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(FILES) In this file photo taken on November 14, 2004, a visitor faces a wall of photographs depicting survivors of the Auschwitz concentration camp who testified in the so-called "Frankfurt Trial", at the Martin Gropius Museum in Berlin, including previously unreleased sound recordings detailing the proceedings during which Nazi camp commanders at Auschwitz were finally put on trial. The case files of the first Frankfurt Auschwitz Trial (1963 - 1965) officially were added to the Memory of the World register of the UNESCO on May 16, 2018. / AFP PHOTO / John MACDOUGALL

Urkundenübergabe im Haus Gallus

Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sind nun Welterbe

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Niemals soll vergessen werden, welche Verbrechen im größten Vernichtungslager des zweiten Weltkriegs, in Auschwitz begangen wurden. Mehr als eine Millionen Menschen wurden dort ermordet - von Menschen, die nach dem Krieg zum größten Teil wieder in ein normales Leben zurückkehrten. Die Akten des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses sind nun als Unesco Weltdokumentenerbe für die Zukunft aufbewahrt.

Bald wird niemand mehr aus erster Hand berichten können, was in Auschwitz geschah. Was bleibt, wenn eines Tages auch der letzte Zeitzeuge verstummt, sind Dokumente und Aufzeichnungen. Die Hoffnung, niemals zu vergessen, welche Gräueltaten und unfassbare Verbrechen einst von deutschen SS-Männern verübt wurden, ruhen dann auf authentischen Originalen: Wie jenen der Prozessakten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses.

Insgesamt 454 Aktenbände sowie Tonbandmitschnitte der Zeugenaussagen mit einer Gesamtspieldauer von 430 Stunden zeugen vom größten deutschen Strafprozess und einer Zäsur in der Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs. Ende Oktober vergangenen Jahres wurden die Akten von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt. Nun fand an historischer Stätte im Saalbau Gallus der entsprechende Festakt mit Übergabe der Urkunde statt.

Denn was in Auschwitz geschehen ist, dürfe nie vergessen werden, darin sind sich die hochrangigen Gäste aus Politik, Justiz und Gesellschaft einig. Unter den geladenen Gästen befindend sich auch Gerhard Wiese. Der 89-Jährige verfasste damals als Staatsanwalt die Anklageschrift im Auschwitz-Prozess und ist der letzte lebende Prozessbeteiligte. Unter großem Applaus wird er von den Rednern begrüßt. Diese freuen sich jedoch auch darüber, dass auch einige Schulklassen im Publikum sitzen - junge Menschen, die die Notwendigkeit der Erinnerung weitertragen könnten.  

Der Vorsitzende des deutschen Nominierungskomitees „Memory of the World“, Joachim-Felix Leonhard, war selbst einst als 18-jähriger Schüler Augenzeuge der Prozesse. Obwohl er bloß einen einzigen Tag lang den Prozess von der Zuschauertribüne aus verfolgte, seien es Eindrücke gewesen, die er ein Leben lang nicht vergessen könne.

Männern in die Augen zu sehen, die er auf der Straße wohl als Biedermänner einschätzen würde und die dennoch unvorstellbar grausame Taten verübten. „Jede Form von Schuld wurde bestritten“, erzählt er und noch 54 Jahre nach dem Gerichtsbesuch zeugt seine ruhige Stimme von Entsetzen und Unverständnis über die abgebrühte Arroganz der 22 damals angeklagten SS-Männer.

Während die Gesellschaft der Nachkriegsjahr mehr mit sich selbst beschäftigt war und Vergangenes verdrängte, öffnete der Auschwitz-Prozess schonungslos alte Wunden, brachte beschämende Wahrheiten hervor und ermöglichte so, die Kriegsjahre wirklich aufzuarbeiten. Das diese Wahrheiten auch noch mehr als 70 Jahre nach dem Krieg wehtun, beweist Leonhard, als er drei der Tonaufnahmen vorspielt.

Eine surreal gefasst wirkenden Männerstimme erzählt in osteuropäischen Akzent wie er von seiner Frau und seinen Kinder an der Rampe getrennten wurde - ohne Abschiedskuss, ohne Umarmung: „Ich sah sie nie mehr wieder!“ Eine andere Stimme berichtet von der beruhigenden Wirkung des Roten-Kreuz-Wagens, der - was niemand musste - in Wahrheit das Zyklon B zu den Gaskammern fuhr.

Diese Stimmen der Opfer sorgten für eine „Rückverwandlung dieser anonymen Rädchen in Menschen mit eigenem Willen, eigener Verantwortung und eigener Schuld“, wie es der Hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) mit Blick auf die Auschwitz-Täter in seiner Festrede ausdrückt.

Er verspricht, den Anforderungen der Unesco stets gerecht zu werden, um dieses Kulturerbe zu wahren. Laut einer aktuellen Umfrage. plädierten inzwischen 81 Prozent der Deutschen dafür, endlich einen Schlussstrich unter das Kapitel des Nazi-Regimes zu ziehen. Auch dazu gibt Rhein ein Versprechen ab: „Es wird, es kann und es darf diesen Schlussstrich niemals geben!“

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