedingte Kontaktverbot hinweisen wollten. In der Folge brannten auch mehrfach Mülltonnen im Viertel. Bereits unmittelbar nach den Vorfällen hat die Polizei ihre Präsenz erhöht und mehr kontrolliert. Diese Kontrollen seien einer der drei Schwerpunkte, die das Konzept der AG kennzeichnen, teilt die Polizei mit: Sämtliche Kontrollen würden koordiniert, die Ergebnisse ausgewertet. Aktuell werde dabei auch nach wie vor auf die Einhaltung der Corona-Verordnung geachtet.

Aber auch den Brandstiftungen - zuletzt haben nachts wieder Mülltonnen in der Kiefernstraße gebrannt - werde nachgegangen. Es sei gelungen, zwei Tatverdächtige zu verhaften. Die daraus resultierenden Ermittlungen bilden die zweite wichtige Säule der Arbeitsgruppe. Sie würden ebenso zusammengeführt, um die Situation zu entschärfen. 

Frankfurt: Sozialarbeiter sollen in Ahornstraße Netzwerk aufbauen

Der dritte Schwerpunkt liege bei der Prävention: So will die Polizei künftig verstärkt zusammen mit Jugend- und Sozialarbeitern sowie anderen Kräften ein Netzwerk bilden, um den strukturellen Problemen in Griesheim-Mitte zu begegnen und Jugendliche und Heranwachsende davor zu bewahren, auf die schiefe Bahn zu geraten. „Wir ziehen unsere Schlüsse aus diesem Ereignis und wollen der Problematik vielschichtig und mit einem ganzheitlichen Ansatz begegnen, betont Polizeipräsident Gerhard Bereswill. 

Die Frankfurter Polizei legt großen Wert auf das gemeinsame Zusammenwirken mit allen Beteiligten und will für die Bewohner in der Siedlung jederzeit ansprechbar sein. Gleichzeitig würden Informationen auf den Social-Media-Kanälen der Frankfurter Polizei zur Verfügung gestellt (@polizei_ffm).

Ahornstraße in Frankfurt: Bronx-Image ist zurück

Erstmeldung vom Freitag, 17.04.2020: Da ist es wieder, das böse Wort von der Bronx, von der „No-Go-Area“. In der Ahornstraße in Griesheim hatten viele das, was vor 20 Jahren unverhohlen ausgesprochen wurde, als überwunden geglaubt. Wollten solche Zuweisungen nicht mehr hören. Zu lange her die Zeit, als nächtens Autos und Mülltonnen in Flammen aufgingen. Zu lange her, dass der 19-jährige Kai-Uwe Gärtner den Tod fand, erschossen auf einem nahe gelegenen Bahndamm, geschehen vor 27 Jahren.

Seither gab es Verschönerungsaktionen an den Häusern, die zeigen sollten: Hier ist es gar nicht so schlimm. Es wurde begrünt, ein Feuchtbiotop angelegt, und manchmal ein bisschen beschönigt. Man habe sich selbst aus dem Sumpf gezogen, sagten Anwohner, die sich zu Aufräumaktionen zusammengetan hatten. Das war Ende der 90er Jahre. Heute klingt es nach Pfeifen im Walde. Heute, acht Tage nach massiven Bedrohungen und Angriffen auf Polizisten in der Ahornstraße, nach Waffenfunden in Wohnungen, nach Hubschrauber-Einsatz, nach sechs Festnahmen. Die Polizei spricht von einem „Hotspot“. Das Bronx-Image ist zurück.

Frankfurt: Bürgerbeteiligung gegen schlechten Ruf der Ahornstraße

Schon wieder die Ahornstraße, das sei ihr erster Reflex gewesen, als sie von den Vorfällen vom Karfreitag gehört habe, sagt Susanne Serke. Die gelernte Bankkauffrau ist seit 2016 im Ehrenamt Vorsitzende des Ortsbeirats 6, Mitglied der CDU und zuständig für 130 000 Einwohner im Frankfurter Westen mit den Stadtteilen Goldstein, Griesheim, Höchst, Nied, Schwanheim, Sindlingen, Sossenheim, Unterliederbach, Zeilsheim.

Sie ist in Nied aufgewachsen, kennt die Gegend und ihre Pappenheimer, auch die in der Ahornstraße in Griesheim. „In den vergangenen Jahren gab es dort aber nicht mehr schlechte Nachrichten als in anderen Stadtteilen“, sagt sie. Es sei viel erreicht worden, nicht zuletzt durch die Beteiligung von Bürgern an Gestaltungs-, Planungs- und Entscheidungsprozessen. „Da engagieren sich Menschen, die in der Straße fest verwurzelt sind.“

Frankfurt: Kein Triumphgefühl aufkommen lassen

Aber sie will die Attacke nicht kleinreden. Angriffe mit Steinen, Dachlatten, Eisenstangen auf Polizisten machen sie sprach- und ratlos. „Lösungen habe ich da nicht parat“, sagt sie. Dass die Polizei sechs der Angreifer vorübergehend festgenommen hat, nachdem sie bei Wohnungsdurchsuchungen Dolche, Messer, Schlagringe, Würgehölzer und Schreckschusspistolen gefunden hatte, hat ihrer Meinung nach kaum abschreckend gewirkt. „Die Täter waren am Freitagabend alle wieder zu Hause“, sagt Serke. 

Sie kennt das rechtsstaatliche Gebot, wenn nämlich Beschuldigte einen festen Wohnsitz haben und keine Fluchtgefahr besteht. Aber sie weiß auch, dass dies in gewissen Kreisen als Triumph gegenüber der Polizei erlebt und gefeiert wird. Dennoch will sie die Ahornstraße keine „No-Go-Area“ nennen. Gerade dass die Polizei im Rahmen von Corona-Kontrollen am Karfreitag die Ahornstraße bestreift habe, anstatt sie zu meiden, beweise das Gegenteil.

Frankfurt: Viel erreicht in der Ahornstraße

Auf die Ereignisse von vor einer Woche schaut Klaus-Dieter Strittmatter auf seine Weise. Strittmatter ist Polizist, oder besser: Er war es. Mit Stationen im Polizeipräsidium, Landeskriminalamt, Innenministerium. 2015 wechselte er zur Stadt Frankfurt, wurde Leiter der Geschäftsstelle des Frankfurter Präventionsrates. Dieser will mit Informationsveranstaltungen auf die Vorbeugung und Verhütung von Straftaten hinwirken. 

Er kennt die Situation der Ahornstraße vor 20, 30 Jahren als Polizist und sagt: „Die jüngsten Vorfälle sind mit Sicherheit nicht vergleichbar mit den Situationen von vor 20 Jahren - auch wenn es so anmutet.“ Vielmehr sei „ein Großteil der Corona-Situation geschuldet“. Ihm ist es wichtig, dass Griesheim und der Bereich Ahornstraße nicht stigmatisiert werden. „In der Vergangenheit ist sehr viel passiert und erreicht worden im Stadtteil“, sagt er. Es sei nicht alles optimal - trotz aller Bemühungen*. Aber eben auch nicht alles schlecht.

Frankfurt: Ahornstraße ist kein Sonderfall

Was die Lage in der Ahornstraße besonders mache, sei auch der Umstand, dass dort seit Jahrzehnten und damit Generationen mehr oder weniger die gleichen Familien wohnhaft seien. Strittmatter: „Diese wurden dort vor Jahrzehnten angesiedelt. Ob das in der Kompaktheit glücklich war, bedürfte einer entsprechenden wissenschaftlichen Analyse.“

Er will nichts wissen von einer „No-Go-Area“. Eine solche gebe es in der ganzen Stadt nicht. Auseinandersetzungen von Heranwachsenden-Gruppen mit der Polizei habe es in vielen Stadtteilen in Frankfurt und auch in anderen Großstädten schon gegeben. „Nach meinem Dafürhalten sind die Anlässe und Ursachen vielfältig und meistens nichtig, ohne die Auseinandersetzungen an Ostern hier in der Ahornstraße kleinreden zu wollen.“

Frankfurt: Strafrechtliche Verfolgung der Beschuldigten soll sichergestellt sein

Das politische Griesheim werde sich mit den Vorfällen in der Ahornstraße vorerst nicht befassen, sagt Serke. Zu viel sei liegengeblieben durch die Corona-bedingte Zwangspause. Wenn der Ortsbeirat hoffentlich im Mai zu einer Präsenzsitzung zusammenkomme, müssten drängende, weil an Fristen gebundene Angelegenheiten abgearbeitet werden.

Es sei ohnehin unmittelbar die Justiz zuständig und am Zuge, um die wegen schweren Landfriedensbruchs, versuchter gefährlicher Körperverletzung und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung angezeigten 26- bis 31-jährigen Beschuldigten strafrechtlich zu verfolgen. „Auch wenn es vermutlich sehr lange dauern wird“, sagt sie. Es sei halt eine schwierige Zeit.

Von Sylvia A. Menzdorf und Holfer Vonhof

Auch in Frankfurt-Ginnheim wurde bei einem Polizeieinsatz eine Polizistin angegriffen: Als ihre Streife an einem Einsatzort ankommt, wird sie mit einer Feuerwerksrakete beschossen.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwkers.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare