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Die Schüler der Carl-Schurz-Schule in Sachsenhausen wurden vom medialen "Shitstorm" überrannt. Und dieser ging nicht spurlos an den Jugendlichen vorbei.

Berichterstattung in der Kritik

Abschlussfahrt auf AIDA-Kreuzfahrtschiff: Schüler sind "ziemlich sauer"

Zwei Leistungskurse der Carl-Schurz-Schule fahren auf Abschlussfahrt mit dem Kreuzfahrtdampfer nach Norwegen. Dafür wurden sie in Medien und Internetforen heftig kritisiert und auch mit Häme überzogen.

Frankfurt - "So kann man nicht mit unseren Kindern und Jugendlichen umgehen", regt sich Roland Limberg auf. Der Kinderbeauftragte im Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen) ist Mitglied im Elternbeirat der Carl-Schurz-Schule, die jetzt bundesweit bekannt geworden ist, weil 33 Schüler fünf Tage lang mit dem Kreuzfahrtschiff auf Abschlussfahrt gehen.

Die Nachricht hatte in dieser Woche medial weite Kreise in der ganzen Republik gezogen. Hämische Kommentare auf sozialen Medien folgten sogleich, die Verfasser machten bei den Schülern eine Doppelmoral aus: "Da sieht man, wie unglaubwürdig die sind: Sonntag bis Donnerstag auf Kreuzfahrt, freitags dann zur Greta-Demo" oder "Lässt sich der Wahnsinn noch steigern? Typisch Gymnasium" war etwa auf Facebook zu lesen.

Kritik an Berichterstattung

"Ich war entsetzt, wie auf den Kindern herumgehackt wurde, wie sie in den sozialen Medien angegangen wurden", sagt Limberg. "Der Hessische Rundfunk, der das Ganze losgetreten hat, muss in die Verantwortung gezogen werden. Wenn der öffentliche-rechtliche Rundfunk einen solchen Beitrag sendet, muss er doch mit den Folgen rechnen: Es war klar, dass dies einen ,Shitstorm' nach sich zieht. Der HR hat in meinen Augen verantwortungslos gehandelt." Die Stimmung bei den Schülern sei in den letzten Tage gedrückt gewesen.

Schüler sind betroffen, wollen aber Vorhaben wie geplant durchziehen 

Der Schulleiter des Gymnasiums Hans-Ulrich Wyneken bestätigt: "Viele Schüler sind betroffen und fragen sich, wie es sein kann, dass sie so instrumentalisiert werden." Zwei Jugendliche seien in Beiträgen mit ganzen Namen zitiert worden, obwohl sie das nicht explizit erlaubt hätten. "Die Schüler haben einen gewissen Galgenhumor entwickelt und gesagt, sie fahren trotzdem", so Wyneken. Weil die meisten der Schüler gestern Klausuren zu schreiben hatten, hätten sie sich aber aufs Lernen konzentriert. Zwei Schüler, die er selbst unterrichte, seien aber ziemlich sauer und wollten sich Medien gegenüber nicht mehr äußern.

"Es sind immer noch unsere Kinder, und mit ihnen können wir so nicht umgehen"

Denn der Fernsehbericht des Privatsenders RTL sei noch schlimmer gewesen als der des Hessischen Rundfunks, habe falsche Fakten übernommen. Andere Medien hätten mehrheitlich fair berichtet.

Die Hessenschau-Redaktion hat inzwischen auf Medienanfragen hin ihren Beitrag als "Glosse" bezeichnet. Die Redaktion nehme die Kritik ernst und werde das Format überdenken, hieß es. "Es kann doch nicht sein, dass Schüler für etwas in Haft genommen werden, was sie nicht getan haben" sagt Limberg. Bei den "Fridays For Future"-Demonstrationen mache in den betroffenen Mathe- und Physikkursen nur eine Schülerin mit. Wenn es überhaupt eine Doppelmoral gebe, dann bei den Erwachsenen, denn die verhielten sich durch und durch klimaschädlich. "Selbst die Radfahrer, die sich für besonders umweltfreundlich halten, machen sich nicht klar, dass ihre Räder - am besten mit Carbonrahmen aus Kohlefasern - in China und Taiwan produziert werden und mit Containerschiffen hierher gelangen. Und die fahren mit Schweröl".

Er wolle den Schülern den Rücken stärken, sagte Roland Limberg. "Es sind immer noch unsere Kinder, und mit ihnen können wir so nicht umgehen", findet der Kinderbeauftragte.

Stefanie Wehr

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